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Frieden entsteht nicht durch gute Absichten

Man versteht nicht, wie man Frieden erreicht, wenn man nur den Frieden anschaut — und verallgemeinert, was man sieht. Man versteht, was Frieden ist, wenn man den Krieg betrachtet und sich dann fragt, wie man vom Krieg zum Frieden kommt. Das hat nur sehr wenig mit „gewaltfreier Kommunikation“ zu tun.


Krieg ist dazu da, einen Gegner zu zwingen, zu tun, was man will. Wenn der sich weigert zu „gehorchen“, beginnt der Krieg — und er endet, wenn das Ziel erreicht ist oder wenn es nicht erreicht werden kann, weil man sich verkämpft, die Kampfkraft nachlässt und der Rückhalt in der Bevölkerung verlorengeht.


Ich habe einen gewissen Teil meines Erwachsenenlebens an die Vorstellung geglaubt, dass Konflikte letztlich durch Einsicht gelöst werden können. Dass Menschen vernünftig werden, wenn sie nur lange genug miteinander reden. Dass Verständigung stärker ist als Gewalt.


Dieser Text beschreibt meine Lernschleife — und zieht einige, vielleicht „gewagte“ Schlussfolgerungen in Bezug auf unsere heutige Lage.


Ich habe den Wehrdienst verweigert, und zwar nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ich überzeugt war, dass Gewalt keine Antwort sein kann. Damals schien mir das moralisch selbstverständlich: Wenn Krieg falsch ist, dann darf ich auch nicht lernen, Krieg zu führen.


Während meines Zivildienstes arbeitete ich in einem Asylheim. Damals tobte der Krieg in Bosnien. Zudem warteten Teile der ehemals von der Sowjetunion unterstützten afghanischen Regierung und einige ehemalige afghanische Polizisten in jenem Heim auf ihre Asylverfahren. Ich hörte ihre Geschichten und kam zu dem Schluss, dass ich mehr tun wollte. Wie das so ist, wenn man jung und idealistisch ist — dann hat man keine Ahnung und auch keine Angst. ;-)


Damals war das Internet noch nicht das, was es heute ist. Es war gar nicht so einfach, Organisationen zu finden, die im Ausland arbeiteten. Irgendwann fand ich eine Friedensorganisation.

Wenig später fand ich mich im Einsatz wieder — mitten in Bosnien. Geplant waren ein paar Monate — am Ende wurden fast drei Jahre daraus. Zunächst als Freiwilliger. Später als Friedensarbeiter, humanitärer Helfer und so weiter. Ich war überzeugt, alles richtig zu machen und auf der richtigen Seite zu stehen.


Wir wurden damals in ziviler Konfliktbearbeitung ausgebildet. Mitte der neunziger Jahre entstand in Deutschland – unter maßgeblicher Beteiligung grüner Politiker und verschiedener Friedensorganisationen – die Idee, professionelle Alternativen zu militärischen Missionen aufzubauen. Mediation. Gewaltfreie Intervention. Internationale Friedensarbeit.


Ich gehörte zum ersten Ausbildungsgang dieser Fachkräfte (ich darf mich ganz offiziell „Fachkraft für zivilen Friedensdienst“ nennen).


Heute bin ich für diese Erfahrung dankbar — aber sicher nicht im Sinne ihrer Erfinder. Weil ich buchstäblich nichts mehr so sehe wie damals — und eben weil ich in genau jenem Einsatz gelernt habe, wo die Grenzen dieser Überzeugungen liegen.


Der Balkan war für mich keine „friedenstheoretische Debatte“. Bosnien war für mich fast drei Jahre lang Wirklichkeit. Ich habe erlebt, was Krieg mit Menschen macht. Ich habe erlebt, wie man Jahre später darüber redet, wenn ehemalige Nachbarn sich gegenseitig umgebracht haben.


Und ich habe vor allem erlebt, dass Krieg nicht deshalb endet, weil jemand das bessere Argument hat. Er endet, weil eine Seite erschöpft ist. Oder weil beide erschöpft sind. Oder weil keine Seite mehr gewinnen kann.


Das war seinerzeit für mich eine schmerzhafte Erkenntnis, denn sie widersprach so ziemlich allem, woran ich vorher geglaubt hatte. Gescheitert bin ich dabei nicht an der Vorstellung, dass man Menschen helfen oder zwischen ihnen vermitteln kann. Natürlich kann man das. Ich habe das selbst getan. Gescheitert ist meine Vorstellung, dass Verständigung und Einsicht ausreichen, um einen Konflikt zu überwinden, wenn die Beteiligten gar nicht bereit sind, auf Gewalt zu verzichten. Dass die Vernunft sich am Ende schon durchsetzen werde, wenn man nur lange genug an sie appelliert.


Ich glaube heute nicht mehr, dass Frieden einfach die Abwesenheit von Gewalt ist. Frieden ist vielmehr ein äußerst fragiler Zustand, der nur so lange existiert, wie alle Beteiligten bereit sind, auf Gewalt zu verzichten.


Und genau darin liegt das Problem.


Gewaltfreiheit kann durchaus etwas bewirken, auch gegenüber Menschen, die selbst gewaltbereit sind. Gewaltfreier Widerstand kann Machtverhältnisse verändern, Menschen schützen und sogar politische Systeme zum Einsturz bringen, wenn ihre „innere Kraft“ versiegt (der Zusammenbruch der DDR ist der beste Beweis). Aber Gewaltfreiheit allein garantiert keinen Frieden. Sie kann den anderen nicht dazu zwingen, ebenfalls auf Gewalt zu verzichten. Sobald eine Seite die Übereinkunft verlässt, verändert sich die gesamte Situation.


Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn daraus folgt etwas, das viele Menschen nicht hören möchten: Es gibt Situationen, in denen Gewaltfreiheit allein keinen Frieden herstellen kann.


Wenn jemand mit einer Waffe vor dir steht und entschlossen ist, sie einzusetzen, kannst du natürlich auf Gewalt verzichten.


Eine kleine Kostprobe? Einmal saß ich einem ehemaligen bosnischen Soldaten gegenüber, der längere Zeit mit Teilen jener rund 6000 radikalislamischen Kämpfer, die aus Afghanistan gekommen waren, um die bosnisch-muslimische Armee zu unterstützen, gekämpft und sich dabei radikalisiert hatte. Er deutete mir gegenüber unter anderem eine gewisse Geste an — mit dem ausgestreckten Zeigefinger am Hals entlang. Das überraschte mich seinerzeit nicht mehr. Ich hatte das schon gesehen, unter anderem auch von bosnisch-katholischer Seite. Der Kämpfer gab sich radikal, wollte und konnte mir aber nichts, weil ich seiner Schwester, einer Kriegswitwe, signifikant geholfen hatte. Die Geste war dennoch die Geste.


Was machst Du in so einer Situation?


Ich ignorierte die Geste und führte das Gespräch einfach weiter.


Das Interessante an dieser Begegnung ist, dass sie beides zeigt: die Grenzen der Gewaltfreiheit und ihre Möglichkeiten. Meine Hilfe für seine Schwester hatte offenbar eine Beziehung geschaffen, die selbst seine Radikalisierung nicht einfach auslöschen konnte. Das war eine Wirkung ziviler Friedensarbeit. Und es war vielleicht sogar der Grund, weshalb ich in dieser Situation nichts zu befürchten hatte. Aber es änderte nichts daran, dass dieser Mann grundsätzlich bereit war, Gewalt als Mittel einzusetzen. Beides war gleichzeitig wahr.


Du kannst die sprichwörtliche andere Wange hinhalten. Du kannst fliehen. Du kannst kapitulieren. Du kannst versuchen, den anderen zu erreichen, seine Motive zu verstehen und ihm eine Brücke zu bauen.


Aber keine dieser Möglichkeiten beendet automatisch die Gewalt. Wenn du deinen Widerstand aufgibst, entscheidet zunächst der Angreifer, ob damit auch sein Angriff endet. Und wenn du versuchst, ihn zu überzeugen, bleibt die Frage, ob er überhaupt überzeugt werden will.


Vielleicht liegt genau darin die Tragik menschlicher Geschichte. Wir können Frieden wollen. Aber wir können ihn niemals allein herstellen. Frieden ist immer eine Beziehung, nie eine Einzelleistung.


Deshalb tue ich mich inzwischen schwer mit einem Idealismus, der glaubt, gute Absichten seien bereits eine politische Strategie. Sie sind es nicht. Gute Absichten sind nur eine Voraussetzung.


Ich habe in den vergangenen Jahren oft an diese Erfahrungen denken müssen, wenn ich politische Debatten verfolgt habe. Nicht nur außenpolitische, auch innenpolitische.


Ich meine, ein Denkmuster wiederzuerkennen, das mir vertraut vorkommt: Die Überzeugung, dass die moralisch bessere Absicht automatisch auch zur besseren Lösung führt. Genau das habe ich selbst einmal geglaubt. Deshalb weiß ich, wie verführerisch dieser Gedanke ist.


Ich glaube, ein Teil meiner Skepsis gegenüber heutigen politischen Entwicklungen hat genau in jenem Scheitern seinen Ursprung. Nicht nur, weil ich mit den Jahren konservativer geworden wäre — auch das trifft zu — sondern vor allem, weil ich erlebt habe, was passiert, wenn Menschen glauben, sie könnten einer komplexen Wirklichkeit mit moralischer Gewissheit begegnen.


Idealismus ist etwas Großartiges. Ohne Idealisten hätte es keine Opposition gegen Diktaturen gegeben. Auch heute braucht es Menschen, die sich mit den bestehenden Verhältnissen nicht abfinden wollen.


Aber Idealismus hat einen blinden Fleck: Er unterschätzt regelmäßig die Trägheit der Wirklichkeit. Idealisten glauben, dass gute Motive gute Ergebnisse hervorbringen — was sie nicht zwangsläufig tun.


Zwischen Absicht und Wirkung liegt die Realität. Und die Realität interessiert sich erstaunlich wenig für gute Absichten. Vielleicht bin ich deshalb heute misstrauisch geworden, wenn politische Programme mit quasi-absoluter Gewissheit vertreten werden.


Die meisten handeln vermutlich aus ehrlicher Überzeugung. Aber gerade das macht Idealisten mitunter gefährlich, denn wer überzeugt ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, verliert leicht die Fähigkeit zum Zweifel. Und wer den Zweifel verliert, verliert oft auch die Bereitschaft zuzuhören und genau hinzuschauen.


Mit Anfang zwanzig war ich überzeugt, verstanden zu haben, wie Frieden funktioniert. Mit bald Mitte fünfzig weiß ich vor allem, wie wenig ich damals verstanden hatte.


Nicht weil die moralischen Ziele falsch gewesen wären, sondern weil wir die Natur des Menschen unterschätzt hatten. Der Mensch ist kein vernünftiges Wesen, das gelegentlich irrational handelt. Er ist ein widersprüchliches Wesen, das nur gelegentlich vernünftig handelt.


Der Mensch sucht Kooperation. Aber ebenso sucht er Macht. Er möchte dazugehören. Aber ebenso möchte er gewinnen. Er ist empathiefähig — und gleichzeitig zu erstaunlicher Grausamkeit fähig. Diese Ambivalenz verschwindet nicht dadurch, dass wir sie ignorieren oder dass wir Gesetze verabschieden, die das regeln sollen. Die Ambivalenz bleibt.


Deshalb glaube ich heute, dass Politik vor allem mit dem Menschen arbeiten muss, den es tatsächlich gibt — und nicht mit dem Menschen, den man sich vielleicht wünscht.


Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen Utopie und Pragmatismus: Die Utopie entwirft ein Bild davon, wie Menschen sein sollten. Der Pragmatismus fragt, wie Menschen tatsächlich handeln. Das wirkt manchmal ernüchternd. Aber genau deshalb verhindert Pragmatismus häufig größere Katastrophen.


Und damit bin ich bei der Gegenwart.


Was hat das mit der deutschen Politik zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Deutschland befindet sich nicht im Krieg, und die politischen Konflikte, über die wir heute streiten, sind mit meinen Erfahrungen vom Balkan nicht direkt vergleichbar. Aber das Denkmuster, das ich meine, ist dasselbe: Man entwickelt eine Vorstellung davon, wie die Wirklichkeit sein sollte, erklärt diese Vorstellung zum moralisch richtigen Ziel und unterschätzt dann, wie widerständig die Wirklichkeit ist. Wenn die erhofften Ergebnisse ausbleiben, wird nicht unbedingt die eigene Vorstellung überprüft. Stattdessen werden die Anstrengungen erhöht, die Wirklichkeit doch noch in die gewünschte Richtung zu bewegen.


Das gilt auch und besonders für gesellschaftliche Veränderungen. Ich habe den Eindruck, dass wir in den vergangenen Jahren häufig versucht haben, Entwicklungen zu beschleunigen, die normalerweise Jahrzehnte benötigen: Migration. Energiepolitik. Geschlechter. Identitäten.


Es entstand der Eindruck, man müsse jetzt handeln — sofort, alternativlos.


Vielleicht waren die Ziele berechtigt. Aber mich beschäftigt eher die Methode, denn Gesellschaften verändern sich nicht beliebig schnell. Gesellschaften haben so etwas wie eine Verarbeitungsgeschwindigkeit. Man kann sie überfordern — nicht weil die Menschen grundsätzlich gegen Veränderungen wären, sondern weil jede Veränderung Sicherheit kostet.


Politik kann Gesetze verändern, Institutionen umbauen und neue Normen setzen. Was sie nicht kann, ist die gesellschaftliche Verarbeitung dieser Veränderungen beliebig beschleunigen. Man kann eine Entscheidung treffen und sie für richtig erklären. Aber damit hat man noch keine Zustimmung erzeugt, keine Gewohnheiten verändert und schon gar kein Vertrauen geschaffen. Und wenn die Menschen nicht so reagieren, wie man es erwartet hat, hilft es wenig, ihnen zu erklären, weshalb sie eigentlich anders reagieren müssten.


Je schneller sich alles gleichzeitig verändert, desto größer wird das Bedürfnis nach Halt. Und genau dann gewinnen jene politischen Kräfte an Zulauf, die versprechen, langsam zu machen oder die Übertreibungen zurückzudrehen.


Genau das erleben wir derzeit. Nicht weil plötzlich Millionen Menschen andere Werte entwickelt hätten, sondern weil das „politische Berlin“ seine eigene Gestaltungsfähigkeit überschätzt hat, und zwar mindestens seit 2015.


Man hätte die „Korrekturen“ ja zulassen können. Man hätte sich fragen können, welche Entwicklungen zu schnell gegangen sind, welche politischen Annahmen sich als falsch erwiesen haben und wo eine andere Richtung notwendig geworden ist. Stattdessen hat man die Brandmauer erfunden — und weitergemacht. Herzugemerkelt, festgescholzt, weitergemerzt. Oder so ähnlich.


Das Problem dabei ist nicht nur, dass bestimmte politische Entscheidungen falsch sein könnten. Das Problem ist, dass ein politisches System, das seine eigenen Voraussetzungen nicht mehr infrage stellen will, zunehmend die Fähigkeit verliert, auf veränderte Wirklichkeiten zu reagieren. Und je weniger es reagiert, desto größer wird der Druck. Bis schließlich diejenigen Zulauf erhalten, die versprechen, das ganze System infrage zu stellen.


Das erinnert mich an den Balkan. Nicht weil die Situationen vergleichbar wären. Das sind sie ausdrücklich nicht. Sondern weil ich dort gelernt habe, dass Stabilität viel kostbarer ist, als sie in friedlichen Zeiten erscheint. Und weil man Stabilität nicht dadurch bewahrt, dass man ihre Voraussetzungen für selbstverständlich hält.


Man bemerkt funktionierende Institutionen meistens erst dann, wenn sie verschwinden. Man bemerkt den Frieden erst, wenn er verloren geht. Und man bemerkt fehlendes Vertrauen oft erst, wenn immer weniger Menschen Vertrauen haben.


Auch die Zahlen zum Demokratievertrauen beziehungsweise zur Zustimmung zur Demokratie als Regierungsform lassen mich nicht in Ruhe. Ende 2021/Anfang 2022 stimmten 92 Prozent der Sachsen der Aussage zu, dass es sich bei der Demokratie um eine gute Regierungsform handelt; in der Oberlausitz waren es damals 83 Prozent (Quelle: Sachsen-Monitor). 2023 haben wir in der Oberlausitz noch 68 Prozent gemessen (Quelle: unsere Studie Oberlausitzer Wertefragen). 2026 haben wir in der Oberlausitz noch 61 Prozent gemessen und in Ostdeutschland ohne Berlin 68 Prozent. Natürlich muss man bei solchen Zahlen die Erhebungen und Fragestellungen genau vergleichen. Aber die Entwicklung, die sich darin abzeichnet, sollte man nicht einfach übergehen. Hier geht es nicht nur um die Unzufriedenheit mit dieser oder jener Regierung, sondern um die grundsätzliche Frage, wie viele Menschen die Demokratie überhaupt noch für eine gute Regierungsform halten.


Ich habe früher geglaubt, Frieden sei etwas, das mutige Menschen herstellen.


Heute glaube ich, dass Frieden etwas ist, das verletzliche Menschen jeden Tag neu bewahren — nicht durch große Worte, nicht durch moralische Überlegenheit, sondern durch die Bereitschaft, die Wirklichkeit ernster zu nehmen als die eigene Theorie.


Jörg Heidig


PS: Das Beitragsbild zeigt ein zerschossenes Haus in der zentralbosnischen Stadt Maglaj. Die Aufnahme stammt von Ende 1996, aufgenommen mit einer einfachen Olympus-Kamera. Das Gebäude wurde mittlerweile rekonstruiert.

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