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Jede Zeit gebiert ihre eigenen Gespenster

Wenn jemand wie das „Wunderkind“ aus Cambridge auffliegt, fragen sich viele, wie so etwas passieren konnte.


Wenn an der Hälfte der Vorwürfe was dran ist, sind die Geschichten so abenteuerlich wie die von Old Shatterhand im Wilden Westen. Oder viel abenteuerlicher, weil wir ja nicht das Jahr 1899 schreiben, sondern das Jahr 2026. 1899 war das erfolgreichste Jahr des Schriftstellers Karl May. 


Viel abenteuerlicher deshalb, weil hier nicht irgendwelche Leute, die ein paar Jahre die Volksschule besucht haben, irgendeinen Abenteuerroman gelesen und gedacht haben, dass es im Wilden Westen tatsächlich so zugeht, sondern weil formal höchstgebildete Menschen an einer Eliteuniversität einem jungen Mann mit einer abenteuerlichen Geschichte aufgesessen sind — und diesen gegen Zweifel verteidigt haben. Bis es irgendwann dieser Tage eben nicht mehr ging.


Bildung schützt vor Torheit nicht. Oder: „Political correctness has grown to become the unhappiest religion in the world.“ (Nick Cave)


Er sei so und so viele Marathons in ebenso vielen plus ein paar Tagen gelaufen, sei im humanitären Einsatz gewesen UND habe SOOOO viele akademische Meriten eingesammelt, dass es auch noch für den einen oder anderen Superlativ bei der Berufung zum Professor gereicht hat. Und so weiter.


Wie es dem alten Karl May wohl ging, als man ihm nicht glauben wollte, dass er gar nicht Old Shatterhand sei?


Jede Zeit bringt ihre eigenen Kinder hervor — und sie gebiert ihre ganz spezifischen Gespenster. Ein Neonazi, der sein Geschlecht ändert, um in den Frauenknast zu kommen, und jeden anzeigt, der ihn nicht „korrekt“ anspricht, ist dabei ebenso eines dieser „Gespenster“ wie ein junger Mann, der mit einer denkbar extremen Geschichte die Erwartungen der akademischen VorurteilsinhaberInnen befriedigt, denn diese WissenschaftlerInnen an ihrer ELITEuniversität sehen nicht, wer der junge Mann ist, sondern sie sehen, wen sie sehen wollen, und wenn sie aus dem jungen Mann einen herausragenden Vertreter der Zunft der SoziologInnen gemacht haben, haben sie damit mehr über sich selbst gesagt, als über den Mann.


Bei Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften fällt es mir immer schwerer, noch von Wissenschaft zu sprechen. Der theoretisch legitimierbare Anspruch, der theoretisch begründbare Nachteilsausgleich führt, ich spitze stark zu, zu „1,0 für alle“ und zu „Pretendians“. Pretendians sind Leute, die so tun, als ob sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören — und sich damit die Vorteile jener Welt erschleichen, in der alles nur so sein darf, wie es sein soll.


In Harvard hat man vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, dass 60 Prozent aller Noten A-Noten sind. Als man verlautbarte, das ändern zu wollen, führte das unmittelbar zu Demonstrationen auf dem Campus.


Interessant ist, dass so etwas immer wieder passiert. Die Natur des Menschen ändert sich nicht. Menschen glauben — und zwar ganz und gar unabhängig vom Bildungsstand — nur allzu gern, wie es sein soll. Nur ein Schelm, wer da an den real existierenden Sozialismus denkt.


Wenn die Hälfte der Menschen die eigene Meinung nicht öffentlich äußert (laut einer selbst durchgeführten repräsentativen Umfrage), dann meinen diese Menschen vielleicht, in der Minderheit zu sein — obwohl sie langsam, aber sicher zur Mehrheit werden. Und wenn die Sache dann eines Tages ins Rutschen kommt, wollen viele der heute allzu Überzeugten es später gar nicht so gesehen haben — damals. 


Die Sache mit den Wendehälsen ist noch gar nicht so lange her. ;-)


PS: Das Beitragsbild ist KI-generiert.

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