Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir den Tiefpunkt erreicht haben. Wer meint, die AfD sei das Schlimmste, was passieren kann, hat nicht verstanden, wie tatsächlicher Extremismus entsteht. Die AfD ist nur das Knirschen im Gebälk. Sie ist der Versuch, die Konflikte im Parlament zu verhandeln.
Soweit ich die gegenwärtige Lage verstehe, ist absehbar, dass es in Berlin einstweilen so weitergeht. Dadurch wird nicht nur die Zustimmung zur Demokratie geschwächt — und die AfD stärker. Dadurch wird auch etwas anderes noch stärkere Dynamik aufnehmen. Um diese ganz buchstäblich „andere Gewalt“ geht es in diesem Text.
Es gibt derzeit drei etablierte Arten gefährlichen Extremismus’ in Deutschland: den islamistischen Extremismus, den linken Extremismus und den rechten Extremismus. Ich kann diese Extremismen gern auch in umgekehrter Reihenfolge aufzählen, falls das jemandem lieber sein sollte. Das würde aber nichts ändern.
Was da wächst, sind keine politischen Parteien, sondern schwer greifbare Bewegungen. Sie kommen ohne sichtbare Struktur daher. Es handelt sich um eine Art „Fuck-you-Crew“ in dreifacher Ausfertigung, die unvorhersehbar zuschlägt wie ein Blitz aus heiterem Himmel – und zwar dort, wo man sich nicht schützen kann.
Diese „Fuck-you-Crews“ haben keine Moral. Sie produzieren nur schreckliche Ereignisse auf dem Asphalt unserer Großstädte.
Manche stellen sich das durchaus romantisch vor – etwa wenn die Möglichkeit linker Gewalt von Musikern besungen wird (die dann Theater machen, weil sie plötzlich doch nicht ins öffentlich-rechtliche Fernsehen dürfen), oder wenn jemand nach einem islamistischen Anschlag mit Todesopfern schreibt, Allah möge den Täter belohnen, oder wenn rechte Anschlagsphantasien zur „letzten Verteidigungswelle“ stilisiert werden.
Ich selbst habe einmal gehört, wie eine sehr durchschnittliche Frau in einem kaum bestimmbaren Großmutter-Alter über Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt (die beiden Toten des NSU-Trios) Folgendes gesagt hat: „Das waren keine Terroristen, das waren Freiheitskämpfer.“ Das war in einer ganz banalen Situation an einem frühen Abend Ende November oder Anfang Dezember 2011: Die Oma stieg samt Fahrrad in einen Regionalzug und parlierte mit dem Schaffner. Ich saß direkt daneben und hörte die Unterhaltung erst unfreiwillig und später umso überraschter mit an. Ich habe das Ereignis seinerzeit auf meinem Blog beschrieben, weil ich einigermaßen erschrocken war ob der drastischen Wortwahl der ansonsten harmlos anmutenden Sprecherin.
Es gibt sehr wohl eine „Ästhetisierung“ von Gewalt in unserer Kultur, im Takt irgendeiner Musik oder als romantisierende Umdeutung. Und da ist jene Oma mit ihrer rechten Umdeutung ganz und gar nicht alleine, da sehen wir auf linker Seite genug Beispiele.
Aber Gewalt ist keine „Stilfrage“. Man kann auch nicht „kunstvoll“ darüber reden. Gewalt ist blutig, und viel zu oft liegen Menschen schwer verletzt im Krankenhaus oder sind qualvoll gestorben.
Parallel zu diesen Radikalisierungsmustern erleben wir eine zweite, völlig andere Ebene der Erosion: Das moralisierende Aushebeln der Regeln von oben.
Wir sehen „informell legitimierte“ — und wenn schon nicht legitimierte, dann aber mindestens akzeptierte oder heimlich beklatschte — passiv-aggressive Vorstufen wie die „Klimakleberei“, nach dem Motto: „Schaut her, was ihr uns antut, während wir uns für eine bessere Welt auf die Straße leimen!“
Wer hier einwendet, das dürfe man nicht vergleichen, übersieht die Mechanik: Es geht nicht darum, dass ein Klimakleber morgen zur Axt greift. Es geht darum, wie gesellschaftliche Zersetzung funktioniert. Das (passiv-akzeptierende) Verharmlosen von Regelbrüchen weicht das Fundament auf — übrigens bei gleichzeitiger Ausweitung der „Majestätsbeleidigungsparagraphen“, aber das ist nur eine böse Randbemerkung.
Die radikale Eskalation kennt kein Jammern und keinen Appell an ein Gewissen, das längst abgestumpft ist. Terror ist schlicht und roh. Da hilft kein Moralisieren, Relativieren oder Einordnen — und da helfen auch keine Fakten-Checks. Die Befindlichkeit eines größeren — und wachsenden — Teils der Menschen ist nach meinem Dafürhalten über den Horizont der Erreichbarkeit für klassische Fakten-Checks ohnehin längst hinaus.
Auf allen ideologischen Seiten gibt es diese Eskalationen. Die Einen meinen, dass ihre Eskalation gerechtfertigt sei, weil ihr „Manifest“ behauptet, die Entwicklung sei so und so. Die Anderen sagen etwas ganz Ähnliches, und die Dritten auch.
Allen „Manifesten“ ist in der Regel eines gemein: Sie beschreiben eine Vergangenheit. An der Beschreibung der Vergangenheit ist in der Regel etwas dran. Dann erfolgt eine Diagnose, also im Prinzip eine „Bewertung“ oder „Einordnung“ der gegenwärtigen Lage. Schließlich wird ein Programm formuliert: Weil in der Vergangenheit etwas so und so war, und weil es deshalb heute so und so ist, müsse alles getan werden, damit wir in der Zukunft endlich das und das erreichen – oder sicherstellen, damit jenes nie wieder passiert.
So war es auch mit dem Sozialismus: An Marx’ historischer Beschreibung war vieles zutreffend; seine Analyse kann man, je nach Blickwinkel, so oder so sehen, aber man kann die historische Beschreibung an und für sich kaum weglächeln. Soweit, so zutreffend. Seine Prognosen und sein „Programm“ beruhten indes auf Projektionen historischer Entwicklungen in die Zukunft und auf daraus resultierenden Behauptungen über die Zukunft – und erwiesen sich genau deshalb später als ebenso idealistisch wie verheerend. Spätestens in der DDR hat man gesehen, was ein „real existierender“ Sozialismus anrichten kann – und das war eine vergleichsweise „milde“ Variante.
Ähnliche Entwicklungen waren an der grünen Politik der vergangenen Jahre zu beobachten: An der historischen Beschreibung („Der Mensch hat einen signifikanten Effekt auf das Klima, vor allem durch die Industrialisierung.“) lässt sich weit weniger rütteln als an der Diagnose („Wir werden die gewesen sein, die alles wussten, aber kaum etwas geändert haben.“). Aber dass aus der historischen Beschreibung und der Diagnose ein gleichsam „aktionistisches“ Programm abgeleitet werden muss, das im besten Fall innerhalb einer Legislatur umgesetzt werden soll — das hat massive Folgeschäden verursacht.
Wenn etwas 200 Jahre braucht, um zu entstehen (die Folgeschäden der Industrialisierung), dann kann man es nicht innerhalb der vier Jahre einer Legislatur korrigieren — genau so war aber der ebenso idealistische wie in der Substanz kompetenzarme Versuch angesetzt.
Und: Die Aufladung mit Idealismus auf dieser Seite war ausreichend, um Vorstufen der Zersetzung von Rechtsnormen zu legitimieren. Natürlich wird das unter den betreffenden Akteuren als „ziviler Ungehorsam“ oder „zivilgesellschaftliches Engagement“ betrachtet.
Es gibt nicht umsonst einen Unterschied zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren. Spätestens bei der Umweltpolitik hat sich das aber vermischt — was sich in der Folgewirkung nicht zuletzt in der Verbindung zwischen ideologischen und extremistischen Zielen bei Anschlägen auf die Infrastruktur zeigt, wie etwa auf das Stromnetz Berlins im Januar 2026.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Was parallel dazu entsteht, ist gefährlicher, und zwar zum Einen wegen der Rohheit des Phänomens, und zum Anderen, weil es die vorhandenen Dynamiken noch verstärkt.
Der gegenwärtige politische Extremismus ist strukturarm und schwer zu prognostizieren.
Viele arbeiten sich aber an der — strukturierten und deutlich sichtbaren — AfD ab, verschließen die Augen vor dem tatsächlich wachsenden, strukturarmen Extremismus und sehen nicht, was gerade zusätzlich zu alldem entsteht — nämlich eine neue Form der Gewalt, ebenso richtungs- wie anlasslos. Diese Gewalt speist sich nicht mehr aus Manifesten, sondern aus dem reinen Vakuum einer fortschreitenden Entwurzelung bei gleichzeitig zerfallender Ordnung. Man muss nur den Polizisten genauer zuhören, die in den Zentren von Großstädten und im Umfeld von Bahnhöfen tätig sind.
Wir haben jahrelang so getan, als könnten wir die dunklen Emotionen „wegerziehen“. Wir dachten, wenn wir nur lange genug über Respekt, Zivilisation und Konsens reden, löst sich das Hässliche im Menschen einfach in Luft auf. Wir haben die Dunkelheit verdrängt, sie unter den Teppich einer „zivilisierten Oberfläche“ gekehrt.
Aber Emotionen verschwinden nicht, nur weil man sie für nicht mehr zeitgemäß erklärt. Sie sickern nach unten. Sie schimmeln im Verborgenen. Sie laden sich auf.
Und wenn sie zurückkommen, kommen sie nicht als Argument, sondern als Explosion.
Wir haben es aber eben nicht nur mit einer Renaissance alter Geister zu tun — einer linken Besserwisserei, die uns in ein ökologisches und diverses Jammertal reglementieren möchte, einer rechten Reconnaissance, welche die europäische Zivilisation retten möchte, einer „Besinnung auf den wahren Islam“, die angesichts der gegenwärtigen Schwäche westlicher Demokratien Morgenluft wittert. Das allein wäre als Lage schon Herausforderung genug.
Aber während „oben“ noch über Haltungen gestritten wird, bricht „unten“ die Zivilisation weg.
Das wirklich „Neue“ sind Gruppen sehr junger Menschen ohne jede Moral, ohne jede Aggressionshemmung — multiethnisch, großstädtisch, herrenlos. Weder in irgendeiner „Herkunftskultur“ heimisch, noch irgendwie mit diesem Land verbunden. Diese Menschen sind — nach älteren Kategorien — Kinder. Sie sind zwölf, dreizehn, manchmal jünger. Sie treffen sich in urbanen Zentren, bilden Gruppen, Hierarchien, nutzen einander gnadenlos aus — und kennen nichts und niemanden. If there is any „brave new world“, our current version of this brave new world are groups of 12-year-old gangsters with no heart and no mercy.
Hören Sie Polizisten zu. Gehen Sie an irgendeinem frühen Abend auf den Hauptbahnhof einer Großstadt. Schauen Sie hin und seien Sie ehrlich zu sich selbst.
Neben kriminellen Clans und anderen ignorierten Kriminalitätsformen ist es die eigentliche, rohe Gewalt, die gerade wächst. Rechtsextreme, Linksextreme, Islamisten — und darunter eine Schicht entfesselter Gangs. Fortdauernder Migrationsdruck verstärkt das weiter.
Wenn dieser Kessel platzt, wird die Gesellschaft schockiert sein. Die sonst so „willkommensbegeisterten“ (West-)Deutschen werden dastehen, mit vor Staunen offenen Mündern, und sich fragen, wie das passieren konnte.
Und dann werden Rufe laut.
Rufe nach der starken Hand, nach einem Staat, der endlich durchgreift, nach Polizei in den Fußgängerzonen, nach Härte, nach Law and Order, nach Ausgangssperren und Vergeltung. Menschen, die eben noch über Sensibilität debattiert haben, werden nach Panzerglas rufen.
Aber dann wird es zu spät sein, weil man Rohheit, die keinen Grund braucht, nicht mit Regeln einfangen kann, und weil sich dann auch Teile jener radikalisieren, die vorher ein Riesengeschrei um die Radikalisierung der anderen veranstaltet haben.
Das ist die reale Logik dieser Entwicklung: Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem die Straße den Ton angibt — das kalte, hässliche „Fuck you“ gegenüber einer Welt, an die keiner mehr glaubt.
Die Folge: anlasslose Gewalt auf der Straße, ganz zufällig. Ein als provokant „gelesener“ Blick, ein Auto in der falschen Straße, ein Baseballschläger durch eine Frontscheibe. Zuerst war das noch eine Ausnahme, später wurde es „erwartbar“.
Wenn die Barriere der Zivilisation einmal so weit abgeschliffen ist, dass die Zurückhaltung fällt, braucht es keinen Grund mehr für Zerstörung. Dann ist das bloße Vorhandensein des Anderen ausreichend. Dann herrscht das Gefühl, dass eh alles egal ist. Dann fordert die Dunkelheit ihr Recht ein — ungefiltert, laut und völlig gleichgültig gegenüber den Regeln, an die wir uns einmal gehalten haben.