Vorwort
Dieser Text ist im besten Fall eine Art „intellektueller Provokation“, allerdings nicht mit der Absicht zu bekehren. Es geht sehr wohl darum, Dinge zur Sprache zu bringen, die im Lärm der (behaupteten) Alternativlosigkeiten gern untergehen: die Mühsal demokratischer Verfahren, den Wert von Ambivalenz, die Gefahr „ansonsten gut gemeinten“ Zwangs. Wer diesen Text liest, wird sich an der einen oder anderen Stelle reiben. Reibung ist kein Schaden. Schade ist nur, wenn man sich vor Reibung fürchtet. Wir leben nicht im falschen System. Wir leben aber möglicherweise in einem System, das sich selbst überfordert. Manchmal ist es sinnvoller, einen Schritt zurückzutreten, als – mit erhobener Fahne und geschlossenen Augen — immer schneller nach vorn zu rennen.
Die Gleichzeitigkeit aller Zeiten und ihre Folgen
Wir leben in einer Epoche, in der alle Zeiten gleichzeitig stattzufinden scheinen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen ineinander — spürbar, sichtbar, klickbar. Durch Filme, Fantasy, Bücher, Events und digitale Medien kann man sich in (fast) jede beliebige Zeit hineinversetzen. Das Internet liefert sofort jedes Ergebnis — ohne Berücksichtigung des Umstands, wie lange es in der Geschichte ggf. gedauert hat, das entsprechende Ergebnis herzustellen oder die entsprechende Erkenntnis zu erreichen.
Mit künstlicher Intelligenz verdichtet sich dies weiter: Ich stelle eine Frage und bekomme augenblicklich eine Antwort, für die man früher ggf. Jahre des Lernens oder mindestens Wochen des Lesens gebraucht hätte. Dieses Nebeneinander aller Zeiten bei gleichzeitiger Verdichtung des Wissens und der Optionen geht einher mit einer globalen Beschleunigung. Phasen, die früher Jahrhunderte dauerten, schrumpfen auf Jahrzehnte, später Jahre, demnächst vielleicht Monate zusammen. Wissenschaft, Technik und Wirtschaft treiben sich gegenseitig an. Innovationszyklen werden kürzer, der Umsatz pro Zeiteinheit steigt, der Energiebedarf wächst. Wir bauen mehr, verarbeiten mehr, schützen mehr — Letztgenanntes wollen wir uns in Bezug auf die Umwelt und unsere Kinder gern einbilden, ob es aber tatsächlich so ist, bleibt meines Erachtens eine offene Frage.
Die gleichzeitige Vielfalt der Optionen und die Simulation beliebiger Epochen haben auch psychologische Folgen. Identitäten erscheinen schon lange nicht mehr linear und stabil, sondern fragmentiert. Der einzelne Mensch lebt in mehreren Rollen, Kulturen, Zeiten oder Projekten zugleich. Jede Entscheidung scheint optional, vielleicht sogar reversibel, jede Zugehörigkeit bleibt „irgendwie vorübergehend“, womöglich „provisorisch“.
Das Leben befindet sich dadurch in einer ständigen Reorganisation. Der Gestaltungswille des Einzelnen überlagert Bindungen: Nicht zuletzt Partnerschaft und Kinder werden zunehmend zu Projekten. (Die Geburtenrate geht weltweit schneller und stärker zurück, als entsprechende Statistiken das noch vor Kurzem prognostiziert haben.)
Die Folge ist ein gesteigerter Ressourcenverbrauch — materiell und psychisch: Immer individuellere und feinere Wünsche werden erfüllbar. Die Frage lautet: Erweitert das tatsächlich die Optionen — wie uns spätestens neuere Auslegungen einiger in der Gesellschaft momentan heiß diskutierter Begriffe nahelegen —, oder führt das nicht nur zu einer Verfeinerung von Ansprüchen, sondern auch zu einer Überfeinerung von Erwartungen — und damit ggf. schlicht zu Dekadenz?
Die Gleichzeitigkeit der Zeiten, der Optionen und der wählbaren Identitäten erzeugt womöglich nicht nur Spannung, sondern auch… Leere. Und zwar im Sinne einer Kombination der Begriffe Spannung und Leere: gespannte Leere oder leere Gespanntheit.
Was nicht mehr eingebettet ist, drängt sich auf.
Beispiel: Wenn nur noch das „Ich“ als bestimmende Kategorie übrig ist, drängt sich das „Ich“ auf. Selbstreflexion wird zur Selbstrotation, und zwar nicht nur in der allzu offensichtlichen, lärmend-narzisstischen Variante, sondern auch und gerade dann, wenn die Rhetorik leiser bleibt, ebenso Narzissmus- wie Ich-kritisch daherkommt, dahinter aber nichts anderes steckt als — allzu achtsame, allzu bescheidene — Selbstbetrachtung oder Selbstrotation.
Woran man das erkennt? Daran, dass es nur um das jeweilige Ich geht und um nichts anderes. Oder vorgeblich um etwas anderes, aber eigentlich nur um das jeweils sprechende Ich.
Der Verlust linearer Zeit führt nicht etwa zu Ruhe, sondern vielmehr zu (ständiger) Überforderung: Jede Regung wird Signal, jeder Moment potenziell überladen mit Bedeutung. Was früher ein Zwischenton war, wird heute als Solo gespielt — laut, isoliert, übersteuert — weil es kein Gesamtkonzert mehr gibt, sondern nur noch meinen individuellen Film — was eine Art Dauerspannung erzeugt, die zwar als Spannung empfunden wird, aber durch den Umstand, dass es sich um einen Dauerzustand handelt, zu einer Hochgeschwindigkeitsform von Leere mutiert. Es passiert viel, sehr viel, immer mehr in immer kürzerer Zeit — und damit irgendwie auch nichts.
In dieser Art „gehetzten Stillstands“ verlieren wir den Halt.
Ohne Zeit kein Rahmen, ohne Rahmen kein Maßstab. Ohne Maßstab keine Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig. So wird jeder Moment zur Bühne — und jeder Impuls konkurriert mit allen anderen.
Eine perfekte Lage nicht nur für narzisstische Persönlichkeiten, sondern für alle, die sich nach digitaler Aufmerksamkeit sehnen. Das Digitale gibt uns scheinbar, was wir wollen — aber keine Richtung.
Freiheit ohne Fundament, ohne Zusammenhang wird zur Zumutung. „Richtungslose Digitalität“ schafft Freiräume, aber wenn gleichsam „alle“ Influencer werden wollen, frisst sich die Sache irgendwann selbst: was gesagt oder „gepostet“ wird, wird zum Selbstzweck. Es geht dann nicht (mehr) um Verstehen, sondern um Aufmerksamkeit. Meinung wird dadurch zum bloßen „Reflex“: Ich habe eine Meinung, weil es um Wirkung geht und ich mir davon einen gewissen Effekt erwarte. Ich habe die Meinung nicht, weil ich zu einer gewissen Sichtweise gekommen bin und dies kundtue, sondern ich eigne mir die Meinung an, weil die Meinung eine gewisse (erwünschte) Wirkung hat. Es entfaltet sich eine Art andauernden Dramas: die permanente Gegenwart, die Handlung ohne Herkunft, die Meinung ohne Kontext, die Erregung ohne Ursache.
Das Digitale gibt uns Zugang — aber keinen Halt.
Das Einzige, was man dem entgegensetzen kann, scheint ein von der jeweils handelnden Person unabhängiger Zweck zu sein. Aus einem ggf. mit anderen geteilten Wozu ergeben sich nicht nur Sinn und Motivation. Aus einem Wozu ergibt sich auch ein Handlungsmaßstab. Man kann am Wozu messen, ob eine Handlung auf einen bestimmten Zweck einzahlt oder nicht bzw. wie stark sie das tut.
Die Frage ist, so will ich meinen, woher das WOZU kommt bzw. wie man zu dem WOZU kommt. Hier kann man mindestens zwischen einer idealistischen und einer in gewisser Weise „pragmatischen“ oder gar „konservativen“ Perspektive unterscheiden.
Idealismus und ferne Zeit
Idealismen basieren auf der Zeitachse sowohl auf einer fernen Vergangenheit als auch einer fernen Zukunft. Die Gegenwart schrumpft dadurch zu einem schlichten „Notwendigkeitsraum“ zusammen, sie wird zur „Durchgangsstation“ mit lauter Notwendigkeiten. Weil in einer — fernen, nicht mehr beeinflussbaren und deshalb „zwingenden“ — Vergangenheit etwas so und so war, und weil deshalb in der — fernen, aber eben aufgrund der Vergangenheit zwangsläufigen Zukunft etwas so und so sein wird, müssen wir jetzt handeln. Und zwar so: Indem wir uns einer erst noch herzustellenden (und vor allem durch uns heutige Menschen herzustellenden!) besseren Zukunft zuwenden, können wir abwenden, was ansonsten zwangsläufig wäre — und zwar dadurch, dass wir jetzt so und so handeln. Deshalb müssen wir so und so handeln, damit die negativen Folgen verhindert werden bzw. die „bessere Version“ der Zukunft bewirkt wird.
Treffen wir dabei auf Skepsis oder Widerstand, lässt das die Notwendigkeit nur umso dringlicher erscheinen.
Diese „Blaupause“ lässt sich auf jeden „-ismus“ der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit anwenden. Ob ein betreffender „-ismus“ dabei „richtig“ oder „falsch“ erscheint, ist sehr vom Zeitgeist abhängig.
Beispielhafte Anwendung auf den ökologisch orientierten „-ismus“: Weil wir heutigen Menschen in der Zukunft womöglich genau diejenigen gewesen sein werden, die alles wussten, aber zu wenig unternommen haben, müssen wir heuer die Anstrengungen verstärken — auch wenn es uns unseren Wohlstand und die uns bekannte Welt kostet: Was ist unser Wohlstand im Vergleich zur Zerstörung des Planeten?
Angesichts dieses gleichsam zwangsläufigen Horizonts — weil wir in der Vergangenheit mit der Industrialisierung die Effekte angerichtet haben, die wir heute feststellen — müssen wir schleunigst dies und jenes in konsequentester Weise tun, damit wir eine irgendwie lebenswerte Zukunft erreichen können.
Alles surrt auf den Moment zusammen: Es kommt auf uns heutige Menschen an. Wir haben ein schweres Erbe, aber wir sind gleichzeitig die Trägerinnen des genetischen Codes der Zukunft. Wir müssen gleichsam hier und heute handeln!
Dass uns ggf. zukunftsweisende Technologien einfallen könnten — mit denen wir das Thema anders als durch radikale Selbstkasteiung und eine Rolle rückwärts in ein quasi „protestantisches Jammertal“ in den Griff bekommen könnten — diese Option blenden wir aus.
Wir haben in dem neuen „-ismus“ endlich eine Flagge entdeckt, unter der wir unsere fragmentierten und oft einsamen Egos versammeln können, und wir halten uns daran fest, denn ein „-ismus“ ist immer größer als wir selbst — im Besonderen, wenn wir kaum mehr sonst etwas haben, das uns verbindet.
Nur ein Schelm, dem Parallelen auffallen wollen: Weil „damals“ etwas so war, wie es nach Lesart der heute populären Doktrin eben war, und weil genau dieses und jenes zu erreichen ist, muss heute exakt dies und das getan werden, und zwar in der denkbar konsequentesten Weise. … Wir haben „-ismen“ gesehen, in denen man im Zweifel abgeholt, vernommen, mit unsinnigen Anschuldigungen konfrontiert, eingesperrt, gequält, verprügelt oder sogar umgebracht wurde.
Natürlich sind wir weit weg davon!
Ich fürchte allerdings, dass wir nur in der heute gelebten Praxis weit weg davon sind. Was die Theorie betrifft, bin ich mir da nicht (mehr) so sicher. Was ich damit sagen will: Idealismus wird vor allem durch die mit ihm einhergehende Distanzierung von der jeweiligen Zeit gefährlich.
Freilich müssen wir etwas verändern.
Aber es gibt nicht umsonst einen gewissen Widerstreit zwischen „progressiven“ und „konservativen“ Kräften. Demokratie bedeutet, dass man sich offen streitet — und abstimmen lässt, nicht aber, dass es „wahrere“ oder „erwünschtere“ o.ä. Meinungen gibt.
Was Sie denken, ist Ihre Sache. Punkt.
Was Sie tun oder wen Sie wählen, bleibt Ihre Sache. Punkt.
Ich kann meine Sichtweise vortragen. Punkt.
Sie tragen Ihre Sichtweise vor. Punkt.
Womöglich ergeben sich neue Erkenntnisse, Meinungsänderungen, Veränderungen in den Wahlergebnissen. Oder auch nicht. Punkt.
Teile der gegenwärtigen Zeitdiagnosen — die ökologische ebenso wie die migrationspolitische — laufen Gefahr, generalisiert vorgetragen bzw. behauptet zu werden — mit entsprechenden Radikalisierungspotentialen, die übrigens auch und vor allem für die die jeweilige Gegenreaktion gelten.
Achtzig Jahre Frieden erscheinen insofern zu viel, als dass wir uns (vorerst theoretisch) (wieder) krasse Folgen vorstellen können, weil wir meinen, Recht zu haben. Anstatt im (mühseligen) Modus der herkömmlichen Demokratie zu bleiben.
Wir haben kein Verständnis und keine Toleranz mehr für diese Mühseligkeit. Wir rechtfertigen unseren Ausbruch aus der Mühseligkeit mit (theoretisch erzeugten) Notwendigkeiten. Und zwar die einen wie die anderen. There is no decency left in our culture.
Gnade uns Gott.
Wenn es keinen Gott gibt (sehr wahrscheinlich), dann wäre es trotzdem gut, uns vor unerwünschten Folgen zu bewahren, indem wir uns so benehmen, als ob es ihn gäbe.
Das Jetzt ist moralisch aufgeladen. Das ökologische Narrativ kulminiert darin: Weil war, was war, und weil deshalb kommt, was kommt — müssen wir jetzt so und so handeln.
Eine solche Heiligung des Moments macht Abweichung zum Verrat. Die Gegenwart wird moralisch versiegelt: Wer widerspricht, wird zur Bedrohung.
Was soeben für das „ökologische Narrativ“ beschrieben wurde, lässt sich anhand des Hashtags „NieWiederIstJetzt“ auch für den politischen Bereich auf den Punkt bringen: Vergangenheit mahnt, Zukunft droht, Gegenwart urteilt.
Aber weiß es die Gegenwart wirklich besser? Achtzig Jahre danach ist Widerstand ganz einfach, weil er nichts kostet, sondern im Gegenteil sogar belohnt wird.
Verantwortung wird heuer zur Pflicht zur sofortigen „richtigen“ Handlung: Wir müssen es hier und jetzt „richtig machen“, wegen der Vergangenheit und vor allem wegen der Zukunft.
Doch ohne eine gewisse Zeit zur Bildung eines Zwecks, einer Meinung, einer gemeinsamen Absicht als Rahmen, wird das alles nur zum belehrenden Dauerlärm.
Und im Lärm stirbt das Denken.
Die „Lösung“ liegt womöglich in der Loslösung von dem zeitlichen Druck und in der Besinnung auf einen (gemeinsamen) Zweck.
Das Leben hat keinen Zweck an und für sich. Wir verleihen dem Leben einen Zweck durch unsere Handlungen. Nicht das Leben an sich ist sinnvoll — aber jede Handlung kann es werden. Es lohnt sich zu handeln, eben weil man mit jeder Handlung einen Unterschied machen kann.
Ich handle, weil ich will. Nicht, weil ich muss. Und schon gar nicht, weil ich belehrt wurde.
Freilich lohnt es sich, die Schöpfung zu bewahren. Und freilich ist die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen an und für sich wichtiger, als dass sich das „lohnt“.
Freilich lohnt es sich, auf die Demokratie Acht zu geben und die Demokratie vor Infragestellungen zu schützen. Aber indem die Schutzbehauptung mit Zwangsargumenten daherkommt, wird nur neuen Monstern der Weg bereitet, weil man im Zweifelsfall stärkt, was man eigentlich bekämpfen wollte.
Für die Mehrzahl der AktivistInnen gilt wahrscheinlich: Man stärkt, was man eigentlich bekämpfen wollte, ohne diesen Wirkungszusammenhang zu sehen. Gute Absicht schützt nicht vor unpassenden Ideen und schon gar nicht vor unerwarteten oder unbeabsichtigten Konsequenzen.
Schlusskommentar
Lange vor der heutigen Zuspitzung der Lage, etwa in den Jahren 2010 bis 2015 war unter Veränderungsspezialisten die folgende Sichtweise nicht ganz unpopulär: „Man wird nicht so weitermachen können. Irgendwann wird man den ökologischen Fußabdruck limitieren müssen. Auf Einsicht zu hoffen, ist fehl am Platz. Man wird eine starke Regulierung und eine starke Verwaltung brauchen.“
Im Nachgang wirkt es, als hätte man genau das bei den Themen Migration, Corona, Energie usw. probiert.
Natürlich gibt es Handlungserfordernisse. Wenn sich eine bedrohliche Lage ergibt, muss man darauf reagieren. Aber die Frage ist, ob sich eine bedrohliche Lage ergibt, weil sie sich tatsächlich ergibt, oder weil ich sie behaupte. Dem psychischen Mechanismus der Reaktion auf die bedrohliche Lage ist egal, ob etwas imaginiert oder tatsächlich notwendig erscheint.
Der Idealismus nimmt mit dem Abstand von der Realität zu. Und da bleibt es eine interessante Frage, wie viel Idealismus die deutsche Politik in den letzten zehn Jahren bestimmt hat.
Ob etwas eine tatsächliche oder eine behauptete Notwendigkeit war, bleibt auf der Zeitachse festzustellen. Wenn aber die Notwendigkeit durch eben jene „idealistische Notwendigkeitsbeschleunigung“ quasi überholt wurde, ist guter Rat teuer — weil dann Fehler gemacht wurden und werden, ohne dass sie bemerkt werden konnten oder können.
Unser (wenig reflektiertes) Mantra: Weil in der Vergangenheit etwas so und so war, wird es in der Zukunft so und so sein.
Dass wir etwas ändern müssen, steht außer Zweifel. Aber die mit idealistischer Alternativlosigkeitsrhetorik vorgetragene Zuspitzung ZWINGT uns geradezu, genau das umzusetzen, was X oder Y gerade behaupten, als Rezept verkaufen usw.
Wer damit vielleicht reich wird oder geworden ist, wäre möglicherweise auch eine interessante Frage. Aber wiederum nur ein Schelm, der solche blöden Fragen stellt. ;-)
Fakt ist, dass uns die scheinbare Zwangsläufigkeit vom — historisch keineswegs abwegigen, sondern oft erfolgversprechenden — Modus „Versuch und Irrtum“ befreit: Wir meinen oft genug zu wissen, was richtig ist (= wir behaupten) — und machen genau dadurch mitunter entsetzliche Fehler.
Wir kommen dadurch zu spät auf die (dann) richtigen Ideen, verschwenden Ressourcen usw.
Idealismus hat keine Zeit.
Und genau dadurch ist Idealismus fehleranfälliger als jener von Skepsis und Ablehnung begleitete und dadurch von langen Diskussionen gekennzeichnete, langsame Innovationsmodus, der sich aus größeren gesellschaftlichen Konflikten ergibt.
Manchmal muss man Konflikte schaffen, damit es etwas gibt, das man bearbeiten kann. Und das meine ich nicht in dem „irgendwie selbstverständlichen“ und auch „irgendwie romantischen“ Sinn des Begriffes „Transformation“, sondern ganz knallhart im Sinne der Verhinderung von aus reinem Idealismus begangenen Fehlern.
Wir haben möglicherweise genug kurzsichtigen Blödsinn gemacht.
Es nutzt dem Planeten wenig, wenn 80 Millionen (= ein sehr geringer einstelliger Prozentsatz der Weltbevölkerung) plötzlich idealistisch werden und damit vor lauter prophylaktischer Unterwerfung und Selbstgeißelung in nur noch einer Richtung handeln.
Die Deutschen scheinen nur allzu gern alles richtig machen zu wollen: Hier paaren sich zwei „spezifisch deutsche“ Geister, nämlich die „Erinnerungskultur“ und eine gewisse, ursprünglich vielleicht protestantisch gefärbte, Neigung zum Idealismus. (Nur als Fußnote: Wenn man genau hinschaut, findet man in unseren deutschen „Großtheorien“ über Kommunikation genügend protestantisch-normative Echos.) Im Ergebnis bedeutet das: Wenn wir in der Geschichte so viel falsch gemacht haben, möchten wir doch endlich einmal alles richtig machen!
Dass sich die Vorzeichen aber geändert haben könnten, dass die Welt eine andere sein könnte, als wir sie uns mit unseren Idealen gerne einbilden, das sehen wir in dem Moment nicht. Wir beschauen uns selbst nur allzu gern in dem Licht, in dem wir uns angesichts all der schrecklichen Dinge aus der Vergangenheit sehen wollen — in den vergangenen Jahren im Besonderen im Lichte der Willkommenskultur und der ökologisch orientierten Weltverbesserungsidee. Dass wir damit womöglich manches richtig, aber dass wir damit eben auch neue Fehler machen, darauf kommen wir einstweilen nicht, sondern erst später. Dann liegen aber manche Weltmarktführerschaften womöglich lahm auf der Seite — und neue bekommt man nicht auf Bestellung.
Jörg Heidig
PS: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt.