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Über Kippunkte und was danach kommt

Das Wort „Kippunkt“ wird wahrscheinlich am Ehesten mit Szenarien assoziiert, die Forscher entwickelt haben, um die weitere Entwicklung des Klimas auf unserem Planeten zu prognostizieren, und zwar in Abhängigkeit von der Größe der Menschheit und ihrem Verhalten. Dass wir uns die Welt untertan gemacht haben und im „Anthropozän“ leben, und dass dies gravierende Folgen hat, wird kaum jemand bestreiten. 


Nur ein Beispiel: Wenn man alle Menschen auf eine Waage stellte, käme man etwa auf mehr als 300 Millionen Tonnen Masse. Täte man dies mit allen wild lebenden Säugetieren, Meeressäuger eingeschlossen, käme man auf weniger als 100 Millionen Tonnen. Und stellte man alle von uns gehaltenen Tiere auf eine Waage, käme man auf sage und schreibe mehr als 600 Millionen Tonnen.


Angesichts solcher Zahlen kann einem schon mulmig werden. Einigen von uns wird schon lange mulmig. Die ersten signifikanten Äußerungen, dass es mit unserem Verhalten so nicht ewig gut gehen wird, waren meines Wissens in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu verzeichnen. 


Eine der zentralen Variablen der Kippunkt-Szenarien ist die Durchschnittstemperatur — steigt die Durchschnittstemperatur an, verändert sich das Klima. Die „Kippunkte“ sind dabei solche Punkte, ab denen bestimmte Folgen dieser Veränderungen unumkehrbar seien — Lebensräume unbewohnbar würden, Arten ausstürben usw. 


In diesem Text geht es jedoch nicht direkt um ökologische Kippunkte. Es geht vielmehr um die gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Behauptung — bzw. die Reaktionen und Dynamiken, die entstanden sind, seitdem aus der Behauptung der Kippunkte verstärkt Politik gemacht wurde.


Um nicht falsch verstanden zu werden: Kaum jemand wird in einer Welt jenseits der Kippunkte leben wollen. Wenn jedoch die Anstrengungen zur Vermeidung dieser Kippunkte gravierende gesellschaftliche Folgen haben, weil man heuer bei politischen Entscheidungen so tut, als seien die Kippunkte derart bedrohlich, als dass alles in kürzester Zeit auf Klima zu kämmen sei, und als seien entsprechende Entscheidungen alternativlos, dann wird man mit Gegenreaktionen rechnen müssen — und zwar insbesondere dann, wenn man alle möglichen Maßnahmen innerhalb des kurzen Horizonts einer Legislatur in Gang setzen möchte und das gravierende Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft hat. 


Hatte man den Preis gesellschaftlicher Folgen auf dem Schirm? Oder hat der Idealismus die Entscheidungen dominiert? Ich meine: Man hat die Folgen massiv unterschätzt, und zwar die ökonomischen wie die gesellschaftlichen. Nichts von dem, was seither eingetreten ist, hatte man so auf dem Schirm.


Ich will meinen, dass erst die allzu energische und später belehrende und sich „in der Debatte selbst weiter radikalisierende“ Verfolgung der (vermeintlich) progressiven Ziele die Gegenreaktion erst so stark gemacht hat, wie sie es heute ist. 


Diese These wird manchen Lesern ganz und gar nicht passen. 


In diesem Beitrag wird nichts über die Plausibilität der ökologischen Kippunkte gesagt. In diesem Beitrag geht es vielmehr um die Wechselwirkungen zwischen dem, was heute von sich selbst als „progressiv“ beschreibenden Kräften für selbstverständlich gehalten wird und was in den letzten Jahren die politische Agenda dominiert hat, und den Reaktionen darauf. 


Die Summe der Probleme bleibt gleich, könnte man meinen, oder etwas schärfer formulieren: Wenn eine Agenda halbwegs „spitz“ ist, formt sich Widerstand, und wenn die Veränderung nicht gelingt, verstärkt sich der Widerstand. Und wenn der Widerstand durch Zuschreibungen wie „rechtsradikal“ delegitimiert wird, kippt die Sache irgendwann. 


Genau das ist passiert: Zweifel an der Politik — und dabei ist es egal, ob es sich um Zweifel an der Klimapolitik, der Migrationspolitik oder anderen „progressiven“ Themen wie Politik in Bezug auf den sprachlichen und verwaltungsmäßigen Umgang mit Geschlechtern handelt — werden z.B. als „ausschließend“ „demaskiert“. Hier soll nicht behauptet werden, dass es nicht etwa „ausschließende“ oder „feindliche“ Wortmeldungen gäbe, natürlich gibt es die, und es gibt vielleicht auch immer mehr davon (die Frage ist m.E. nur, warum). 


Der Fehler liegt in einer Unterstellung: Nur weil ich gegen die Migrationspolitik argumentiere, habe ich noch lange nichts gegen Migranten. Genau das wird aber unterstellt: Dass, wer sich gegen die „alternativlose“ Migrationspolitik wendet, automatisch menschenfeindlich eingestellt sei. In meinem Fall gilt das Gegenteil: Ich war und bin gegen die Migrationspolitik a la Merkel und Faeser, weil ich meine, dass wir mit einer allzu naiven, idealistischen Politik nicht nur unsere Infrastruktur überfordern, sondern auch Folgen zeitigen, die so niemand gewollt hat. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich etwas gegen Migranten hätte. Wenn wir aber die Infrastruktur überfordern und das Folgen hat, und wenn wir falsche Anreize setzen, und wenn wir jeden Zweifel daran als „rechtslastig“ oder „rechtsradikal“ delegitimieren, nun, dann wählen die Leute anders, und wenn wir dann auch noch nicht nur die betreffende Partei, sondern den ganzen damit verbundenen Wählerwillen ignorieren oder delegitimieren, indem wir diesen Willen als Angriff auf „unsere Demokratie“ denunzieren, und wenn wir dann noch NGOs ermächtigen, das Wahlvolk diesbezüglich zu belehren, nun, wo sind wir dann?


Wir haben es, so will ich meinen, mittlerweile mit einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen Kippunkten zu tun, die sich aus der Dynamik zwischen Behauptungen und ihren Folgen in der Politik einerseits und der Gegenreaktion andererseits ergeben — und zwar lange bevor die Klima-Kippunkte überhaupt eintreten würden.


Solche Dinge zu besprechen, ist mindestens heikel, wenn nicht riskant, denn die Existenz der hier geschilderten gesellschaftlichen Kippunkte wird von Teilen der Gesellschaft sicher ebenso in Zweifel gezogen wie die Plausibilität der Modelle zu den Klima-Kippunkten von anderen Teilen der Gesellschaft. 


Es hat alles seinen Preis, könnte man meinen, aber der Preis ist in gesellschaftlicher Hinsicht womöglich entsetzlich. Ich möchte meinen, dass die Folgen dieser gesellschaftlichen Kippunkte ebenso irreversibel sein könnten, wie das von den Klimakippunkten behauptet wird.  


Man kann bei der Behauptung von Kippunkten daneben liegen, und zwar in beiderlei Richtung. Die hier geschilderten Dynamiken erheben nicht den Anspruch, wahrer oder zutreffender zu sein als die Modelle, die zur Behauptung der ökologischen Kippunkte führen. Es geht hier eher darum, auf Wechselwirkungen und Folgen hinzuweisen, die jene sich selbst für „progressiv“ haltenden Stimmen wahrscheinlich nicht auf dem Schirm haben oder ignorieren oder missachten. 


Die einen wie die anderen Kippunkte basieren auf bestimmten Annahmen. Man kann im Fall der Klima-Kippunkte versuchen, diese Punkte zu berechnen. Im Fall der gesellschaftlichen Kippunkte kann man nur versuchen, die Entwicklungen zu beschreiben und durch Befragungen zu messen. Was man jedoch in diesem wie in jenem Fall nicht kann: das wahrscheinliche Eintreten der Kippunkte vor ihrem tatsächlichen Eintreten beweisen


Die eine Seite meint, ein gewisses Gewohnheitsrecht zu besitzen: „Nur weil sich die Zeiten ändern, bedeutet das nicht, dass sich auch unsere Gewohnheiten ändern müssen, beweist uns das bitte erst einmal!“ Die andere Seite ruft: „Wenn wir so weitermachen, wird dieses und jenes eintreten, also sollten wir nicht nur, sondern müssen wir handeln!“


Dass bei der letzteren Variante Fehler durch Überzeugung begangen werden, und dass aus den Fehlern durch Überzeugung auch Richtwerte werden können, zeigt ein jüngeres, in Wissenschaft und Öffentlichkeit m.E. viel zu wenig diskutiertes Beispiel. 


Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat in einem weltweit anerkannten wissenschaftlichen Magazin eine Studie veröffentlicht. In der Studie geht es um die Folgekosten des Klimawandels für die Weltwirtschaft. Die Studie hat weltweit Beachtung gefunden. Die Zahlen sind vielerorts als Richtwerte verwendet worden. 


Was erst viel später bekannt wurde: Die bei der Zeitschrift routinemäßig Anwendung findenden Reviews hatten zu starken bis fundamentalen Zweifeln an den Methoden und den Ergebnissen der Studie geführt. Mehrere unabhängige Instanzen hatten — Tendenz: massive — Zweifel an den verwendeten Methoden und damit auch an den Implikationen geäußert. 


Die namhafte Zeitschrift zögerte jedoch, hielt die Kritik zurück, veröffentlichte trotzdem. Die Publikation entfaltete ihre Wirkung.  


Die Kritik riss nicht ab. Als man zugab, dass an der Kritik etwas dran war, war es bezüglich der Wirkung der Studie viel zu spät.


Erinnern Sie sich noch an die Versuche der Tabak-Industrie, mit Hilfe wissenschaftlicher Studien die Effekte des Rauchens kleinzureden? Kaum einer würde heute noch so etwas glauben. Und kaum einer würde solche Studien mehr für legitim halten. Aber was, wenn die heuer mächtige, (noch) im Trend des Zeitgeistes liegende Seite ähnliche Dinge veranstaltet? Das Beispiel der Studie des Potsdam-Instituts zeigt, dass die „ökologisch motivierte“, „progressive“ usw. Seite vor solchen Versuchen keineswegs gefeit ist. 


Wandel geschieht langsam. Wenn man allzu überzeugt von etwas ist, macht man Fehler — die korrigiert werden müssen. Natürlich ist es nicht einfach, Fehler zuzugeben, aber weder bei der Migrations-, noch der Wirtschafts- oder der Umweltpolitik haben die in jüngerer Zeit tätigen Akteure zugegeben, Fehler gemacht zu haben. Fehler zu machen, ist insofern auch nicht verwunderlich. Man macht, wenn man „vorwärts“ handelt, eben auch Fehler, wenn man „idealistisch“ handelt, zumal. Fehler können korrigiert werden. Aber wenn man die Korrektur durch Moralisierung und Unterstellung der Verwerflichkeit des Zweifels verhindert, macht man die Sache nicht besser, im Gegenteil: Nicht nur, dass man dadurch notwendige Korrekturen verhindert — man schafft ein Klima, in dem man die Korrektur insgesamt delegitimiert und Zweifel denunziert. Das Ergebnis: Man hat quasi immer Recht.


Durch diesen Mechanismus werden keine politischen Hausaufgaben gemacht, sondern es wird weitergemacht, und das stärkt in der Konsequenz vor allem die Gegenseite.


Man macht weiter, bis sich der Zweifel so auftürmt, dass der entstandene Turm umkippt und die Landschaft an und für sich verändert. Anstatt sich zu fragen, was der Wählerwille bedeutet und wie man das Land „wohltemperiert“ gestalten kann. Wohltemperiertheit bekommt man in der Politik nicht ohne eine gewisse „Grausamkeit“. Aber es geht eben darum, die Grausamkeiten wohltemperiert zu verteilen, anstatt, wenn das Schiff schon Schlagseite hat, zu behaupten, dass die Schlagseite das neue Gleichgewicht sei. So etwas rächt sich, und ob die Lage nach der Rache besser ist als das, was man bekommen hätte, wenn man pragmatischer vorgegangen wäre, nun ja, was wird dann eine Frage sein, die man genervt oder zynisch in die Rubrik „Hätte, hätte, Fahrradkette“ verschiebt.


Zur Ehrenrettung der Klima-Leute muss man sagen, dass es eine Generation gab, die geglaubt hat, dass man etwas bewegen könnte, indem man beschreibt, forscht, warnt, und dass diese Leute größterenteils höflich und nett waren, und dass es kaum etwas oder nichts bewirkt hat, sodass sie das Gefühl hatten, wir würden gar nichts lernen, und dass es zu spät sei. Manche dieser Menschen sind in Rente gegangen mit einem Gefühl der Verzweiflung. Ich weiß das, weil ich dem einen oder anderen dieser Menschen begegnet bin. 


Dann aber kamen die nassforschen DisruptorInnen — mit wenig Ahnung, dafür umso mehr Haltung. Ein bißchen lustig finde ich, dass man sich heuer gar nicht so sehr über die verheerenden Wirkungen dieser DisruptorInnen aufregt, als vielmehr über die anderen forschen Disruptoren der Gegenreaktion — und diese mindestens zu Demokratiefeinden, wenn nicht Faschisten erklärt. Dass die ganze heutige Lage auf einer Interaktionsdynamik zwischen dem „progressiven“ Lager und der Gegenreaktion beruht, will niemand sehen.


Eigentlich bräuchten wir, wie gesagt, „wohltemperierte“ Reaktionen auf die Lage. Aber die Wohltemperiertheit wird verhindert, indem die Gegenreaktion mit der Unterstellung des Radikalismus delegitimiert wird — während der eigene Radikalismus zur „Alternativlosigkeit“ oder „unmittelbaren Notwendigkeit“ verklärt wird.


Die Wohltemperiertheit liegt in der Folge tot auf der Wiese, weil die aktuelle Parteienkonstellation zu wenig Korrektur-Mechanismen hat und die Gegenreaktion qua Moralisierung delegitimiert wird — und deshalb heuer die Gegenreaktion oft erst mit dem Gebaren eines Donald Trump daherkommen muss, damit sie überhaupt stattfindet. 


Stopp. Wir haben doch aber Korrektur-Mechanismen! All die Nichtregierungsorganisationen, die auf unsere Demokratie Acht geben. Aber es ist eben nicht unsere Demokratie, sondern „unsere Demokratie“ — mit eintausend Belehrungen, was man heutzutage wie zu sehen und zu besprechen habe. Demokratie ist aber keine Belehrungsveranstaltung, sondern bedeutet Mehrheitsentscheidungen. Und wenn man irgendwann zu viel belehrt wurde, dann erscheint einem der bewusste Bruch mit den Konventionen irgendwann „cool“ oder „mutig“, werden Symboliken und Haltungen wieder populär, die man so noch vor Jahren für ausgeschlossen gehalten hätte, nach dem Motto: „Die trauen sich wenigstens was!“


Wehret den Anfängen! 


Aber was, wenn keine signifikanten Korrekturen möglich sind, weil man meint, sich der Anfänge erwehren zu müssen — und die Anfänge in der Folge als letzter Korrekturmechanismus dastehen? Der Preis könnte entsetzlich sein. Was wäre besser? Eine signifikante Korrektur der gegenwärtigen Politik — oder eine brachiale Korrektur, die erst durch das „Weiter so“ in „unserer Demokratie“ so richtig hervorgerufen wird? Je länger das „Weiter so“ dröhnt, desto wahrscheinlicher (= im Wahlvolk erwünschter) wird die brachiale Korrektur. 


Wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, dass es keinen Unterschied macht, ob man wählt oder nicht, oder dass die eigene Wahlmeinung trotz hohen Anteils nicht gehört wird, dann führt das nicht mehr nur zu „Widerstand gegen Überzeugungsgruck“ oder innerer Distanzierung. Irgendwann führt das zu einer zynischen Haltung, zu einem gewissen Fatalismus, zu „zivilem Burnout“. Man koppelt sich ab; der „persönliche Kippunkt“ liegt dann schon lange zurück. 


Viele entwickeln dann Sichtweisen wie: „Die kriegen es nicht mehr hin, sehen das aber nicht ein. Mit diesen Leuten ändert sich nichts. Es wird immer schlimmer. Ich erkenne mein Land nicht wieder. Aber ich soll denken, dass alles gut ist. Ich habe aber sogar aufgegeben zu hoffen, dass es mit diesen Leuten wieder besser werden kann, geschweige denn, dass ich denken kann, dass alles gut ist. Es muss eine Veränderung geben. Aber unter den Etablierten gibt es niemanden, der das hinbekommt. Ob es die anderen hinbekommen, weiß ich nicht, da bin ich skeptisch. Aber es sind die einzigen, die etwas Wesentliches ändern wollen. Wenn die das auch nicht hinkriegen? Dann geht langsam, aber sicher, alles den Bach runter. Deshalb sind die autoritären Gesellschaften heute stärker als die alten europäischen Demokratien. Viele Demokratien kriegen mit ihrer Bürokratie und ihrem Zank kaum mehr etwas hin, und wenn, dann nur so langsam, dass sich die Welt schon dreimal weitergedreht hat.“

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