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Die Arroganz der Gewissheit

Das „deutsche demokratische Problem“, das sich vor allem in Ostdeutschland zeigt, liegt nicht so sehr in der Wechselwirkung zwischen den beiden momentan beobachtbaren „Meinungspolen“ an und für sich begründet. 


Zunächst ganz kurz der Versuch einer Beschreibung der Wechselwirkung: das „Moralisieren“ auf der einen und die „Gegenreaktion“ auf der anderen Seite — oder umgekehrt: die immer stärkere Infragestellung der Wirkungen von rund 25 Jahren „eher linker“, mindestens aber GroKo-Politik durch eine rechte Gegenbewegung und die Reaktion weiter Teile des Parteienspektrums darauf in Gestalt der Brandmauer — „Moralisieren“ eingeschlossen.


Am Moralisieren allein kann es jedoch nicht liegen; dieser Vorwurf wäre unangemessen, denn Moral liegt allem Möglichen zugrunde — Wertvorstellungen, Traditionen, Gesetzen. 


Wir halten bestimmte moralische Grundsätze für richtig. Aber mit der Zeit ändern sich unsere Vorstellungen davon, was „richtig“ ist. Es gibt diesbezüglich immer verschiedene Vorstellungen — und also Konflikte. Das ist in einer demokratischen Gesellschaft ganz normal. 


Das besagte „deutsche demokratische Problem“ beginnt dort, wo sich Teile der Beteiligten allzu gewiss sind, Recht zu haben. Aber auch das wäre allein noch kein Grund, den Sachverhalt für ein unlösbares Problem zu halten: Man muss sich seines Standpunktes ja erst einmal gewiss sein, damit man ihn vertreten kann, und manchmal muss man Konflikte schaffen, damit es etwas zu bearbeiten gibt. Ohne Konflikte gibt es keine Entwicklung. 


Aber was passiert, wenn man sich der eigenen Sichtweise so gewiss ist, dass man die eigene Sichtweise nicht nur für richtig oder richtiger, sondern für absolut richtig hält? Und was passiert, wenn man dann noch meint, dass man das — historisch begründete — Recht habe, die eigenen Theorien für historisch zutreffender zu halten als die anderen Sichtweisen? 


Nur ein Schelm, wer sich hier an etwas erinnert, das sie oder er schon einmal erlebt hat. 😉


Langfristig wird man mit absoluten Behauptungen wahrscheinlich nicht Recht behalten, weil man die Absolut-Setzung der eigenen Sichtweise nur um den Preis der Erstarrung des Systems erhält — und man gerade dadurch den idealen Nährboden schafft, damit die andere Seite erst so recht „durchmarschiert“ — aber eben später und mit unerwünschten, vielleicht entsetzlichen Begleiterscheinungen und/oder Folgen. 


Aber kurzfristig sorgt man natürlich für „Erleuchtung“. 😉


Die „historisch begründete“ Argumentation geht davon aus, dass, wenn man ein allzu „einfaches“ Verständnis von Demokratie anwendet (Wer die Mehrheit hat, gewinnt und regiert), wir Gefahr laufen, dass sich Geschichte wiederholt („Nie wieder ist jetzt“): Deshalb müssen wir eine „Brandmauer“ errichten — damit das „Tor zur Hölle“ verschlossen bleibt. Die historischen Argumente werden dabei, wie gesagt, absolut gestellt. 


Der für die aktuelle Bundesregierung in diesem Zusammenhang wahrscheinlich signifikanteste Moment fand etwa einen Monat vor der letzten Bundestagswahl statt: In der Woche, in der sich die Befreiung von Auschwitz zum 80. Mal jährte, hat Friedrich Merz versucht, eine Abstimmung zum Thema Migration gemeinsam mit der AfD herbeizuführen. Damit öffne er das Tor zur Hölle, lautete die spitzeste Kritik. Es hat im Bundestag seinerzeit derart „geblitzt“, dass der spätere Bundeskanzler Merz seither nicht wieder etwas Derartiges versucht hat.


Die Brandmauer hält — und weil sie hält, wird die AfD immer stärker, ohne dafür selbst besonders viel tun zu müssen.


Der Vorwurf, Politiker würden „moralisierend“ argumentieren, ist, so könnte man spitz anmerken, im Grunde trivial. In manchen Bereichen — etwa der Rechtswissenschaft oder der Klimaforschung — gehört genau das zum Kern der Sache. Wer über Normen, Werte und Gerechtigkeit nachdenkt oder forscht, dessen Erkenntnisse sind immer auch irgendwie „moralisch“, also handlungsrelevant im Sinne von Wertvorstellungen oder im Sinne des Setzens bestimmter (neuer) Normen. Entschiedenes Engagement — oder eben auch „Aktivismus“ — ist in diesem Sinne kein Betriebsunfall, sondern notwendiger Teil des Geschehens. 


Allein der Vorwurf des Moralisierens führt also nicht wirklich weiter. Moralische Urteile gehören zum menschlichen Handeln. Wer zum Beispiel Rassismus verurteilt, handelt auf der Grundlage geltender Normen. Wenn Rassismus auftritt, ist es gut, wenn das jemand zur Sprache bringt.


Was jedoch viele vergessen: Solche Normen sind aus Konflikten hervorgegangen — und können Gegenstand von Konflikten bleiben oder sogar neue Konflikte hervorrufen, etwa wenn einer Generation die Abwesenheit von Gewalt schon genügt hat, spätere Menschen in ihren Forderungen aber viel weiter gegangen sind. 


Man hatte sich irgendwann — in der jüngeren deutschen Geschichte: nach Taten jenseits des Vorstellbaren — auf diese Normen geeinigt… und signifikante Teile der Gesellschaft haben zugestimmt, indem sie dem gefolgt sind. In diesem Sinne entsteht Wahrheit zunächst durch Konflikte und später durch Zustimmung bzw. durch „hinnehmende Akzeptanz“ vonseiten der Bevölkerung.


Das eigentliche Problem der heutigen Moralisierungsdynamik — Cancel Culture sei hier nur als ein leicht erkennbares Beispiel angeführt — liegt an einer anderen Stelle: nicht im Aktivismus an und für sich, nicht in den moralischen Urteilen an und für sich, sondern in der Arroganz der Gewissheit, also der Überheblichkeit der Urteile, der gewissermaßen einseitigen Verabsolutierung der eigenen Sichtweise bzw. der „irgendwie selbstverständlich“ daherkommenden Delegitimierung der Gegenseite.


Problematisch wird es dort, wo einzelne Akteure für sich beanspruchen, eine irgendwie „endgültige“ Deutungshoheit über moralische Begriffe zu besitzen — etwa darüber, was genau „Rassismus“, „Sexismus“ oder „Diskriminierung“ bedeute. Wenn solche Begriffe nicht mehr als Gegenstand von Konflikten verstanden werden, sondern als feststehende moralische Urteile, entsteht ein Klima, in dem abweichende Positionen nicht mehr nur kritisiert, sondern — gleichsam im Vorfeld — delegitimiert werden (können). 


Oft genug werden zur Begründung dieser scheinbar progressiven, aber eigentlich autoritären Herangehensweise so genannte „Diskurs-Theorien“ angeführt — und zwar oft mit dem Ergebnis, dass der Diskurs durch „Diskurs-Regeln“ eingeschränkt wird und bestimmte Akteure als „undemokratisch“ o.ä. beschrieben und also aus dem „Diskurs“ ausgeschlossen werden (sollen). 


Freilich braucht es Regeln, aber die Frage ist immer, ob mit der (mehr oder minder einseitigen) Setzung und Betonung der Regeln nicht der autoritäre Geist durch die Hintertür wieder eintritt.


Cancel Culture entsteht nicht nur aus Engagement oder Aktivismus — sondern auch aus der Überzeugung, dass die eigene moralische Position so unbestreitbar sei, dass Zweifel an und für sich schon illegitim — und also als Beweis für „Rückschrittlichkeit“ oder als Beleg für die auszuschließende gegnerische Meinung — erscheinen.


Die Folge ist ein Diskurs, der zunächst immer weniger und später kaum mehr von Argumenten als vielmehr von moralisierender Grenzziehung geprägt ist. 


Moral als Argument, das um Zustimmung wirbt, ist kein Problem, sondern notwendig. Moral, die als Keule benutzt wird, ist weniger hilfreich, im Gegenteil: Es formiert sich Widerstand, und der Widerstand wird stärker — und wenn er nicht „abgeholt“ wird, wird er noch stärker.


Von einer Überzeugung hin zur „Alternativlosigkeit“ ist es ein Stück Weg. Von der Alternativlosigkeit zur „Erleuchtung“ ist es dann nicht mehr so weit. 😉


Es wäre, wie auf diesem Blog schon mehrfach gesagt, nicht so schwer gewesen, der momentan stärksten Oppositionspartei ein signifikantes Stück Wasser abzugraben, wenn man Teile des mit der Partei verbundenen Wählerwillens berücksichtigt hätte. Dafür scheint es einstweilen zu spät zu sein. 


Man hat sich in den (vermeintlichen) Gewissheiten eingegraben, bleibt dabei, macht weiter und belehrt weiter. In Teilen der Bevölkerung verfestigt sich derweil dieser Eindruck: Herzugemerkelt, zurechtgescholzt, weitergemerzt — mit erkennbaren, wohl aber „eigentlich unerwünschten“ Ergebnissen —, was ein weiteres Erstarken der Oppositionskräfte von rechts nur wahrscheinlicher macht.


Dass die Politik mancher Parteien ein wesentlicher Bestandteil zu eben diesem Erstarken gewesen sein wird, wollen — und wahrscheinlich auch: können — viele nicht sehen. Was man eigentlich verhindern wollte, wird durch die „Arroganz der Gewissheit“ erst so richtig wahrscheinlich. Hinterher wird das Gejammer groß sein, aber dann wird es auf absehbare Zeit nicht mehr zu ändern sein. 


Ob das katastrophale Folgen haben wird? Schauen wir einmal nach Amerika: Wäre es möglich gewesen, Donald Trump zu verhindern? Wahrscheinlich schon, wenn man die Zeichen der Zeit gelesen hätte. Man hat sie gelesen, sicher hat man sie gelesen, aber eben durch die eigene Brille und vor dem Hintergrund dessen, was man selbst für „richtig“ gehalten hat. Und also war es nicht möglich, Donald Trump zu verhindern, denn erstens erkennt man die Zeichen der Zeit oft nur im Nachhinein, und zweitens ist man in der Regel viel zu meinungsstabil, als dass man jenen Leuten zuhören würde, die sich über die Zeichen der Zeit andere als die sozial erwünschten oder anerkannten Gedanken machen.


„Richtig“ ist in einer Demokratie eine Zustimmungssache — ich kann mit meinen Behauptungen lange richtig liegen, und zwar so lange, wie ich Zustimmung finde. 


Wenn ich aber immer weniger — oder wie heuer die SPD: kaum mehr — Zustimmung finde, wäre es an der Zeit, die Behauptungen anzupassen. Aber genau das passiert nicht, die Gewohnheiten und die Überzeugungen sind so stark, dass es wahrscheinlich erst richtig fies werden muss, bis sich etwas ändert — oder der sprichwörtliche Sack Reis eben umkippt. Nur dass es kein „Sack Reis“ ist, sondern eine Gesellschaft mit rund 80 Millionen Menschen und ganz nebenbei die stärkste Volkswirtschaft Europas.


Nur ein Schelm, wer hier jenes „Taumeln“ zu erkennen meint, mit dem sich, nach Ansicht mancher Historiker (100 Jahre später ist man immer schlauer als in dem Moment!), die jeweiligen Verantwortlichen in der Geschichte immer wieder in die schlimmsten Situationen verwickelt oder „hineinverirrt“ haben. 


Jene „Hineinverirrung“ findet nach meinem Dafürhalten gerade statt. Die überspitzte Gewissheit kostet uns dabei jenen Pragmatismus, den wir bräuchten, um als Gesellschaft gut durch diese Zeit zu kommen. 


Rechthaberei ersetzt Pragmatismus, könnte man sagen, wollte man den politischen Geist der Zeit mit wenigen Worten in eine Flasche sperren. Aber der Zeitgeist lässt sich nicht in eine Flasche sperren, so lange die Brandmauer hält und das politische Berlin weiter auf GroKo oder andere links dominierte Konstruktionen (Der kleinere Koalitionspartner ist an entscheidenden Stellen der mächtigere!) angewiesen ist.


Wenn der prosperierende Weiterbestand des Gemeinwesens das (gemeinsame) höchste Ziel wäre, würde man sich irgendwie einigen — und wenn schon nicht einigen in dem Sinne, dann würde man die ganze Kiste wenigstens irgendwie so zurechtmachen, dass sie hält. Aber nein, die eigene Gewissheit wird über das Funktionieren des Gemeinwesens gestellt. 


Man fragt nicht mehr: Was wäre machbar, damit die Gesellschaft weiter stabil bleibt und sich Wirtschaft und Gemeinwesen angesichts oder auch trotz der Herausforderungen gut entwickeln können? Sondern man stellt die eigene Meinung über das Funktionieren des Gemeinwesens. Das ist eigentlich eine Pflichtverweigerung. 


Böse Frage: Hat eigentlich schon einmal jemand die aktuellen Vorgänge im politischen Berlin unter dem Vorzeichen des Begriffs „Pflichtverwahrlosung“ betrachtet?


Man schichtet um, verwendet Geld, das man nicht hat, und macht — im Wesentlichen — weiter. Das kann man machen — wenn man genug Zustimmung findet. Wenn man aber ganz und gar nicht genug Zustimmung findet, kann man das nur so lange machen, wie einem (ggf. mit ein paar Tricks) der Machterhalt gelingt, und danach wird es ganz sicher anders.


All das müsste nicht sein. Aber die Erlebnisgeneration, die sich vor dem Zerlegen des Gemeinwesens durch zerstörerische Rhetorik und so weiter begründetermaßen und verständlicherweise gefürchtet hat, ist tot.


Ich weiß nicht, ob zutrifft, was ich hier beschreibe. Ich bin mir dessen nicht gewiss, und ich bin auch kein direkter Zeuge der Geschehnisse in Berlin. Also kann es sehr wohl sein, dass ich hier vor allem etwas über mich selbst und weniger über die Verhältnisse sage, die ich betrachte. Was ich gesagt haben will, ist dies:


Wir wissen, wie leicht wir als Menschen in etwas „hineintaumeln“ können; wir wissen auch, dass der Mensch alles andere als perfekt ist, wenn es um Konflikte geht. Menschen machen Fehler — auch und besonders dann, wenn sie meinen, sich ihrer Sichtweise gewiss zu sein. 


Wir denken zwar, dass wir frei handeln, aber wir handeln nur selten aus freien Motiven. Status und Macht sind immer dabei. Es gibt drei große Süchte: Substanzen, Spiel und Macht. Während man sich aus den ersten beiden mit viel Kraft vielleicht irgendwie herausbringen kann — die dritte besiegt man nicht, wenn man von ihr befallen ist. 


Der größte Teil unserer Entscheidungen entsteht nicht bewusst. Das Unterbewusste ist ein Millionen Jahre alter Mechanismus, der Entscheidungen trifft. Die Fähigkeit zur Sprache und also zum Bewusstsein liegt nur wie ein dünner Firniss darüber. Was wir für „unsere Meinung“ halten, ist oft nur ein Produkt aus Prägung, Situation, Emotion — und nachträglicher Erklärung. Das Unbewusste entscheidet, und erst danach erzählen wir uns eine Geschichte, warum das sinnvoll war (oder gewesen sein könnte). Das heißt nicht, dass es keinen freien Willen gibt. Aber sein „Gebiet“ ist viel kleiner und viel unwegsamer, als wir uns einbilden.


Zudem sind wir Meister der Selbsttäuschung — es geht uns viel weniger um die Dinge, über die wir reden, irgendwelche Werte oder Ziele, sondern schlicht um Status und Selbstschutz. Wenn man also eine bestimmte Meinung vertritt und sie vielleicht sogar „exportieren“ möchte, dann geht es dabei hauptsächlich darum, sich selbst als kompetent, moralisch konsistent usw. zu erleben. Die eigenen Fehler werden relativiert und die eigenen Motive werden aufgehübscht. Es ist also ziemlich egal, in welcher Partei man ist. Ist man aber in einer Partei, dann ist die eigene Erleuchtung quasi der „psychologische Stabilisierungsmechanismus“. 


Wir neigen dazu, den Begriff des Charakters zu überschätzen. Wir handeln in verschiedenen Kontexten unterschiedlich, wir passen uns an. Der jeweilige Kontext ist sehr mächtig. Will heißen: Manche Dinge, für die wir Menschen verurteilen, würden wir unter ähnlichen Bedingungen vermutlich selbst tun. 


Wir sind zudem nicht so sehr auf der Suche nach Wahrheit, sondern eher nach Bestätigung. Unser Denken ist kein irgendwie neutrales Analysewerkzeug. Es macht sehr viel Arbeit und ist von Unsicherheit begleitet, will man überhaupt auf neue oder andere Gedanken kommen. 


All das bedeutet, dass wir uns fremder sind, als uns lieb ist. Insofern handelt es sich beim Frieden aller Wahrscheinlichkeit mach um einen historischen Glücksfall, einen dünnen zivilisatorischen Firniss, auf den wir achten und den wir nicht „einfach so“ riskieren sollten. 


Und die Welt dreht sich weiter. 


Während die einen noch das Völkerrecht betonen und proklamieren, was größere Teile der Welt lange für richtig gehalten haben, machen andere längst weiter, schaffen Tatsachen, weil sie es können, und haben ihre Zustimmung zum Frieden zurückgezogen. 


Was davon ggf. aus welchen Gründen plausibel erscheint oder eben nicht, soll hier nicht diskutiert werden. 


Hier geht es vielmehr um die Betonung von etwas anderem: Die Erlebnisgeneration hat sich sehr gestritten. Ohne Streit geht es nicht. Aber es mag einen gewissen Willen gegeben haben, im Angesicht des Schrecklichen trotz aller Widersprüche gemeinsam auf den Zweck des Gemeinwesens einzuzahlen. Die nächste Generation hat vor allem das Land wieder aufgebaut und einen gewissen Wohlstand geschaffen. Der menschliche Impuls nach großen Katastrophen liegt eher auf Verdrängung, nicht so sehr auf Aufarbeitung. Gemeinhin gehen wir davon aus, dass Aufarbeitung notwendig ist, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Annahme jedoch schlicht um eine küchenpsychologische Überheblichkeit — zumindest könnte man darauf kommen, wenn man betrachtet, wie groß die Worte wieder geworden sind, wie wichtig man die eigene Meinung nimmt, wie unversöhnlich man sich gegenüber steht — und mit welchem Eifer man die eigene Ahnungslosigkeit verteidigt. Kaum jemand, der heute lebt, kann wirklich einschätzen, wie man zum Krieg kommt. Wir können das nachlesen, aber wir wissen es nicht. Die heute entscheidenden Leute sind in einen gewissen Wohlstand hineingeboren. Sie haben ganz andere Selbstverständlichkeiten entwickelt als ihre Großeltern. Das sieht man an ihren Entscheidungen: Sie sichern vor allem Wohlstand, haben aber wenig Sinn für die Frage nach der Sicherung der Grundlagen des Wohlstands. Und sie argumentieren wie Wohlstandskinder: Sie haben nämlich erstmal Recht. Und sie schützen vermeintliche Rechte — nicht mehr nur Grundrechte, sondern immer neue, immer differenziertere Rechte. Und sie halten jede Gegenbewegung für gestrig, wenn nicht Schlimmeres. 


Man kann mit ihnen in ihrer Binnendifferenzierung demokratisch sein. Ein simpleres Demokratieverständnis anzuwenden, also ganz stumpf zu sagen: Ihr habt keine Mehrheit mehr, also sind jetzt andere dran, ist unmöglich, weil: Wehret den Anfängen! 


Der simple Mehrheitsmodus ist gar kein so schlechter Mechanismus, weil er nämlich stumpf und für unsere Rechthabereien unanfällig ist. Hat die eine Seite ein paar Jahre gemacht und dann die Mehrheit verloren, gewinnt die andere Seite — und so weiter. Wenn aber beide Seiten mit den ihnen möglichen Mitteln am Funktionieren des Mechanismus’ sägen — in Amerika möchte Herr Trump eine dritte Amtszeit; in Deutschland errichtet man eine Brandmauer — dann leben wir in interessanten Zeiten.


Was auch immer kommt, eine Sache wird wohl stabil bleiben: In Berlin wird es immer ein paar Leute geben, die es in jedem Fall besser wissen — auch und vor allem dann noch, wenn ihnen kaum mehr jemand zustimmt. Wir wissen nicht, was kommt, aber wir können Wahrscheinlichkeiten abwägen. Die Frage wäre, ob es später noch etwas geben wird, für das es sich dann gelohnt haben könnte, es seinerzeit besser gewusst zu haben — oder ob der Umstand, es besser gewusst zu haben, nicht vielmehr als ein wesentlicher Beitrag dazu betrachtet werden wird, dass es am Ende gar nicht mehr so viel gegeben hat, für das man irgendetwas hätte besser gewusst haben können.


Geile Grammatik, oder? 😉


PS: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erzeugt. Es ist schon erstaunlich, was man so anstellen kann, wenn man sich die Zeit nimmt, einen passenden Prompt zu schreiben. In diesem Fall war der Prompt fast eine Seite lang. Und natürlich ist das Beitragsbild nicht ganz ernst gemeint, es enthält sarkastische und dystopische und sicher auch provozierende Elemente. Wo kommen wir hin, wenn wir vor lauter vorauseilender Unterwerfung unter (vermeintliche) Korrektheiten genau diese Dinge nicht mehr aufs Korn nehmen können? Insofern sind meine Bilder und Texte immer nur (ebenso herzlich gemeinte wie provokante) Einladungen. 😉

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