Wenn wir etwas über die Dinge sagen, die uns umgeben, sagen wir in den meisten Fällen mehr über uns selbst als über die Dinge. Wenn man sich zur Welt ins Verhältnis setzt, um etwas zu erkennen, ist es unmöglich, an irgendeinen „ursprünglichen“ Anfang zurückzugehen. Wir setzen immer dort an, wo andere vor uns schon waren. Dann nähern wir uns dem Gegenstand der Betrachtung an, entfernen uns wieder, machen uns Gedanken, nähern uns erneut an, überprüfen die eigenen Gedanken, vertiefen die Betrachtung, verwerfen einen Teil davon und beginnen von vorn — bis wir etwas haben, von dem wir meinen, dass wir es behaupten können.
In vielen Fällen gibt es bereits (halbwegs) gesicherte Erkenntnisse. Zudem hat man sich in der Regel auf bestimmte Verfahrensweisen geeinigt.
Soweit, so theoretisch.
In der Praxis ist es oft so: Dass sich die Welt um uns herum verändert, darüber besteht wahrscheinlich kaum oder nur wenig Streit. Strittig ist vielmehr, wie diese Veränderungen einzuordnen sind, welche Ursachen und welche Muster man in ihnen zu erkennen glaubt, welche Richtung man ihnen zuschreibt und was man gegebenenfalls für die „richtigen“ Reaktionen hält.
Und das bleibt in der Regel strittig. Man kann nur mehr oder weniger Zustimmung erreichen. „Wahrheit“ ist in diesem Sinne ein Prozess, der sich aus Konflikt und Zustimmung ergibt.
Wir beobachten die Welt und gelangen mit den uns zur Verfügung stehenden Begriffen und Methoden zu bestimmten Erkenntnissen. Wir reden über diese Erkenntnisse — manche stimmen uns zu, andere widersprechen. Natürlich gibt es dabei Streit. Das ist auch so vorgesehen. Mit den Jahren kann es passieren, dass sich eine Theorie oder Prozedur weitgehend durchsetzt, was im Ergebnis nichts anderes heißt, als dass sie weitgehend zustimmungsfähig geworden ist — und also einstweilen als „wahr“ gelten kann.
Das bedeutet aber nicht, dass das bis zum sprichwörtlichen Sanktnimmerleinstag so bleiben muss. Andere betrachten ebenfalls die Welt, gehen von anderen Prämissen aus, verwenden andere Methoden oder Modelle und kommen zu anderen Ergebnissen. Es kommt (wieder) zum Streit. Natürlich werden sich die Vertreter des gegebenenfalls (noch) mehrheitlich zustimmungsfähigen Paradigmas wehren.
Man sieht dieses Muster gegenwärtig in vielen Bereichen der Welt, vor allem in der Politik und global leider auch in der Frage, wie zustimmungsfähig kriegerische Handlungen wieder geworden sind.
Große Kriege beginnen erst dann wieder, wenn jene, die den letzten großen Krieg gesehen haben, gestorben sind.
Dieser Text dreht eine Runde durch die aktuelle Konfliktlandschaft. Vieles davon mag vor allem Deutschland betreffen, manches vielleicht „den Westen“ insgesamt.
Unter Bedingungen der Unfreiheit, etwa in einem totalitären System, ist „mehr Freiheit“ zunächst immer auch „besser“. Wenn Gewalt zurückgeht, ist das besser als fortgesetzte Gewalt. Wenn Menschen ihre Meinung sagen dürfen, ist das besser als Zensur. Wenn man reisen und sich von der Welt ein Bild machen kann, ist das besser als der „Einschluss“ in einem Land. Wenn die Bewertung von Leistungen nicht von Herkunft, starren Milieus oder politischer Loyalität abhängt, dann ist das für viele Menschen ein Fortschritt. Freiheit von Diskriminierung und Einschränkung, verbunden mit einer gewissen Chancengleichheit und Meinungsfreiheit — das klingt für die meisten von uns gut, oder?
Spätestens jene Menschen, die noch in den Genuss der real existierenden DDR gekommen sind, sollten nachvollziehen können, was hier gemeint ist. Alle anderen müssten in der Geschichte ein Stück weiter zurückgehen.
Nun kommt diese Entwicklung, so sie denn stattfindet, aber nicht an irgendeinem „vernünftigen“ Punkt zur Ruhe, denn was heißt in diesem Zusammenhang schon „vernünftig“? Es gibt kein „Ende der Geschichte“, es geht nur — weiter. Wir haben als Gesellschaft wahrscheinlich keinen Sinn für Gleichgewichte. Der Erlebnisgeneration mag eine gewisse „verdrängende Ruhe“ oder ein gewisses „verdrängendes Stillhalten“ bei gleichzeitiger Abwesenheit des Schrecklichen genug gewesen sein. Das „Nie wieder“ der Erlebnisgeneration mag ganz anders geklungen haben als das „Nie wieder“ der Generation danach — und erst recht anders als das „Nie wieder“ mancher heute lebender Menschen.
Die einen waren vielleicht einfach froh, dass sie noch lebten und dass endlich „Ruhe“ war, und auch wenn das keine Ruhe im eigentlichen Sinne bedeutete — wenigstens waren das Getöse und das große Sterben vorbei. Es ging irgendwie weiter.
Die anderen fragten ihre Eltern, was diese eigentlich vor dem 8. Mai 1945 gemacht hatten — und wollten einiges dafür tun, dass das nie wieder passieren kann. Deshalb kamen sie unter anderem auf Ideen zur Aufarbeitung des Vergangenen und zur fundamentalen Veränderung von Erziehung und Sozialisation. Niemand sollte einfach mehr so funktionieren.
Und so ging es weiter. Jede Generation, oder jeweils die sich selbst als progressiv verstehenden Teile davon, stellte den überkommenen Status quo erneut infrage.
Diese Entwicklung erreichte einen Punkt, an dem es nicht mehr nur um Freiheit im Sinne des Schutzes vor Diskriminierung oder Einschränkung ging, sondern an dem die Mechanismen dieses Schutzes (auch) zur bewussten Erweiterung der individuellen Komfortzone verwendet wurden. Das ist in den Augen vieler Leser sicher eine steile These — zu der wir übrigens schon vor knapp zehn Jahren ein Buch geschrieben haben.
Es geht dabei um einen Mechanismus, der auf der individuellen Ebene noch vergleichsweise unspektakulär erscheint. Die Individualisierung ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Individuen ihre Belange zunehmend selbstverständlich auf Augenhöhe mit dem jeweils größeren Kontext deklinieren, also mit Schule, Universität, Arbeitgeber oder Verwaltung. Wie sonst könnte jemand auf die Idee kommen, seinerseits etwa mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses zu drohen, weil die eigene Interpretation von Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist? Um nicht falsch verstanden zu werden: Das ist freilich sein oder ihr gutes Recht. Früher wären nur eher kreative Individualisten auf solche Ideen gekommen. Heute hat der kreative Individualismus die durchschnittlichen Berufe erreicht.
Die Bereitschaft zur Hinterfragung ist gewachsen, es ist gar eine „Gewohnheit der Hinterfragung“ daraus geworden. Immer belanglosere individuelle Belange werden auf Augenhöhe mit dem Funktionieren der Organisation (oder des Gemeinwesens insgesamt) verhandelt.
Ein Beispiel: Ich habe gestern bei der Teambesprechung vergessen zu sagen, dass ich morgen frei haben möchte, weil ich meinem Kind versprochen habe, gemeinsam den Geburtstag seines Haustiers zu feiern. Ich gehe also zu meinem Vorgesetzten und trage das Anliegen vor. Mein Vorgesetzter schaut etwas sparsam, als er das Wort „Hamster“ hört. Ich sage meinem Vorgesetzten: „Wenn Sie mich jetzt so anschauen und mir morgen nicht freigeben, muss ich mir überlegen, ob das hier der richtige Arbeitgeber für mich ist.“
Eine solche Aufladung des individuellen Anspruchs müssen wir uns nun nicht nur im individualistischen, sondern im gesellschaftlichen Sinne vorstellen, und zwar in Bezug auf diskriminierte oder benachteiligte Gruppen. Freilich gibt es diskriminierte Gruppen. Wer einmal auf Hautfarbe oder ethnische Herkunft bezogenem Rassismus begegnet ist, weiß, wovon ich spreche: Es ist eine ekelhafte, erniedrigende Erfahrung, die man nie wieder machen möchte.
Nun muss man sich das aber als einen Prozess der Verfeinerung vorstellen: Erst herrschten Gewalt und Unterdrückung. Da war die Abwesenheit von Gewalt vielleicht schon genug. Dann konnte man sich aber immer noch nicht frei entfalten. Man wurde zwar wegen seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung oder wegen anderer Merkmale nicht mehr umgebracht oder ins Gefängnis geworfen, aber die Sprüche, das Ausgegrenze und das Gegröhle waren immer noch ekelhaft und entsetzlich. Und so ging es Schritt für Schritt weiter — und jeder Schritt war nachvollziehbar und begründbar, bis wir an einem Punkt angelangt sind, ab dem man von einer „Überfeinerung“, einer fortgesetzten Verschiebung in Richtung Dekadenz sprechen muss.
Vielleicht war der signifikanteste Moment der Übergang von der Gleichberechtigung zum proaktiven Nachteilsausgleich. Kaum jemand wird bestreiten, dass eine gewisse Gleichberechtigung und die Abwesenheit von Diskriminierung für die meisten Menschen gut und an und für sich zu begrüßen ist.
Natürlich kann man mir aus einer sehr progressiven Perspektive vorwerfen, ich sei nur ein typischer Vertreter meines Alters — in der Jugend progressiv und gegen Diskriminierung gewesen und heute gegen neue Formen des Aktivismus wetternd, weil die eigenen Ziele erreicht seien und die neuen Ziele unverständlich erscheinen. Wenn ich nun also sage, dass die immer weitergehende Ermächtigung immer neuer, früher unbekannter Gruppen im Sinne eines quasi prophylaktisch angewandten Nachteilsausgleichs mehr oder minder direkt in eine Form von Dekadenz führt, also in einen Verfall von Maß und Selbstbegrenzung, dann werden mir manche zustimmen — und andere werden meine Worte als als „gestrig“ und „reaktionär“ abtun.
Ich habe die Sache lange nicht verstanden. Ich habe mich in gewaltfreier Kommunikation befleißigt, und zwar viele Jahre bevor das zu einem mehr oder minder flächendeckend nachgefragten Weiterbildungsthema wurde. Ich habe mit diesen Methoden in Konflikten gearbeitet und bin ob der desaströsen Erfolgsbilanz skeptisch geworden. Ich habe Weiterbildungen zu Inklusionsmethoden mit Lehrern durchgeführt, lange bevor ein wie auch immer gearteter Nachteilsausgleich gleichsam prophylaktisch einklagbar wurde.
Heute verstehe ich, dass man eine Hoffnung institutionalisiert hat. Dass man aus einer Hoffnung eine Norm und daraus wiederum ein Bürokratiemonster gemacht hat.
Die Sache wurde mir erst klar, als ich verstanden hatte, dass die Agenda eines prophylaktischen Nachteilsausgleichs davon ausgeht, dass dieser Nachteilsausgleich auf der Grundlage definierter Merkmale stattfindet und dass derjenige, der sich einem dieser Merkmale zuordnen kann, in den Genuss des Ausgleichs kommt. Das führt, konsequent zu Ende gedacht, unter Bedingungen einer immer weiter ausgedehnten Wahlfreiheit dazu, dass die Zuordnung zu bestimmten Identitätselementen strukturell attraktiv wird, wenn an diese Zuordnung reale Vorteile geknüpft sind. Wenn es um Dinge geht, die sich der direkten Verfügbarkeit entziehen, scheint die Sache zunächst einfach. Aber auch dort, wo man früher von relativ festen Merkmalen ausgegangen wäre, hat sich das kulturelle Verständnis verändert. Namen können geändert werden, Glaubenszugehörigkeiten ebenso, Selbstbeschreibungen ohnehin. Damit gerät jedes Programm, das auf der Zuordnung zu definierten Kategorien beruht, in eine eigentümliche Lage. Es soll schützen oder ausgleichen, muss dafür aber Kategorien anwenden, die im Sinne des Nachteilsausgleichs als strukturell, im Sinne des individuellen Anspruchs aber als fluide, ja beliebig behandelt werden.
Wem das alles zu gewagt oder zu steil behauptet erscheint, beschäftige sich einmal mit dem Begriff des „ethnic shopping“. Die amerikanischen Nachteilsausgleichsprogramme für Natives sind derart oft und ausufernd von Nicht-Natives mißbraucht worden, dass Betroffene mittlerweile härtere Nachweispflichten fordern.
Wo sind wir hingekommen, wenn die eigentlich zu schützenden Benachteiligten schärfere Nachweise fordern? Nur ein Schelm, wer dabei an historische Beispiele denkt? Vorsicht, Zynismus: „Nur ein echter Indianer ist ein guter Indianer“ — aber weil wir so schön inklusiv sind und Nachteilsausgleichsprogramme haben, gibt es auf einmal viel mehr Indianer (so genannte „Pretendians“). Viel schöner kann ein Schwan beim Sterben nicht singen, verflixt nochmal. (Wenn Sie das, was ich hier schreibe, nicht glauben, recherchieren Sie bitte selbst. Recherchestichwort: Pretendians)
Das ist kein moralisches Argument gegen tatsächlich diskriminierte Menschen, sondern eine Beobachtung der Folgen von Programmen, die mit Kategorien operieren müssen, weil sie anders gar nicht operieren können.
Jetzt fehlt nur noch der nächste Schritt, nämlich die Einsicht, dass es sich bei Nachteilsausgleichsprogrammen womöglich um gut gemeinte, aber notwendigerweise (und eben auch paradoxerweise) auch stigmatisierende und damit in einem gewissen Sinne diskriminierende Programme handelt. Denn in einem Programm geht es immer um Merkmale und Kriterien, kaum um eine individuelle Merkmalskombination und schon gar nicht um die Frage, ob ich selbst denke, dass ich unter das Kriterium falle oder nicht — oder fallen möchte oder nicht. Ich kann etwas sein und diese Zuordnung für mich ablehnen. Ich kann früher etwas gewesen sein und mich später anders verstehen. Klar kann man biographische Muster erfassen. Kategorial bleibt ein Nachteilsausgleichsprogramm trotzdem, eben weil es Merkmale und Kriterien benennen muss.
Im Prinzip hat man aus einer Korrektur ein Prinzip gemacht, aus einem Prinzip ist später eine Haltung geworden, und aus der Haltung hat man, mit guter Absicht, aber ohne Sensibilität für die neuen Monster, die dadurch (auch) entstehen (können), eine dauerhafte gesellschaftliche Eingriffspraxis gemacht.
Heute treten Worte wie Gleichberechtigung, Inklusion oder Nachteilsausgleich nicht mehr nur als Wunsch auf, manifeste Benachteiligungen zu verringern, sondern als Anspruch, Nachteile vorsorglich auszugleichen, Unterschiede systematisch zu identifizieren und immer feinere Asymmetrien politisch oder moralisch zu bearbeiten.
Auf diese Weise verschiebt sich die Sache. Was einmal als Befreiung begonnen hat, kann sich zu einem Prozess auswachsen, in dem immer neue Schutzbedarfe und immer neue Ausgleichsansprüche gesellschaftlich hervorgebracht werden. An diesem Punkt verändert sich die Qualität. „Mehr Freiheit“ ist dann nicht mehr einfach nur „besser“, sondern kann sich gegen jene Voraussetzungen zu richten beginnen, aus denen sie selbst hervorgegangen ist.
Wenn dafür hier der Begriff der Dekadenz verwendet wird, dann nicht im Sinne einer billigen kulturpessimistischen Beschimpfung, sondern im Sinne der Kritik an der Überdehnung eines ursprünglich hilfreichen Prinzips, denn irgendwann führt das zu einer Art von „prophylaktischer Unterwerfung“ der Maßstäbe unter „potentielle Empörung“.
Ein Beispiel? In Harvard hat man kürzlich festgestellt, dass mittlerweile 60(!) Prozent der Abschlüsse mit A-Noten gemacht werden. Man beschloss, das zu ändern — und hatte tags darauf Demonstrationen auf dem Campus.
Dabei handelt es sich im Übrigen um eine Entwicklung, die wir in unserem Buch über die Tendenz zur gewohnheitsmäßigen Hinterfragung bereits vor Jahren vorweggenommen haben.
Das führt zu einem moralischen und kulturellen Verfall des Maßes, also in eine gesellschaftliche Phase, in der ein an sich berechtigter Impuls über das Ziel hinausschießt und dadurch destruktiv wird. Die offene Frage ist dann, ob wir einen solchen Punkt bereits erreicht oder sogar schon überschritten haben.
Vieles spricht dafür, dass die westlichen Gesellschaften seit den 2000er Jahren in eine solche Phase eingetreten sind — in der das Verhältnis zwischen Freiheit, Ausgleich, Intervention und gesellschaftlicher Belastbarkeit nicht mehr ohne Weiteres zugunsten weiterer Ausweitung von Ansprüchen aufgelöst werden kann.
Eine durchaus interessante Frage ist, ob wir nicht seit ungefähr dem Jahr 2000 das eine annehmen, aber das Gegenteil erreichen. Wir haben uns bspw. entschieden, Kinder mehr oder minder auf Augenhöhe zu behandeln. Dieser Trend hat mindestens zwei Ursachen — einerseits Ideologie (also unsere normativen Vorstellungen von Pädagogik, die seither tatsächlich davon ausgehen, dass ein Kind selbst entscheiden kann, was es lernen will und was nicht) und andererseits den Umstand, dass viele von uns nur noch ein Kind haben. Wenn man nur noch ein Kind hat, nun, dann richtet sich die ganze elterliche Aufmerksamkeit auf dieses eine Kind, dann ist es nicht nur ein Einzelkind (mit den entsprechenden Folgen), sondern wird zusätzlich und gewissermaßen zum „Projekt“, also zum Teil der Selbstverwirklichung seiner Eltern — und damit zum „Objekt“ im psychologischen Sinne.
Doch zurück zur eigentlichen Frage: Das bisher Gesagte lässt sich relativ einfach und modellhaft anhand einer umgekehrten U-Funktion beschreiben. Am Anfang war mehr Freiheit immer auch besser. Später hat sich das ausdifferenziert. Noch später hat man den Nachteilsausgleich in staatliche Programme überführt, die in Zusammenwirkung mit einer immer weiter wachsenden Individualisierung und einem damit zusammenhängenden Anstieg der Hinterfragungs-, wenn nicht Empörungsbereitschaft zu einem Kippen der Logik geführt haben. Mehr prophylaktischer Nachteilsausgleich bewirkt dann nicht mehr einfach mehr Freiheit, sondern ein Kippen in Dekadenz, indem er die Tendenz befördert, die eigenen individuellen Belange über das Funktionieren des Gemeinwesens zu stellen. Die Entwicklung wird an dieser Stelle nicht anhalten — vor allem auch durch den Umstand, dass mittlerweile mehr als die Hälfte unserer Kinder als Einzelkinder aufwachsen.
Ändert sich nichts, ist nicht einfach Stillstand zu erwarten, sondern Instabilität, wahrscheinlich Verfall.
Es gibt allerdings neben der umgekehrten U-Funktion auch andere Denkmodelle, die man anwenden könnte. Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine umgekehrte U-Funktion, sondern eher um eine Pendelbewegung zwischen gegensätzlichen Polen. Dann wäre die gegenwärtige Zuspitzung zwar real, aber nicht endgültig. Dann würde auf eine Phase progressiver Überdehnung irgendwann eine Gegenbewegung folgen, die ihrerseits nicht das Ende der Geschichte wäre, sondern nur den Umschlag in eine neue Richtung markierte.
In einem solchen Modell wären politische Phänomene wie das Erstarken der AfD oder ähnlicher Bewegungen nicht einfach ein Zusammenbruch des bisher Gültigen, sondern Ausdruck einer gegenläufigen Dynamik, die sich aus der Verdrossenheit und dem Oppositionswillen der Gegenseite speist und schließlich die demokratische Mehrheit erreicht. Wenn man Gesellschaften eher zyklisch denkt, also als Gebilde, die bestimmte Spannungen, Überdehnungen, Erschöpfungen und Gegenreaktionen immer wieder hervorbringen, dann wären weder die progressive Expansion noch die Gegenbewegung etwas Neues, sondern wiederkehrende Phänomene, die sich unter veränderten historischen Bedingungen neu ausprägen.
Welche dieser Sichtweisen, also „Niedergang nach einem gewissen Peak“ oder „Pendelbewegung“, plausibler ist, lässt sich nicht einfach dadurch beurteilen, indem man auf passende Ereignisse zeigt. Denn die Ereignisse selbst sind zwar beschreibbar, ihre Bedeutung ist es jedoch nicht. Ihre Bedeutung ist Gegenstand von Denkmodellen und Diskussionen.
Bomben explodieren. Kriege kehren zurück. Demokratien verändern ihren Charakter. Figuren und Entwicklungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch unwahrscheinlich erschienen, werden politisch real. Das kann man sehen, filmen, beschreiben. Aber warum diese Dinge geschehen, ob sie als Folge bestimmter Fehlentwicklungen, als notwendige Korrektur, als Ausdruck von Krisen oder als Vorboten von etwas noch Größerem zu deuten sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Genau an diesem Punkt beginnen Denkmodelle ihre eigentliche Macht zu entfalten. Sie ordnen die Beobachtungen. Sie generieren Deutung.
Der eine sieht in gesellschaftlichen Konflikten notwendige Übergänge zu einem weitergehenden Fortschritt. Aus dieser Sicht sind auch harte Spannungen letztlich Ausdruck einer mühsamen, aber notwendigen Bewegung hin zu mehr Gerechtigkeit, weiterem Ausgleich und umfassenderer Berücksichtigung bisher übersehener Interessen, bisher benachteiligter Gruppen oder sogar der Natur selbst.
Der andere sieht in denselben Vorgängen die Entkernung liberaler Ordnung, die Zersetzung der Leistungslogik, die Aushöhlung demokratischer Selbstverständlichkeiten und am Ende vielleicht sogar den Ausdruck neuer Ordnungsvorstellungen, denen man eigene „alternative Ordnungsvorstellungen“ entgegensetzt.
Beide Ansätze beschreiben dieselben Ereignisse, aber weder sprechen sie eine gegenseitig verständliche Sprache, noch sprechen sie über dieselbe Welt. Genau darin liegt ein wesentlicher Teil der gegenwärtigen Spaltung.
Die Denkmodelle haben sich so weit voneinander entfernt, dass Zeitdiagnosen, die auf denselben Beobachtungen beruhen, am Ende in entgegengesetzte Richtungen weisen. Dort, wo die einen einen notwendigen Konflikt auf dem Weg zu mehr Gleichheit erkennen, sehen die anderen einen Akt der gesellschaftlichen Selbstzerstörung. Dort, wo die einen den moralischen Fortschritt verteidigen, wittern die anderen einen neuen (autoritären) Konformismus. Dort, wo die einen in Widerstand und Protest eine gefährliche Reaktion sehen, erkennen die anderen nur die (verständliche, vielleicht verspätete) Gegenwehr gegen eine längst erstarrte und deshalb umso mehr im Gewand der Belehrung daherkommende Dominanz.
Auf diese Weise entfernt sich nicht nur die Sprache der Lager voneinander, sondern auch die ihnen jeweils zugrunde liegende Anthropologie. Die einen setzen auf Lernfähigkeit und moralische Sensibilisierung. Die anderen auf Realitätssinn, Begrenzung und eine gewisse Härte (oder Konsequenz). Was für die einen notwendige Korrektur ist, ist aus der Sicht der anderen längst zum selbstgerechten Feldzug der einen geworden.
In diesem Zusammenhang wird häufig auf die Tradition des kommunikativen Ausgleichs verwiesen, also auf die Hoffnung, Konflikte könnten sich in Verfahren vernünftiger Verständigung entschärfen, wenn nur die Beteiligten bereit seien, ihre Geltungsansprüche wechselseitig zur Sprache zu bringen, argumentativ zu prüfen — und sich dann zu einigen. Diese Vorstellung hat viel für sich, solange gemeinsame Spielregeln gelten und solange die beteiligten Seiten zumindest im Prinzip daran interessiert sind, ein Ergebnis zu finden, das über bloße Macht hinausgeht. In der Praxis stirbt diese Hoffnung zwar zuletzt, aber sie stirbt dieser Tage oft genug, Mediation oder Moderation hin oder her.
Ohne eine gewisse Zurückhaltung gibt es keine Zivilisation. Einer Erlebnisgeneration ist das klar, späteren Menschen ist das nicht mehr in gleicher Weise klar. Sie halten im Extremfall die eigene Sichtweise eher für das, was die Welt besser macht, als dass sie dem Kompromiss, der entstünde, wenn sie sich mit der Gegenseite einigen würden, zustimmen würden.
Das Problem unserer Gegenwart ist, dass die gemeinsame Grundlage mindestens schwächer wird, wenn nicht verschwindet. Ein nicht kleiner Teil der Gesellschaft hält weiter an der normativen Idee fest, dass Verständigung, Ausgleich, argumentativer Respekt und ein gewisses Maß an Diskriminierungsfreiheit konstitutiv für eine zivilisierte Ordnung sind. Zugleich gibt es eine Gegenbewegung, der das alles nicht mehr oder nur noch selektiv wichtig ist. Dort zählt eine andere Logik: Mehrheiten sollen sich durchsetzen — am Ende gewinnt, wer sich behauptet und Mehrheiten erreicht.
Diese Zuspitzung wird besonders dann sichtbar, wenn die politische Ordnung immer stärker in Richtung prophylaktischen Nachteilsausgleichs tendiert. Dann genügt es nicht mehr, konkrete Schäden zu begrenzen oder nachweisliche Diskriminierung zurückzudrängen. Stattdessen werden fortlaufend neue Risiken antizipiert, neue Benachteiligungen moralisch markiert und immer weitere Eingriffe legitimiert. Das betrifft Fragen von Gleichheit und Identität ebenso wie ökologische und wirtschaftspolitische Debatten.
Gerade bei der Klimafrage kann man beobachten, wie zwei völlig unterschiedliche Logiken aufeinanderprallen. Die eine will durch Verzicht, moralische Vorbildlichkeit und weitreichende Regulierungen eine Form prophylaktischer Gerechtigkeit herstellen, nicht nur gegenüber gegenwärtigen Menschen, sondern auch gegenüber zukünftigen Generationen und gegenüber der Natur. Die andere hält das für einen zerstörerischen Irrweg und fragt, warum man nicht stärker auf technische, ingenieurhafte, produktive Lösungen setzt, also auf Produkte, Innovationen und marktfähige Technologien, die global im Sinne des Klimaschutzes wirksam werden könnten, statt sich in Deutschland selbstkasteiend in symbolischer Vorreiterschaft zu erschöpfen.
An diesem Punkt ist es kaum noch möglich, einfach von „Fakten“ zu sprechen. Schon das Modell, mit dem man die Lage betrachtet, trägt eine Wertung in sich.
Deshalb wäre es auch zu einfach, so zu tun, als ließe sich eine „Diagnose der Gegenwart“ irgendwie neutral formulieren. Aber was können diejenigen, die sich keiner der polarisierenden „Seiten“ anschließen wollen, tun? Sie können ihren Blick auf das werfen, was uns verbindet, also auf das, was wir „teilen“ können. Als Menschen können wir Freude, Trauer, Essen und Zeit teilen. Wir können uns gemeinsam freuen, wir können gemeinsam trauern, wir können gemeinsam essen (und trinken), und wir können zusammen Zeit verbringen — ohne Politik, ohne Belehrung, ohne Empörung. Aber dann: die Frage nach Gaza, die Ukraine-Frage, die Steuerpolitik, die Migrationspolitik, die Aufrüstung usw.
Natürlich kann man beschreiben, dass sich Demokratien verändern, dass Kriege wieder wahrscheinlicher werden, dass Vertrauen in Institutionen sinkt, dass politische Extreme wachsen und dass Teile der Gesellschaft sich entweder belehrt oder verraten oder beides fühlen. Aber bereits in der Beschreibung selbst geschehen jene kleinen Unfälle in der Bewertung, aus denen sich Deutungen bilden. Die Entwicklung der Welt ist nicht generell als umgekehrte U-Funktion oder als Pendelbewegung zu verstehen. Wir legen diese Modelle vielmehr an die Welt an. Und genau im Vorgang dieser Anlegung ist bereits impliziert, ob wir in einer Entwicklung Fortschritt, Korrektur, Erschöpfung, Verfall oder notwendige Gegenreaktionen sehen.
Die auf soziale und gesellschaftliche Themen orientierten Wissenschaften helfen an dieser Stelle einstweilen nicht mehr oder nur sehr begrenzt weiter — jedenfalls aber nicht so, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Gerade die Verhaltens- und Sozialwissenschaften können vieles beobachten, manches benennen und eine Vielzahl von Mustern herausarbeiten. Aber sie interpretieren eben auch. Und die Interpretation ist allzu häufig nicht neutral, sondern in bestimmte normative Richtungen verschoben. Man hat sich (spätestens) in diesen Wissenschaften geeinigt — es ist eine gewisse „paradigmatische Homogenisierung“ zu beobachten.
Das ist zunächst kaum vermeidbar. Problematisch wird es dort, wo diese Normativität nicht mehr reflektiert, sondern als objektive Prognose oder gar Rezeptur ausgegeben wird. Dann verlieren solche Wissenschaften bei einem Teil der Gesellschaft ihre Glaubwürdigkeit. Sie erscheinen nicht mehr als Instrumente der Aufklärung, sondern als intellektuelle Verlängerungen eines ohnehin dominanten, moralisierenden Milieus, das die eigene Agenda für die notwendige Aufklärung hält.
Ob größere Teile der aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschung ausgewogen oder gar „zukunftsfähig“ sind — in dem Sinne, für die aktuelle Entwicklung hilfreiche oder impulsgebende Erkenntnisse zu generieren —, ist eine mindestens interessante Frage. Wenn Hochschulen und andere, „verhaltenssoziologisch aufgeladene“ Milieus sich als progressive Interpretations- und Belehrungsapparate verstehen und wahrgenommen werden, die jede Beobachtung bereits mit einer moralischen Deutung versehen, dann tragen sie nicht mehr zur Aufklärung oder gar Befriedung der Lage bei, sondern werden selbst zum Teil der Polarisierung.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bitterkeit der Gegenwart — nicht nur darin, dass die Lager einander widersprechen, sondern darin, dass beide Seiten zunehmend den Eindruck haben, die jeweils andere Seite rede zwar noch über dieselben Ereignisse, aber längst über eine andere Welt.
Man teilt dann nicht mehr nur keine Antworten. Man teilt dann nicht einmal mehr die Voraussetzungen, unter denen Antworten sinnvoll formuliert werden könnten.
Von dort aus gesehen bekommt auch die Frage nach Freiheit, Ausgleich und gesellschaftlicher Intervention eine andere Färbung. Dann geht es nicht mehr nur darum, ob sich ein berechtigter Impuls noch weiter verfeinern, ausdehnen und administrativ absichern lässt. Es geht vielmehr darum, ob ein Gemeinwesen die fortgesetzte Ausweitung solcher Ansprüche noch in eine tragfähige Ordnung übersetzen kann, ohne seine eigenen Voraussetzungen zu beschädigen. Denn jedes Gemeinwesen lebt nicht nur von Rechten, Korrekturen und Sensibilitäten, sondern auch von Zumutungen, Begrenzungen, funktionalen Härten und der Bereitschaft, die eigene Perspektive nicht jederzeit zur moralisch höchsten Instanz zu erklären, sondern im Bedarfsfall den Belangen des Gemeinwesens unterzuordnen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Sache kippt: nicht dort, wo Freiheit entsteht, sondern dort, wo aus Freiheit Anspruch, aus Anspruch Programm und aus Programm eine sich selbst verstärkende Eingriffspraxis wird.
Dann beginnt ein an sich berechtigter Impuls, sich nicht nur gegen jene Ordnung zu richten, gegen die er einst formuliert wurde, sondern auch gegen die Innovation, um die es ursächlich einmal ging. Wenn das geschieht, dann erleben wir keine Befreiung mehr, sondern eine Entwicklung, in der das ursprünglich Humane in eine Form der Überdehnung und schließlich der Erschöpfung umschlägt. Und dann erscheinen Gegenreaktionen umso zwangsläufiger — auch und insbesondere dann, wenn man selbst als Individuum ggf. die konkreten Begründungen der Gegenreaktion ablehnt.