Es gibt Lagen, bezüglich derer erst viel später klar wird, worum es sich genau gehandelt hat — aber in denen man trotzdem handeln musste. Geht es dabei um politische Lagen, wird in der Unübersichtlichkeit des Moments gern nach Experten gerufen oder Stärke betont — oder beides. Kommunikation in Krisenlagen beruht im Wesentlichen auf drei Elementen: Kompetenz, Ruhe in der Ausstrahlung — und Klarheit.
Beispiel Corona: Ruhe in der Ausstrahlung und Festigkeit in der Aussage machten für eine Weile fehlende Erfahrung wett. Aber irgendwann wurde klar, dass es mit der Kompetenz (= Verbindung zwischen Wissen und Erfahrung) nicht so weit her war — wie auch: Die handelnden Personen sahen eine solche Situation zum ersten Mal — und diejenigen, die Ähnliches vielleicht einmal erlebt und überstanden hatten, waren schon lange tot. Vielleicht haben die handelnden Personen zugegeben, dass sie etwas nicht wussten — das hat aber keinen Unterschied gemacht: Man musste trotzdem handeln und man machte im Modus der Krisenkommunikation erst einmal weiter.
In einem solchen Moment weiß man es ja nicht besser, aber man tut so (muss so tun) — zumal die Krisenkommunikation während der ersten Monate ganz gut funktioniert hat: Im ersten Lockdown war die „Folgebereitschaft“ der Bevölkerung sehr hoch, während die Notwendigkeit derart drastischer Maßnahmen vergleichsweise niedrig war. Im zweiten Lockdown war es umgekehrt: Die Notwendigkeit war viel höher, die Folgebereitschaft jedoch viel geringer.
Ein anderes Beispiel: 10.000 Migranten auf einem Bahnhof in Budapest? Wir lassen Sonderzüge kommen und erklären der Bevölkerung das kurz und klar. Aber: Ein paar Sonderzüge vs. „Wir schaffen das!“ & Balkanroute & mehrere Hunderttausend Leute in wenigen Monaten: Während das eine sicher ok gewesen und geblieben wäre, erschien das andere für viele — und später immer mehr — schwer nachvollziehbar… mit entsprechenden Folgen.
Für die handelnden Personen wird es später vor allem dann fies, wenn in der Nachbetrachtung der Eindruck entsteht, dass die Handlungen vielleicht doch nicht so ganz zielführend waren. Krisenkommunikation hat eine Halbwertszeit von 90 oder 100 Tagen. Wenn hinterher herauskommt, dass man falsch lag, kann man sich entschuldigen… Aber nein, das stimmt nicht, man war — und ist! — ja moralisch im Recht.
Der pragmatische Modus der Krisenkommunikation wurde später verlassen — und durch den belehrenden Modus der Moralisierung ersetzt.
Das Schöne an der Moralisierung: Moral liegt nie falsch, sie wird ja der jeweils konkreten Situation enthoben, gleichsam generell formuliert. Irgendwann war der betreffende Standpunkt ja richtig — im Sinne einer gewissen Notwendigkeit, zunächst vielleicht auch Zustimmungsfähigkeit. Aber ob etwas richtig bleibt, entscheidet sich eben in späteren, dann neuen Lagen…
Die Welt dreht sich weiter, das Leben verändert sich… Aber die Moralisierung entrückt die konkrete Handlung, die eben zunächst richtig gewesen sein könnte und sich später zum Fehler entwickelt haben könnte… Moralisierung rückt die Handlung auf eine neue Ebene, auf der es nicht mehr um „konkret richtig“ oder „konkret falsch“, sondern eben „generell richtig“ und „generell falsch“ geht; Moralisierung entbindet die Handlung vom konkreten raumzeitlichen Zusammenhang und macht sie im Extremfall sogar alternativlos.
Wenn sich eine Handlung auf der praktischen Ebene als wenig erfolgreich oder gar wirkungslos entpuppt — was ja passieren kann, wie gesagt: oft wissen wir es nicht, sondern entscheiden nach dann bestem Wissen — wird es nicht zugegeben, sondern es wird anstatt auf der sachlichen Ebene auf der moralischen Ebene weitergemacht.
Ein aktuelles Beispiel: Man kann in einer Demokratie unter bestimmten Umständen eine Partei delegitimieren. Das ist immerhin riskant, aber möglich. Aber man kann nicht den Willen eines signifikanten Teils der Wählerschaft delegitimieren. Das ist in einer Demokratie so nicht vorgesehen.
Man kann einerseits den Zuspruch für eine bestimmte Oppositionspartei betrachten und die betreffende Dynamik nur als Zuspruch verstehen. Dann versteht man die Situation aber vielleicht nicht richtig. Man muss (mindestens aber: müsste) sich auch fragen, wie viel Ablehnung anderer Parteien in dem Zuspruch steckt — und mindestens diese Ablehnung müsste man sich zu Herzen nehmen und daraus Politik machen. Das hieße, das Wahlvolk zu verstehen, auch wenn man die betreffende Oppositionspartei ablehnt oder gar delegitimiert.
Aber genau das geschieht nicht.
Es wird nur der Zuspruch erkannt, die Ablehnung wird gar nicht erst thematisiert — sondern sofort und quasi reflexhaft stigmatisiert. Und genau deshalb wird die betreffende Oppositionspartei immer stärker.
Moralisierung mündet irgendwann in Alarmismus und… Radikalisierung.
Spätestens dann kommt es zu einer Dynamisierung zwischen gegenseitigen Zuschreibungen — und damit zu weiterer Radikalisierung. Keiner der beteiligten Akteure steigt aus der Dynamik aus — wie auch, wenn man genau dadurch den jeweils eigenen Leuten „beweisen“ kann, dass man richtig liegt.
Das kann man natürlich auf „Mechanismen“ zurückführen — gesellschaftliche oder Social-Media-bedingte — und sich damit zur „unschuldigen“ Entität stilisieren — bzw. den eigenen Beitrag damit marginalisieren.
Man hat den eigenen Beitrag zur Eskalation aber dennoch, so klein er auch (aus dem eigenen Blickwinkel) sein mag, geleistet.
Eine Gesellschaft muss und kann sich nicht einig sein, wie auch?
Aber es braucht einen gewissen Glauben daran, dass man eine gemeinsame Zukunft hat, dass man gemeinsam auf die Zukunft des Gemeinwesens einzahlt. Warum sollte man, zum Beispiel, ansonsten Steuern zahlen? Oder warum sollte man, zum Beispiel, ansonsten ein Ehrenamt übernehmen?
Genau dieser „Minimalzusammenhalt“, der Glaube an eine gemeinsame Zukunft oder wenigstens einen gemeinsamen Zweck, ist mindestens unter Druck geraten, wenn er nicht schon „tot auf der Wiese liegt“.
Immer weniger Leute glauben daran — werden aber immer lauter und deutlicher belehrt. Die Anziehungskraft schwindet, die Fliehkraft wächst. Mit der aktuellen „linken“ Politik werden höhere Steuern nur wahrscheinlicher — bei gleichzeitig sinkendem Zutrauen, dass höhere Steuern auf irgendeine positive gemeinsame Zukunft einzahlen würden.
Deutschland als „wirtschaftliche Lokomotive Europas“ (größte Volkswirtschaft, bis vor Kurzem Exportweltmeister usw.) steht unter Druck — DAS verstehen die Leute viel eher als die — ebenso transzendent wie transformational — vorgetragene Notwendigkeit, uns einzuschränken, hoch gesteckte Klimaziele zu erreichen, eine „inklusive Gesellschaft“ zu werden usw. Und zwar nicht nur, weil es das Portemonnaie der Leute erreicht und betrifft, sondern auch und vor allem, weil sich die Leute denken können, dass, wenn man etwas erreichen will, sich das auch leisten können muss. Die Leute erkennen sehr genau, dass ALLES GLEICHZEITIG nur auf Pump geht und riskant zu werden droht.
Kurzfristig entscheidet immer, was ich nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr bezahlen kann. Für die transzendenten Transformationsbehauptungen einer Regierung kann ich mir nichts kaufen — Einsicht in die Notwendigkeit hin oder her.
Eine Denke, die davon ausgeht, dass wir Transformationsziele erreichen bei gleichbleibend hoher (oder steigender) Steuerlast und bei keinerlei Einschränkung des heuer existierenden Sozialstaats, muss scheitern, denn die derzeit in Rede stehende Transformation bedeutet mindestens mittelfristig weniger Steuereinnahmen UND höhere Kosten.
Wenn man überhaupt etwas erreichen wollte, müsste man Maßnahmen aus beiden Denkrichtungen realisieren, also bspw. bestimmte Segmente der Wirtschaft mit Regulierung unter Druck setzen UND den Kündigungsschutz lockern oder ganz aussetzen. (Das ist nur ein Beispiel, kein Vorschlag.)
Aber so etwas geschieht nicht, im Gegenteil: Wir transformieren mit denkbar hohem Druck bei denkbar maximalem Komfortzonenerhalt, weil wir keinen Aufschrei riskieren wollen — oder als konkrete Partei: keinen Aufschrei riskieren können, ohne die eigene Existenz zu riskieren.
Wer schon einmal erfolgreich Veränderungen erdacht und implementiert hat, weiß, dass ambitionierte Ziele nicht oder kaum erreicht werden können, wenn man nicht auch Komfortzonen einschränkt. Wer sich mit Veränderungen auskennt, weiß zudem, dass der Aufschrei ohnehin kommt — man kann Veränderungen nicht ohne Aufschrei umsetzen, die Frage ist immer nur die nach einer „wohltemperierten“ Umsetzung.
Insofern ist den relevanten AkteurInnen zu wünschen, dass sie aufwachen und Maßnahmen in beiden Handlungsrichtungen ergreifen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass man auf der einen Seite nicht aufwacht, sondern weitermacht und weiter belehrt, und dass man auf der anderen Seite weiter fleißig dagegenhält, ohne es wirklich (= auf Wissen und Erfahrung beruhend) besser zu wissen.
Eine Option wäre eine neue Kraft in der Mitte. Diese Kraft müsste Maßnahmen aus beiden Richtungen ergreifen: Innovation ermöglichen und den Sozialstaat einschränken, ohne ihn zu demolieren; Migration begrenzen, ohne notwendige Migration einzudämmen (sondern geradewegs zu ermöglichen), Bürokratie zurückfahren, ohne ansonsten vernünftige Regelungen auszuhebeln usw.
Diese Gratwanderung ist schrecklich, ja kaum möglich, weil sich heuer immer jemand findet, der alles infrage stellt. Wir sind späte Menschen, wir haben uns an Komfortzonen gewöhnt — und die Hinterfragung geltender Normen ist geradezu zum Volkssport geworden.
Aber ohne signifikante Maßnahmen wird es nicht gehen. Die Frage lautet nicht so sehr, welche konkreten Maßnahmen nun genau zielführend sind, sondern ob es überhaupt eine zukunftsfähige, gemeinsame, irgendwie zustimmungsfähige Vision von der Zukunft unserer Gesellschaft gibt.
Ansonsten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns derart auseinanderdividieren, dass Gewalt zur Option wird. Für manche (Stichwort: Hanau; Stichwort: Hammerbande; Stichwort: Magdeburg) ist Gewalt ja schon längst zur Option geworden.
Meine Vermutung ist, dass mit dem ganzen „progressiven Projekt“ etwas nicht stimmt, weil es eben so schnell und so umfangreich nicht gelingen kann. Wir sind Menschen, wir brauchen Zeit, und Veränderungen sind immer Ergebnisse von Interaktionsprozessen. Demokratie ist dabei kein „idealer“, wohl aber ein weithin funktionierender Modus — mit jeweils hohen Frustrationspotentialen für die jeweils unterliegende Seite. Wir haben ein Vierteljahrhundert eher linker Politik hinter uns. Jetzt wendet sich das Blatt.
Wie man als Angehöriger der progressiven Seite damit klug umgehen kann, bleibt eine offene Frage. Die bisherigen Antworten haben jedenfalls die Wendung des Blattes nur wahrscheinlicher gemacht.