Zwischen den Vorstellungen bestimmter Milieus und dem alltäglichen Wirklichkeitserleben anderer Menschen hat sich eine sprachliche und kulturelle Distanz aufgetan, die nicht mehr überbrückbar erscheint. Diese Distanz wird mitunter so groß, dass regelrechte Fassungslosigkeit entsteht.
Der konkrete Anlass dieses Gedankens war ein theaterpädagogisches Demokratieprojekt in dem Lausitzer Ort Schleife, bei dem im Rahmen eines Programms über Befindlichkeiten Jugendlicher in Ostdeutschland pornografisches Material mit homosexuellen Handlungen eine Rolle spielte. Das Thema ist damals viral gegangen und hat für einiges Entsetzen gesorgt. Das entsprechende Programm wurde gestoppt, die das Programm finanzierende Stiftung distanzierte sich schnell.
Nur ein Schelm, der fragt, wie das Projekt die stiftungsinternen „Willensbildungsschwellen“ passiert hat — und wie seitens der Trägerorganisation und der finanzierenden Stiftung mit Beschwerden vor Schleife umgegangen wurde, denn Schleife war kein Einzelfall, es war nur der erste Fall, der bekannt geworden ist. Das Programm hatte bereits an anderen Schulen in Sachsen stattgefunden. Mindestens in einem weiteren Fall kam es unter anderem zur Thematisierung konkreter homosexueller Praktiken einschließlich des Zeigens und Erläuterns bestimmter Hilfsmittel.
Es geht in diesem Text nicht um irgendeine Bewertung oder Einordnung sexueller Orientierungen oder Praktiken. In diesem Text geht es auch nicht um die — in keinem Zusammenhang zu legitimierende — Verhältnismäßigkeit solcher Inhalte in einem theaterpädagogischen Workshop in Klasse 9. In diesem Text geht es um die psychologische Wirkung auf einen erheblichen Teil der Bevölkerung, der mit solchen Zusammenhängen weder kulturell noch praktisch und schon gar nicht politisch vertraut ist — und das, verflixt nochmal, auch nicht sein muss.
Was ein Theater ist, wissen die Menschen. Was Theaterpädagogik ist, wird nur einem Teil der Bevölkerung verständlich sein. Wie man mit theaterpädagogischen Workshops in neunten Klassen das Thema Demokratie oder das Thema Befindlichkeit junger Menschen in Ostdeutschland bearbeiten möchte, wird sich nur noch einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung erschließen. Was nun aber pornographische Inhalte und explizite Informationen über bestimmte Sexualpraktiken in solchen Workshops zu suchen haben — das löst bei vielen Menschen Entsetzen aus. Sie reagieren fassungslos.
Die durchschnittlichen Lausitzer arbeiten möglicherweise im Handwerk, in der Landwirtschaft, in der Industrie, in der Verwaltung, im Gesundheitswesen oder der Bildung — und engagieren sich vielleicht in lokalen Vereinen. „Engagement“ bedeutet dort oft: Sportverein, regionale Traditionen, Dorffest, Kirche, Heimatpflege, Feuerwehr. Sie kennen die Diskurse über „Inklusion“ oder „unsere Demokratie“ kaum oder gar nicht. Und wenn sie die dazu gehörenden Sprechweisen hören, wenden sich viele einfach ab.
Wenn ihre Kinder in der Schule etwas über Demokratie lernen sollen, erscheint den Menschen das zunächst völlig selbstverständlich. Politische Bildung gehört zur Schule. Niemand wird sich wundern, wenn Schüler ein Parlament besuchen, die regionale Abgeordnete treffen, Fragen an den Bürgermeister ihres Ortes richten o.ä. Kaum einer wird sich wundern, wenn an einem Gymnasium „Die Welle“ thematisiert oder sich mit Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder mit historischen Fragen von Diktatur und Verantwortung beschäftigt wird. Auch ein theaterpädagogisches Projekt zu politischen Themen würde viele Menschen vermutlich nicht wundern, wenn es einigermaßen ausgewogen und neutral und dem Alter der Schüler angemessen daherkäme.
Die Fassungslosigkeit entsteht erst, wenn Dinge zusammenkommen, die für allergrößte Teile der Bevölkerung ganz und gar nicht zusammengehören. Wenn Theaterpädagogik nicht mehr nur zur allgemeinen politischen Bildung verwendet wird, sondern wenn bekannt wird, dass solche Projekte zusätzlich mit sexueller Identität und expliziten sexuellen Praktiken verbunden werden, verändert sich die gesellschaftliche Akzeptanz blitzschnell. Die Menschen lehnen das nicht nur ab, sie reagieren, wie gesagt, regelrecht entsetzt.
Viele Menschen verbinden Demokratie in einem herkömmlichen Sinn mit Mehrheitsentscheidungen und einem allgemeinen Werterahmen. Wenn Demokratiepädagogik nun zunehmend mit Vielfaltspädagogik und sexueller Diversität verschmilzt und diese Themen aktiv pädagogisch vermittelt werden, empfinden die meisten Menschen das nicht mehr als politische Bildung, sondern, gelinde gesagt, als unzulässige Überdehnung des Demokratiebegriffs, oder, schärfer formuliert, als Propaganda.
Das bedeutet keineswegs, dass diese Menschen homosexuellen Personen feindlich gegenüberstehen. Die gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Menschen hat sich über Jahrzehnte langsam entwickelt. Gerade wegen dieser langsamen Entwicklung wurde sie gesellschaftlich anschlussfähig. In den neunziger Jahren erschienen Titelseiten wie „Leben Schwule besser?“ noch als provokant oder ungewöhnlich. Dreißig Jahre später würden viele Menschen darüber kaum noch nachdenken. Solche Veränderungen benötigen Zeit.
Problematisch wird es dort, wo gesellschaftliche Entwicklungen plötzlich beschleunigt werden und jede neue Minderheit und jede neue Identitätskategorie pädagogisch unmittelbar integriert und aktiv „vermittelt“ werden soll. Für Menschen, die sich mit diesen Diskursen nie intensiv beschäftigt haben, wirkt das irgendwann überzogen. Sie erleben dann nicht mehr politische Bildung, sondern eine Form von anmaßender Entgrenzung durch Milieus, die sich selbst zunehmend als kulturelle Avantgarde verstehen.
Genau dadurch entsteht jene Fassungslosigkeit, die wir hier am Beispiel des theaterpädagogischen Projektes in Schleife illustriert haben, und die sich gegenwärtig in wachsenden Teilen der Gesellschaft ausbreitet. „Haben die den Verstand verloren?“, fragen sich immer mehr Menschen.
Diese Fassungslosigkeit wird von Teilen der großstädtisch-akademischen und sich selbst für „progressiv“ haltenden Milieus unterschätzt, weil dort manche dieser Zusammenhänge längst selbstverständlich erscheinen. In diesen „progressiven“ Bereichen erscheinen Inklusion, Sichtbarkeit von Minderheiten und Diversität nicht mehr als besondere politische Projekte, sondern als moralisch notwendige Bestandteile „unserer Demokratie“. Der psychologische Effekt auf Menschen außerhalb dieser Milieus wird dabei jedoch in der Regel nicht berücksichtigt.
Gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen selten linear. Sie ähneln eher Pendelbewegungen. Jede starke Bewegung erzeugt irgendwann eine Gegenbewegung. Wenn progressive Projekte zunehmend als kulturelle Überdehnung wahrgenommen werden, entsteht daraus nicht automatisch mehr Akzeptanz, sondern oft das Gegenteil: Skepsis, Trotz — und schließlich politische Gegenreaktion.
Genau deshalb verstärken Projekte wie das in Schleife bekannt gewordene häufig gerade jene Kräfte, gegen die sie ursprünglich gerichtet sein sollten. Die Kritik konservativer oder rechter Gruppen an bestimmten Stiftungen, Bildungsprojekten, Vielfaltseinrichtungen oder Hassmeldestellen erhält dadurch nachträglich Bestätigung — eben weil manche Projekte tatsächlich eine Form kultureller Selbstüberschätzung und „belehrender Überdehnung“ entwickeln, die außerhalb bestimmter Milieus ganz und gar nicht mehr anschlussfähig ist.
Das eigentliche Problem liegt deshalb weniger in einzelnen Projekten als in einer wachsenden Entkopplung gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Solange diese Differenz klein bleibt, lässt sie sich moderieren. Wenn sie jedoch zu groß wird, entsteht irgendwann jene Mischung aus Irritation, Entfremdung und Fassungslosigkeit, die gegenwärtig an vielen Stellen sichtbar wird.
Natürlich kann man die ganze Sache auch andersherum betrachten.
Sexualaufklärung ist heute Teil des Unterrichts. Man stelle sich vor, dass man in einer bayerischen Schule Anfang der sechziger Jahre Sexualaufklärung in einer Form betrieben hätte, wie sie heute normal ist. Wahrscheinlich hätte das erhebliche Irritationen ausgelöst. Dinge, die heute normal erscheinen, wären damals als Grenzüberschreitung wahrgenommen worden.
Es bleibt immer ein Konflikt zwischen den neuen und den herkömmlichen Dingen. Während heuer progressive Stimmen meinen, dass es „noch nicht reicht“, sind andere längst der Meinung, dass wir in der Entwicklung „schon längst drüber“ sind. In einer Demokratie gibt es aber keine „sachliche Richtigkeit“, die einfach behauptet werden kann. Entscheidend ist, ob eine Position gesellschaftlich zustimmungsfähig ist. Teile des progressiven Lagers gehen häufig davon aus, dass bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen nicht mehr verhandelt, sondern nur noch umgesetzt werden müssten. Aber genau auf diese Erwartung reagiert das andere Lager sehr sensibel. Die Zustimmung kippt, der Konflikt liegt offen. Momentan erleben wir genau das: die Zustimmung ist nicht nur am Kippen, sondern sie schlägt um.
Sollte ich mit dieser Analyse falsch liegen, blickt man in dreißig Jahren möglicherweise verwundert auf die heutige Zeit zurück — und schaudert angesichts der Heftigkeit der Debatten, die entstanden, als man die Thematisierung sexueller Praktiken einschließlich des Zeigens von Hilfsmitteln zu eben diesen Praktiken oder entsprechender pornografischer Inhalte in neunten Klassen zeigte. Womöglich wird man sich an solche „Kleinigkeiten“ auch gar nicht mehr erinnern.
Nach meinem Dafürhalten ist allerdings wahrscheinlicher, dass es einer jener Punkte gewesen sein wird, an die man sich dann zwar nicht mehr explizit erinnern wird, die aber dazu beigetragen haben, dass im Jahr 2026 oder etwas später die kulturellen Veränderungsprozesse der vergangenen Jahre an gesellschaftliche Akzeptanzgrenzen gestoßen — und umgekippt sind.
Unsere Gesellschaft besteht aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Wir leben in demselben Staat, nutzen dieselben Institutionen, bewegen uns aber zunehmend in unterschiedlichen Wirklichkeiten. Was für die einen notwendig und moralisch geboten erscheint, wirkt auf andere fremd und überzogen. Solange diese Unterschiede begrenzt bleiben, lassen sie sich, wie gesagt, politisch moderieren. Werden sie zu groß, entsteht etwas anderes: die Überzeugung, dass die jeweils andere Seite den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben müsse.
Genau an diesem Punkt beginnt jene Fassungslosigkeit, von der in diesem Text die Rede ist.
Wenn Menschen fassungslos sind, erleben sie nicht mehr nur Widerspruch oder Meinungsverschiedenheiten. Sie können die Gedankengänge der anderen Seite nicht mehr nachvollziehen. Was dort gesagt oder getan wird, erscheint ihnen nicht nur falsch, sondern absurd.
Unsere Gesellschaft wird nicht dadurch stabiler, dass eine Seite die andere belehrt. Unsere Gesellschaft bleibt stabil, solange unterschiedliche Lebenswelten noch ausreichend gemeinsame Wirklichkeit teilen, um miteinander im Gespräch zu bleiben — oder soweit aufeinander zugehen, dass dies wieder möglich wird.
Wenn aber die gemeinsame Wirklichkeit verloren geht, wachsen Misstrauen, Rückzug und politische Gegenbewegungen beinahe zwangsläufig immer weiter. Die entscheidende Frage lautet, wie groß die kulturelle Distanz inzwischen geworden ist, die solche Projekte wie das in Schleife sichtbar machen — und ob wir noch in der Lage sind, eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft aufrechtzuerhalten. Ohne eine gewisse Bewegung aufeinander zu wird es nicht gehen. Andernfalls entsteht irgendwann eine neue Lage. Neue Lagen sind selten das Ergebnis dessen, was sich die Beteiligten ursprünglich gewünscht haben. Aber mir erscheint das mittlerweile unausweichlich.
Pragmatisch könnte man davon sprechen, dass eine Korrektur notwendig sei, dass man skeptische und ablehnende Sichtweisen integrieren müsse. Aber genau das ist unwahrscheinlich, weil sich die vermeintlich „progressive“ Seite im sprichwörtlich gewordenen Sinne „einmauert“. Es gibt momentan keine moderierende Mitte; die CDU scheint diese Karte spätestens seit der letzten Bundestagswahl verspielt zu haben. Bleibt die Hoffnung auf eine neue Kraft in der Mitte, aber bisher ist keine Kraft in Sicht, die auch nur annähernd in der Lage wäre, die Polarisierung zu verringern.
PS: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt. ;-)