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​Wie das ehemals „Spießige“ wieder „cool“ geworden ist

Die Welt, in der wir heute leben, war zu Teilen selbst einmal eine Alternative. Sie ist in Abgrenzung zu einer anderen, älteren Welt entstanden. 


Wenn man verstehen will, warum der heutigen Welt wiederum ein Gegenentwurf entgegengesetzt wird, muss man sich vergegenwärtigen, was in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist.


Man stelle sich die alte Bundesrepublik vor. Ich habe den Westen der Achtzigerjahre nicht erlebt, sondern bin in der DDR aufgewachsen. Ich beschreibe hier also nur ein karikaturhaftes Bild, das ich von dieser Welt habe, und ich beschreibe dieses Bild sehr zugespitzt, wahrscheinlich stark reduziert und übertrieben zugleich. 


Es ist in meinen Augen eine Welt, in der es noch Stammtische gab, in der die Kirchen noch viele Mitglieder hatten; es ist eine oft ländlich geprägte Welt mit vergleichsweise festen Vorstellungen davon, wie man zu leben hatte. Viele Menschen, die den letzten Weltkrieg mitgemacht hatten, waren noch am Leben. Und ja, da fuhren vielleicht hier und da auch noch betrunkene alte Nazis durchs Dorf und brüllten spät abends im Dunkeln jenen verbotenen Gruß aus ihrer „alten Zeit“. Es war zugleich eine Welt des Wohlstands, des gelungenen Wiederaufbaus und eines gewissen Stolzes darauf. Viel von dem, was die seinerzeit Progressiven „Spießigkeit“ nannten, viel CDU im alten Sinne. Vor den Restaurants wurde noch mit deutschem Essen geworben. Globalisierung gab es bereits, aber vor allem im wirtschaftlichen Sinne. Europa war noch nicht jenes Bürokratiemonster, das wir heute kennen. 


Das Bild wäre unangemessen, wenn man nicht hinzufügte, dass es im Westen ein „rotes Jahrzehnt“ gegeben hatte — von etwa 1968 bis etwa 1977. Man erinnere sich bspw. an die RAF, die „Spontis“, jene „Steinewerfer“, zu denen u.a. der spätere Außenminister Joschka Fischer gehört hatte. Die damalige Alternative ist also deutlich früher entstanden. In den Achtzigern herrschte vielleicht „vergleichsweise“ Ruhe. 


Diese Welt war keineswegs frei von alten Normen, im Gegenteil. Die gesellschaftliche Welt hatte ein anderes Korsett — eines, das man sich heute bewusst vorstellen muss, damit man ahnt, wie es sich damals gelebt hat. Manche würden vielleicht hinzufügen: Es war eine Zeit des Fleißes, aber auch der Leichtigkeit, der Diskotheken, des VW-Golf.


Gegen diese Welt richtete sich eine „alternative Bewegung“. Man wollte weniger Hierarchie in der Erziehung, andere Bildungswege, mehr Gleichberechtigung, mehr sexuelle Freiheit, andere Beziehungsformen. Dem als „eng“ erlebten gesellschaftlichen Korsett setzte man eine freiere Vorstellung vom Leben entgegen. Friedensbewegung, grüne Bewegung, „alternative“ Kultur.


Man muss sich eine Zeit vorstellen, in der vieles von dem, was wir heute kennen, noch nicht selbstverständlich war. Soziokulturelle Zentren, NGOs und alternative Lebensentwürfe waren noch kein selbstverständlicher Bestandteil der öffentlichen Ordnung. Sie standen erst einmal nur für den Versuch, anders zu leben. 


Auch mancher junge Ostdeutsche, der nach der Wende seiner „alten Welt“ entkommen wollte und in den Westen ging, dürfte dort noch signifikante Spuren jener „Spießigkeit“ vorgefunden haben, die er sich so vielleicht nicht vorgestellt hatte.


Teile jener „alternativen Welt“ setzten sich schrittweise durch. 


Spätestens im Fernsehen der Neunzigerjahre konnte man sehen, wie weit die neue Welt schon gekommen war. Die Tatort-Kommissare — die mit Abstand wichtigsten deutschen Fernseh-Identifikationsfiguren — waren kaum noch jene „Spießbürger“ mit Frau, Kindern, Eigenheim und Auto vor der Tür, als die man sich vermutlich einen erheblichen Teil ihrer tatsächlichen Kollegen zu jener Zeit vorstellen konnte. Die Fernsehkommissare lebten anders. Die populären Vorabendserien jener Zeit waren voller alternativer Beziehungs- und Lebensformen. 


Ging man noch ein Jahrzehnt weiter, fand man unter den Serienfiguren alles Mögliche — aber keine Zweikindehe mehr; die Zweikindehe war zum Gegenteil der in Serien selbstverständlichen Prototypen geworden.


Das ist vor allem auch deshalb interessant, weil nach manchen (amerikanischen) Messungen die Zahl realer Freundschaften zurückging, während die Zufriedenheit mit den Freundschaften stieg. Manche Wissenschaftler erklärten das mit „Fernsehfreunden“: Menschen identifizieren sich mit Fernsehfiguren, begleiten deren Leben und erleben darüber eine Form von Nähe. Man sah diesen Figuren nicht bloß zu. Man gewöhnte sich an sie und an ihre Lebensformen, lebte gewissermaßen mit ihnen — und manchmal auch durch sie. 


Was als Gegenentwurf gegen Zweikindehe, Auto vor der Tür, Frühschoppen am Sonntag und Opas Kriegserzählungen begonnen hatte, wurde irgendwann selbst zur Normalität.  


Aber dem Land und den Menschen ging es gut — niemand hinterfragte das so richtig; es war eben so.


Nur blieb die Entwicklung dort nicht stehen. Noch einmal zwanzig, fünfundzwanzig Jahre später leben wir in einer Welt, in der der frühere Gegenentwurf nicht nur gilt, sondern mit erheblichem Nachdruck weitergetrieben wird. Aus der früheren „Alternative“ sind längst neue gesellschaftliche Normen geworden. 


Heute steht ein wachsender Teil der Bevölkerung daneben und versteht schlicht nicht mehr, was da passiert ist.


Natürlich kann man mir entgegenhalten, die heutigen Kontroversen, wie zum Beispiel die Genderdebatte, seien nur eine logische Fortsetzung. Die ausdrückliche Benennung beider Geschlechter, das „Sehr geehrte Damen und Herren“, war ja auch einmal etwas Neues gewesen, gegen das sich die seinerzeit „alte Welt“ gewehrt habe. Aber nicht alles, was einmal als fortschrittlich vorgeschlagen wurde, hat sich durchgesetzt. In den Achtziger Jahren gab es beispielsweise den Versuch, die Großschreibung abzuschaffen. Alles sollte kleingeschrieben werden. Das war ein von manchen ernstgemeintes Projekt. Es hat sich trotzdem nicht durchgesetzt, sondern regelrecht verloren — kaum jemand erinnert sich daran.


Es kommen andauernd neue Dinge in die Welt. Einige werden übernommen, andere verschwinden wieder. 


Was bleibt, muss Menschen einleuchten oder ihnen wenigstens praktikabel erscheinen. Es muss Zustimmung finden, nachgemacht und eingeübt werden. Dinge, die sich durchsetzen, werden erst durch „einübende Gewöhnung“ selbstverständlich. 


Dass sich eine Sache anders als durch Einübung, sondern vielmehr durch normative Belehrung dauerhaft durchgesetzt hätte, ist hingegen selten gelungen.


Wer den Sozialismus erlebt hat, kennt den Unterschied. 


Die Regeln, die Prozeduren, die Appelle und die sorgsam eingeübten Rituale des SED-Staates: Wo sind sie geblieben? 


Als der Druck verschwunden war, fiel der allergrößte Teil davon einfach in sich zusammen. Wer etwas nur widerwillig mitmacht, wer das nicht einsieht, aber so tun muss, als sähe er es ein, hört damit auf, sobald er es nicht mehr tun muss.


Dieser Zusammenhang hilft beim Verständnis der heutigen Lage: Eine Entwicklung wird nicht dadurch zustimmungsfähiger, dass man immer nachdrücklicher verlangt, ihr zuzustimmen.


Wir sehen heute Dinge auf Demonstrationen, die früher hinter verschlossenen Türen stattgefunden hätten. Fetische werden öffentlich vorgeführt. Und wir sollen klatschen. Bei jeder neuen sexuellen Identität, jeder neuen Geschlechterwirklichkeit wird die nächste Runde gesellschaftlicher Akzeptant eingefordert. Es reicht offenbar nicht, dass etwas möglich ist und toleriert wird. Die anderen sollen es auch noch gut finden.


Jeder kann machen, was er will. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Aber bei den Praktiken und beim Detailwissen darf man die Tür auch wieder zumachen. Muss ich alles wissen? Und selbst wenn ich es erfahre: Muss ich überall klatschen? Nein, das muss ich nicht. Genau dazu werde ich aber angehalten.


Das Beispiel „Schleife“ ist signifikant: ein theaterpädagogisches Projekt an einem Gymnasium, finanziert durch eine linke Stiftung und durchgeführt von einer ebenso linken Jugendorganisation. In einer neunten Klasse werden nicht bloß Fragen jugendlicher Identität besprochen, sondern homosexuelle Praktiken gezeigt. Man muss als Vater, Mutter oder sonst ein Mensch nicht nachvollziehen können, was das für einen pädagogischen Sinn haben soll. Die Bezeichnungen „Politikworkshop“ oder „Theaterpädagogik“ beantworten nicht die Frage, wozu das dienen soll. 


Das Selbstbestimmungsgesetz steht für die nächste Stufe dieser Entwicklung: Aus einem Wunsch nach Freiheit wurde ein gewisses, prophylaktisch anwendbares „Recht“ — und die „jeweils anderen“ haben sich danach zu richten. Kleinste Minderheiten sollen ihre jeweilige Selbstbeschreibung verbindlich machen können. Aber der Anspruch, dass jede Beliebigkeit von der Gesellschaft mitgetragen werden müsse, ist aus Sicht eines wachsenden Teils der Gesellschaft noch lange kein „Recht“. Wenn man die heutzutage „andere“ Sichtweise zugespitzt formuliert, kommt man vielleicht zu dieser Aussage: „Es gibt keine Gesellschaft mit Zukunft, in der sich jede Beliebigkeit frei entfalten kann. Das ist dekadent.“


Interessant ist dabei, wie wenig der alte Glaubenseifer verschwunden ist. Unsere Welt mag sich vom Glauben an den Gott der Christenheit verabschiedet haben. Der Eifer ist geblieben. 


Was früher liturgisch in der Kirche stattfand, findet heute auf einem Platz in München (in dem verlinkten Video ab 04:54) statt: Einer spricht vor, die anderen sprechen nach, und gemeinsam bittet man darum, doch bitte ein AfD-Verbot zu prüfen. Fast wie ein Gebet. Oder wie ein Appell in der DDR. Andere Worte, andere Absichten — aber ein erstaunlich vertrauter Vorgang.


Dass aus einem nachvollziehbaren Anliegen etwas Weltfremdes werden kann, sieht man unter anderem auch am ökologischen Gedanken: Viele haben sich gewünscht, dass dieser Gedanke stärker berücksichtigt wird. Daran hatten um 2021 herum die meisten Deutschen nichts auszusetzen — entsprechende Wahlergebnisse waren die Folge. Dann aber kamen die nassforschen DisruptorInnen und wollten möglichst alles innerhalb einer Legislaturperiode erledigen. Man legte derart viel Idealismus an den Tag, dass für die Folgen kaum noch Aufmerksamkeit übrig bleibt. Der Idealismus wächst mit zunehmendem Abstand zur Realität. Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Angst. Und die unbeabsichtigten Konsequenzen werden nachher zur „reaktionären“ Perspektive der Gegenseite umgedeutet. Wenn etwas gelingt, haut man sich selbst auf die Schulter. Wenn etwas nicht gelingt, waren es die anderen oder die Umstände.


Wir haben die Atomkraftwerke abgeschaltet — und schnellstens Kühltürme gesprengt, damit niemand mehr auf die Idee kommen kann, die Dinger etwa wieder einschalten zu wollen —, wissen aber nicht, wie wir unsere Energie bezahlen sollen, und wir schauen einer Wirtschaft zu, die keuchend auf der Seite liegt, weil sie unter den aktuellen Bedingungen leidet — und abwandert. Mit ihr verschwindet (mindestens: schrumpft) die Grundlage der Einnahmen, aus denen wir unsere Vorstellungen finanzieren wollten. Wir haben uns so viel Luxus geleistet, dass wir gleich den Mechanismus abgeschafft haben, mit dem dieser Luxus erarbeitet wird. 


Die Welt lacht über uns. 


Ein durchschnittlicher Deutscher muss davor nicht knien und Beifall klatschen. Er muss den Wirtschaftsminister jener Regierung und die anderen Verantwortlichen nicht gut finden. Er darf sagen, dass das nach hinten losgegangen ist. 


Ich verstehe auch diejenigen, die sagen, das müsse geplant gewesen sein. Wenn etwas derart weltfremd und gegen die Grundlagen des eigenen Landes gerichtet ist, muss man sich über solche „verschwörungstheoretischen“ Gedanken nicht wundern.


Wir ziehen uns in ein protestantisch-ökologisches Jammertal zurück und ergötzen uns daran, die Progressivsten von allen gewesen zu sein. Nur sind wir dabei arm geworden, und die Welt ist uns davongezogen. Dass sich das Klima verändert, dass es wärmer wird und wir etwas tun müssen, bedeutet doch nicht, dass Menschen auf Wirtschaft verzichten können. 


Die Deutschen machen selten Fehler — aber wenn, dann große.


Und nein, die Migrationsromantik hat nicht funktioniert. Die Menschen sehen das. Wer vor diesem Scheitern die Augen verschließt und anschließend auch noch nicht wahrhaben will, warum die Leute anders wählen, verstärkt den Impuls, über den er sich beklagt. Man kann nicht dauernd an den Erfahrungen der Menschen vorbeireden und erwarten, dass sie einem dafür weiter zustimmen.


So entsteht eine Gegenbewegung. Was vorher als „spießig“ galt, wird plötzlich wieder attraktiv. Das ist einerseits eine Rückbesinnung und andererseits eine gesellschaftliche Weiterentwicklung. Die Leute wollen nicht einfach in die Achtziger oder Neunziger Jahre zurück. Aber sie finden an dem vermeintlich „Spießigen“ etwas, das ihnen in der gegenwärtigen Welt fehlt. 


Und genau dadurch kann das zum Gegenentwurf werden.


Plötzlich fahren Leute mit dem Moped hinter Ulrich Siegmund her und finden das cool. Sie sehen ihn auf einem Foto mit Frau und Freunden bei Nudeln mit Wurstgulasch und erkennen etwas, mit dem sie sich identifizieren können. 


Moped, Grillwurst, Bier, Volksfest: Die AfD organisiert ihre eigene Form von „Zivilgesellschaft“. Wer Zivilgesellschaft nur in soziokulturellen Zentren und bei NGOs vermutet, wird das kaum verstehen. 


Früher waren die Grünen und Leute mit bunten Haaren die Alternative. Heute gehören sie zu der Welt, gegen die sich der neue Widerspruch richtet. Die mit den blauen Haaren wirken mittlerweile wie die Avantgarde einer sich selbst für mehrheitlich, inklusiv und demokratisch haltenden „Vielfalts-Bewegung“. Nur sind sie keineswegs in der Mehrheit. In der Mehrheit sind längst andere Tendenzen.


Dass rechte Kräfte heute cool aussehen, haben sie keineswegs nur sich selbst zu verdanken. Die linken Kräfte tun ihrerseits viel dafür. Sie stellen Figuren nach vorn, die auf größere Teile der Bevölkerung abstoßend wirken. Keine Gallionsfiguren, sondern dekadente Schreihälse, die in höchst narzisstischer Weise Aufmerksamkeit einfordern und ihre Ansprüche ideologisch derart aufladen, dass sich die Leute angewidert wegdrehen. Daneben wirkt einer mit Moped und Wurstgulasch plötzlich wie ein brauchbarer Gegenentwurf, nämlich „normal“ und „bodenständig“.


Es handelt sich quasi um eine gesellschaftliche Pendelbewegung. Wer das pragmatisch betrachtet, kann den rechten Impuls politisch aufnehmen und in das Spektrum integrieren. Man kann nicht so tun, als habe sich die Gesellschaft nicht verändert, und als müsse man nur noch nachdrücklicher für das bisher Gültige werben. 


Wenn man hingegen keine Korrektur ermöglicht, wird die Gegenbewegung stärker, immer stärker. Die linke Seite hilft dabei, solange sie vor ihrem eigenen Anteil an dieser Entwicklung die Augen verschließt.


Einsicht ist unwahrscheinlich.


Wir haben zwanzig rechte Jahre vor uns.


Jörg Heidig


PS: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt.

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