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Die beinahe zwangsläufige Entwicklung in Richtung „…“

Wir wissen nicht, was kommt — deshalb stehen die drei Punkte in der Überschrift in Anführungsstrichen: als Platzhalter. 


Was kommt, ist uns zwar unbekannt, aber wir reagieren schon darauf, als ob es uns bekannt wäre — mit uns bereits bekannten Begriffen. Wir meinen zu wissen. Aber wirklich „wissen“ können wir momentan wenig. 


Natürlich wirkte die AfD auf viele von uns zunächst unangenehm, radikal, kaum wählbar, aber sie wirkte auf einige von uns bereits irgendwie „cool“. Die AfD heißt zwar schon, seit es sie gibt, „Alternative“. Aber sie war es für die meisten zunächst nicht — für immer mehr Leute wurde und wird sie es aber mit der Zeit. Und das hat, so will ich behaupten, weniger mit der AfD zu tun, als vielmehr mit der allzu meinungsstabilen Gegenseite. 


Das „Wir schaffen das!“ der ehemaligen Bundeskanzlerin ist im Nachhinein zum Beginn einer gewissen Entwicklung mutiert. Es war seinerzeit kein bewusster Anfang, wurde aber mit der Zeit dazu. „Wir“ haben „das“ nämlich nicht geschafft — um den Preis, dass es dieses „Wir“ so nicht mehr gibt.


Wer damals bereits skeptisch war, wurde mit der Zeit umso skeptischer — mit der Konsequenz einer zunehmenden Entfremdung. Dass die AfD heute so erfolgreich ist, hat mit Skepsis und Entfremdung zu tun — und mit zwei Erfahrungen:

— dass man wählen kann, was oder wen man will, es aber in gewisser Weise „so weitergeht“, und

— dass man zudem noch überzeugt werden soll, dass man falsch liege.


Freilich gab es Radikalisierungsprozesse, wohl aber auf „beiden“ oder „allen“ Seiten. Skepsis wurde nicht gehört, sondern belehrt. Es kam zu Reaktanz (Widerstand gegen Überzeugungsdruck). Gleichzeitig hat sich politisch kaum etwas verändert — während sich die wirtschaftliche Lage in jüngerer Zeit immer weiter verschlechterte. Und auch als die Leute jüngst vor allem auf der Grundlage ihrer Sorgen bezüglich der Themen „Wirtschaft“ und „Migration“ wählten, hat das im Großen und Ganzen zu wenig Berücksichtigung gefunden — mit der Folge, dass sich ein weiterer Teil der Bevölkerung abwendet.


„Man will, dass sich etwas ändert. Man wählt, fühlt sich aber nicht repräsentiert. Man sieht, dass die Situation komplizierter wird. Der Druck steigt — teilweise durch globale Entwicklungen, teilweise durch hausgemachte Entscheidungen aus Berlin. Man gerät vielleicht selbst unter Druck, bspw. als Selbständiger, wenn sich politische Entscheidungen direkt oder indirekt auf die eigene Auftragslage auswirken. Man erkennt sein Land nicht mehr wieder, wird aber belehrt, dass man falsch liege. Man fragt sich vielleicht, ob man noch normal sei: Irgendwann müsste doch jemand etwas erkennen!“


Die Belehrung dröhnt weiter. 


Wahlen haben Ergebnisse — aber in den Augen eines wachsenden Teils der Bevölkerung keine Wirkung. 


Man fragt sich, was man machen soll. Es kann nicht so weitergehen, denkt man vielleicht.


Dann nennt die Vorsitzende einer politischen Nachwuchsorganisation den Ministerpräsidenten eines recht stabilen Bundeslandes einen „Hurensohn“.


„Was berechtigt die junge Frau dazu?“, will man vielleicht fragen. Aber wer hört einem schon zu, wenn man so etwas fragt?


Und so geht es weiter — peu á peu, bis man anders wählt, als man es vielleicht selbst vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. 


Bis jene „anderen“ irgendwann die Mehrheit haben. 


Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Mehrheit bekommt die „Alternative“ irgendwann nicht, weil sie irgendwie „schlauer“ wäre, sondern weil sie derzeit in den Augen eines wachsenden Teils der Bevölkerung als die einzige politische Kraft dasteht, die bei dem, was man als Wähler ggf. nicht mehr will, verlässlich nicht mitmacht.


Nachher wird es heißen, wir seien da „hineingetaumelt“ oder „hineingeschlittert“. Dann wird man sich wundern. 


Aber dass das Taumeln und Schlittern mit der eigenen Rechthaberei zu tun gehabt haben wird, das wird man dann nicht wissen — und schon gar nicht zugeben — wollen.


Manche unter uns ahnen das vielleicht, sagen es aber nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand. Denn wenn Du nicht im Brandmauer-Chor mitsingst, öffnest Du das „Tor zur Hölle“, wirst hinterfragt oder bekommst Du gar Ärger, und das willst Du nicht, weil Du vielleicht Vorlesungen zu halten hast oder Fördermittelprojekte machst oder „kritische“ JournalistInnen nur allzu schnell bereit sind, Dich in die nächstbeste Pfanne zu hauen.


Andere unter uns wollen oder können das vielleicht nicht sehen, weil ihre Ideale ja die „richtigen“ sind. Dass, wenn die Ideale nur weit genug weg sind von der Realität, falsche Entscheidungen getroffen werden, oder dass mitunter Leute regelrecht bedroht oder ausgeschlossen werden, wenn ihre Meinung nur weit genug weg vom erwünschten Mainstream und gleichzeitig stabil genug ist — das kann nicht sein, das findet nicht statt, und wenn es stattfindet, ist es nur ein (oft genug verdienter!) „Kollateralschaden“. 


Dass es irgendwann „soweit“ kommen konnte, wird natürlich nichts mit Dir persönlich zu tun gehabt haben. Du hast ja immer die „richtigen“ gewählt. 


Dass es irgendwann „soweit“ kommen musste, weil der „Gegen-Radikalismus“ der anderen ein pragmatisch-ausgleichendes Denken aus rein ideologischen Gründen verhindert hat, das fällt Dir dann nicht mehr ein, denn dann ist es aus Deiner Sicht ohnehin längst zu spät. 


Aber das Leben geht weiter. 


Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.


Jörg Heidig


PS: Die Abbildung wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt.

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