Wenn man sich die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre anschaut, dann wird man die Augen vor einer tiefen Spaltung nicht verschließen können.
Natürlich gaukelt uns die Erinnerung vor, dass es so etwas „früher“ oder „als wir jung waren“ nicht gegeben habe. Wer in der alten Bundesrepublik gelebt hat, möge sich an die Siebziger Jahre erinnern. Wer in der DDR gelebt hat, möge sich an die real existierende Gängelei erinnern, nicht an die heute produzierten Zerrbilder, wenn sich Menschen am Wochenende treffen, um mit DDR-Fahrzeugen romantische Runden durch mildes Frühlingswetter zu drehen. Sollen sie machen — aber solcherlei „gelebte Projektion“ hat mit der „real existierenden DDR“ nichts zu tun.
Oder man denke an die Zeit direkt nach der Wende. Das war für viele Menschen alles andere als lustig.
Warum ich das schreibe? Weil es keineswegs das erste Mal ist, dass es unsere Gesellschaft durchschüttelt. Es mag nur für manche von uns das erste Mal im Laufe ihres Lebens stattfinden.
Es ist sicher heftig, was dieser Tage passiert. Aber man denke an 1989 — als man im September vielleicht ahnte, dass da etwas kommen könnte — und anfing, sich etwas zu trauen, und als man sich im Oktober wirklich etwas traute — und das dann im November überraschend ein gutes Ende nahm.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Die heutige Situation ist eine ganz andere Lage als 1989. Manche werden denken: Nein, nein, so abwegig ist der Vergleich gar nicht. ;-) Es geht mir bei dem Vergleich nur darum zu illustrieren, dass viele von uns schon erlebt haben, wie stark es eine Gesellschaft „durchschütteln“ kann. Diejenigen, die sich erinnern können, erinnern sich vielleicht an dieses Gefühl: Man konnte sich keineswegs sicher sein, dass es klappen würde, und zwar zu keiner Sekunde — bis es eben glücklicherweise vorbei war.
Heute sind sich manche allzu sicher, dass sich Geschichte wiederholen könnte, dass sich Geschichte aber nicht wiederholen dürfe, dass „nie wieder“ jetzt sei, und dass alles (!) getan werden müsse, und zwar sofort!
Das ist m.E. geschichtsvergessen, denn die heutige „rechte“ Bewegung ist viel mehr eine Antwort auf heutige Vorgänge, als dass sie jenen Verbrecherstaat zu wiederholen trachtet. Geschichte wiederholt sich, aber nicht genau so und nicht am gleichen Ort. Natürlich gibt es ein paar „ewig Gestrige“. Aber 80 Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazistaates ist „Widerstand“ ganz einfach, er kostet nichts, er bringt Beifall und Likes — und vor allem verhindert er, sich selbst eine Meinung bilden zu müssen.
Gesellschaftliche Entwicklungen sind oft wellenartig, und sie sind das Ergebnis von Interaktionsprozessen. Es ist nicht so, dass die eine Seite nur „gut“ wäre und sich nur die andere — gewissermaßen „böse“ — Seite radikalisiert hätte.
Diese Interaktionsprozesse sind auf diesem Blog mehrfach thematisiert worden, also warum noch einmal? … Vielleicht, weil es sich lohnt, die „psychologischen Spitzen“ der Spaltung anzusehen — nicht das, was uns spaltet, sondern die Schleifsteine, welche die Axt, die uns spaltet, erst so richtig scharf machen.
Scharfmacher gibt es auf allen beteiligten Seiten. Pardon, mindestens auf einer Seite muss man von ScharfmacherInnen sprechen.
Es geht um den Furor, der Leute auf die Straße treibt. Es sind höchstens 15 Prozent, die auf die Straße gehen, eher weniger. Den Rest treibt es nur in Sorgen oder Diskussionen. Hier geht es nicht um das, was in den Diskussionen oder auf der Straße verhandelt wird. In diesem Text geht es um den Treibstoff.
Dieser Treibstoff besteht aus Emotionen.
Der Umstand, dass wir uns Gedanken machen können, ist, menschheitsgeschichtlich betrachtet, vergleichsweise neu. Das Bewusstsein hängt an der Fähigkeit zur Sprache, erst dadurch sind wir zu der Fähigkeit gekommen, uns unserer selbst gewahr zu sein. Das Unterbewusstsein hingegen steuert uns „schon immer“, will heißen: das Unterbewusstsein ist viel älter, viel selbstverständlicher, viel direkter und unmittelbarer in seiner Verhaltensbeeinflussung, wenn nicht sogar: Verhaltensbestimmung. Und so ist unser Leben reich an Beispielen, in denen uns logisches Denken zu einer ganz anderen Entscheidung gebracht hätte — wenn da nicht starke Emotionen gewesen wären.
Spätestens unter Druck ist es doch meistens so: Wir treffen intuitiv oder impulsiv eine Entscheidung, und später rechtfertigen wir diese Entscheidung mit vielen Worten vor uns selbst und vor anderen. Theorien über „Geltungsansprüche“ in der Kommunikation und „rationale Begründungen“ oder gar „gewaltfreie Kommunikation“ sind nett — und (spätestens unter Druck) unzutreffend.
Zivilisation braucht eine gewisse Zurückhaltung. Die Erlebnisgeneration wusste, was passiert, wenn man es übertreibt. Die heutigen Menschen wissen das, so scheint es, zu größeren Teilen nicht mehr. Wir riskieren Polarisierungen mit einer gewissen Leichtigkeit, die uns Sorgen machen sollte — oder woher kommen sonst die großen Worte, die manche von uns heute im Munde führen? Bspw. dass man zur Not Waffengewalt anwenden sollte, um den Wahlsieg einer bestimmten Partei zu verhindern? Die letzten Mitglieder der Erlebnisgeneration sind gestorben. Mit ihnen starb die Zurückhaltung. Große Kriege werden erst wieder möglich, wenn jene, die den letzten großen Krieg gesehen haben, gestorben sind. Wir leben längst in einer neuen Realität.
Die gegenwärtige Polarisierung besteht nicht nur aus unterschiedlichen Meinungen oder politischen Präferenzen. Sie besteht vor allem aus emotionalen Aufladungen, die sich selbst für „gerecht“ oder „legitim“ halten — und die sich anhand der jeweiligen Gegenreaktionen (quasi sich voneinander abgrenzend) gegenseitig verstärken. Die (für radikal gehaltene) Reaktion des Gegenübers wird zur Legitimation für die eigene Zuspitzung oder Radikalisierung.
Angesichts der jüngeren Entwicklungen entstehen auf der einen Seite Gefühle von Kränkung, Ohnmacht, Trotz — und irgendwann auch Rückzug und Zynismus. Später wird daraus vielleicht sogar eine Form von Rache-Phantasie.
Auf der anderen Seite meint man, angesichts der Geschichte moralisch im Recht zu sein. Die eigenen Fehler will oder kann man nicht sehen, weil man sie mit dem „moralischen Furor“ überdeckt. Der Furor steigert sich bisweilen in eine „quasi-revolutionäre Begeisterung“ und kulminiert in dem innigen Gefühl, nicht einfach nur Recht zu haben, sondern gar auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen.
Während die einen ekelhaft rassistische Sprüche unter irgendwelche politisch korrekten Facebook-Posts schreiben, weinen andere, wenn die ehemalige Bundeskanzlerin ihr „Wir schaffen das“ auf einem Kirchentag wiederholt.
Jetzt mal langsam. Das kann man doch nicht vergleichen! Natürlich kann man das nicht vergleichen. Es handelt sich um unterschiedliche Emotionen. Aber hier geht es um den Furor. Und der Furor kann als weiß glühende Wut ebenso daherkommen wie als heilige Begeisterung.
Das sind die „emotionalen Enden“ des Spektrums. Und womöglich handelt es sich nicht um ein Spektrum, sondern um eine Parabel, zwischen deren Enden es „blitzt“ — die Enden stoßen sich gegenseitig ab, sind aber füreinander irgendwie auch attraktiv, denn schließlich kann man sich an der gegnerischen Meinung selbst verstärken, und mit der Zeit wird man sich ähnlicher — ganz wie Kriegsparteien, die sich mit fortdauerndem Krieg immer ähnlicher werden.
Böse Randbemerkung: So oder so ähnlich könnte man die kürzlich gegenüber Mitgliedern seiner Partei ausgesprochene Drohung Selenskyjs verstehen, dass sich diejenigen, die nicht „für den Staat“ stimmen, demnächst an der Front wiederfinden könnten.
Zurück zu den spitzen Enden der Parabel, zwischen denen es blitzt: Das ist in einer demokratischen Gesellschaft möglich, aber wenn es zu lange währt, wird es gefährlich.
Die „rechte“ Zuspitzung speist sich gegenwärtig aus dem Eindruck, dass man über Jahre hinweg nicht ernst genommen, moralisch abgewertet oder politisch entmündigt worden sei. Daraus entsteht zunächst Skepsis, dann Opposition und später eine emotionale Härte, die nicht mehr auf Verständigung abzielt. Man sieht das bereits daran, wie manche Menschen auf Krisen oder Fehlentwicklungen reagieren. Es geht ihnen nicht mehr nur darum, Recht zu behalten. Der Misserfolg der Gegenseite (bspw. wenn die SPD mit der Fünf-Prozent-Hürde zu kämpfen hat) wirkt emotional befriedigend. Manche wollen längst nichts mehr korrigieren. Sie wollen, dass die anderen scheitern. Und irgendwann entsteht daraus eine Haltung, die politische oder gesellschaftliche Eskalationen nicht mehr als Gefahr betrachtet, sondern als notwendige „Reinigung“.
Die „linke“ Zuspitzung funktioniert psychologisch anders, aber sie ist nicht weniger emotional. Dort entsteht eine Form von moralischer Vergeistigung. Man erlebt sich als Teil eines „historischen Projektes“: Migration, Klima, Diversität, Antidiskriminierung, Kampf gegen Rechts — all das wird nicht mehr nur politisch vertreten, sondern emotional verinnerlicht. Daraus entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das bis in quasi-religiöse Emotionen hineinreichen kann. Man demonstriert nicht nur gegen etwas, sondern erlebt sich selbst als Teil der (vermeintlich) „guten“ Seite. Und wie jede starke moralische Aufladung produziert auch diese Form von Selbstvergewisserung eine wachsende Intoleranz gegenüber Abweichungen.
Je moralisierender die eine Seite auftritt, desto stärker erlebt die andere Seite dies als Bevormundung. Je aggressiver die Gegenreaktion ausfällt, desto stärker fühlt sich wiederum die moralisch aufgeladene Seite in ihrem Weltbild bestätigt. Beide Seiten stabilisieren und verstärken sich gegenseitig. Die Radikalisierung der jeweils anderen Seite wird zur Begründung der eigenen weiteren Zuspitzung.
Man kann das besonders gut an der Dynamik der Meinungen zur Migrationspolitik beobachten.
Eine rein rationale Betrachtung wäre theoretisch möglich. Man könnte nüchtern fragen: Wie viele Menschen kann ein Land integrieren? Welche Folgen entstehen für Wohnungsmarkt, Schulen, Sicherheitslage, Sozialsysteme und kulturelle Kohärenz? Welche wirtschaftlichen Vor- und/oder Nachteile entstehen möglicherweise? Welche Risiken entstehen gleichzeitig? Welche Unterschiede gibt es zwischen qualifizierter Migration, Asyl und ungesteuerter Zuwanderung? Welche Integrationskapazitäten existieren real — nicht moralisch, sondern praktisch?
Ganz zu schweigen von eigentlich notwendigen Fragen wie: Welche Migranten brauchen wir? Wie können wir für diese Migranten attraktiv sein? Wie organisieren wir die Migration, die wir brauchen? Und: Wie viel Migration aus Fluchtgründen wollen wir akzeptieren — und wie organisieren wir diese Migration?
Genau diese Rationalität gibt es seit jenem „Wir schaffen das“ nicht mehr. Allein solche Unterscheidungen zu treffen, wird von „diskursbestimmenden“ AkteurInnen mindestens als „rassistisch“ eingestuft.
Jede „nüchterne“ Kritik wird schnell als moralischer Angriff interpretiert, während umgekehrt jede humanitäre Argumentation von vielen längst als naiv oder ideologisch wahrgenommen wird. Dadurch verschiebt sich die Diskussion aus dem Bereich der Abwägung in den Bereich der Identität. Menschen diskutieren nicht mehr nur über Migration. Sie verteidigen ihr Selbstbild.
Kriterien wie „Angemessenheit“ oder „Verhältnismäßigkeit“ liegen sprichwörtlich „tot auf der Wiese“. Das pragmatische Gegenstück zu der Aussage „Wir schaffen das“, nämlich die Frage, was wir ggf. schaffen wollen und wozu, ist zu stellen kaum möglich, dabei wäre m.E. genau diese Frage notwendig gewesen — und ist heute umso notwendiger.
Menschen grenzen sich nicht mehr nur argumentativ voneinander ab, sondern emotional. Die eigene Haltung erhält ihren Wert zunehmend daraus, dass sie sich von der anderen Seite selbstverständlich unterscheidet. Die emotionale Wirkung entsteht durch die möglichst symbolträchtige und wortgewaltige Betonung der Unterschiede und nicht durch den Wunsch, gemeinsam auf den Zweck des Gemeinwesens und die gemeinsame Zukunft einzuzahlen.
Man bekommt die Likes nicht für das klügere Argument und schon gar nicht für den Einigungsversuch, sondern für die möglichst laute, brachiale, wortgewaltige, moralisierende oder zynische Abgrenzung oder „Totalinfragestellung“. Jeder in seinem Echoraum. Jeder in seiner Bestätigungs-Blase. Diese Hinterfragung zum Zwecke der Verstärkung des eigenen Standpunktes unterminiert das Gemeinsame.
Das ist vor allem ein ebenso unbewusster wie opportunistischer Effekt. Weil es wirkt, machen wir das. Wir meinen es nicht böse, nehmen aber die Wirkungen in Kauf, weil wir sonst weniger oder kein Echo fänden. Soziale Netzwerke belohnen alles, nicht aber Zurückhaltung. Dabei wäre genau Zurückhaltung das, was helfen würde. Die sprichwörtliche Katze beißt sich in den Schwanz. Es entsteht eine Spirale der Zuspitzung. Jede Provokation legitimiert die nächste Provokation der jeweils anderen Seite. Jede Grenzüberschreitung der einen Seite wird zur moralischen Rechtfertigung für die Grenzüberschreitung der anderen.
Das bleibt nicht folgenlos.
Denn wenn politische Gegner nicht mehr nur als Irrende betrachtet werden, sondern als Verräter, Fanatiker oder Feinde, dann verändert sich die Legitimitätsgrenze von Gewalt. Gewalt beginnt nicht erst dort, wo jemand zuschlägt. Sie beginnt dort, wo Menschen anfangen, die Eskalation innerlich zu akzeptieren.
Das ist längst zu sehen.
Man sieht es in der stillen Genugtuung über Angriffe auf politische Gegner. Man sieht es in der Relativierung von Straftaten, sofern sie die vermeintlich „Richtigen“ treffen. Man sieht es in der wachsenden Bereitschaft, Einschüchterung, soziale Vernichtung oder körperliche Übergriffe nicht mehr eindeutig abzulehnen, sondern psychologisch zu erklären — und dadurch implizit zu entschuldigen.
Und das geschieht auf beiden Seiten.
Die einen phantasieren offen oder verdeckt über „Widerstand“ gegen ein angeblich autoritäres System. Die anderen sprechen in quasi-revolutionärer Manier davon, bestimmte politische Entwicklungen „mit allen Mitteln“ verhindern zu müssen. Beide Seiten halten sich selbst dabei für defensiv. Beide glauben, nur auf eine Bedrohung zu reagieren.
Genau darin liegt die Gefahr, denn Eskalationen entstehen selten dadurch, dass eine Seite plötzlich „böse“ wird. Sie entstehen, weil sich politische Interaktionsprozesse über Jahre hinweg emotional verdichten, bis irgendwann die Vorstellung verschwindet, dass der andere noch Teil derselben Gemeinschaft ist.
Nicht die Polarisierung an und für sich ist das Problem, sondern der schrittweise Verlust der inneren Grenze, die Menschen früher davon abgehalten hat, politische Gegner als legitime Ziele von Hass, Demütigung oder Gewalt zu betrachten.
Die Positionen entfernen sich soweit voneinander, werden so inkompatibel, dass Hass zur legitimen Emotion wird, dass man den Tod eines Angehörigen der anderen Fraktion als Genugtuung empfindet.
Dort sind wir längst.
Es ist müßig, dafür Belege anzuführen. Die radikalen Spitzen beider Seiten träumen von Gewalt, und wenn sie nicht davon träumen, nehmen sie zumindest hin, dass „den anderen“ etwas passiert. Auf beiden Seiten geschieht das, was die Voraussetzung für Totalitarismus ist — Entmenschlichung. Die einen gehen mit der Hamas spazieren, die anderen kündigen an, Extremistinnen der anderen Seite „deutsche“ Kinder machen zu wollen.
Man finde den Fehler.