Wenn der Krieg kommt, sickert er in die Tage. Erst viel später kommt er ganz.
Kaum einer will den Krieg. Nicht die ersten, die fallen. Nicht die letzten, die überleben. Und wenn der Krieg geht, hinterlässt er Ruinen, die so aussehen, als hätte es nie etwas anderes als Ruinen gegeben.
Es beginnt nicht mit großen Gesten. Es beginnt mit einem anderen Blick, einem Zögern, das vorher nicht da war. Früher hätten wir darüber gelacht, über das ungute Gefühl, das keiner aussprechen wollte. Heute lachen wir nicht mehr. Heute wissen wir, dass jedes Wort ein Stein sein kann, den man wirft.
Da waren jene, die skandiert haben. Jene neuen Gesänge in den Stadien, auf den Straßen. Da waren die Schläge in die Gesichter der anderen nach den Demonstrationen. Aber das war alles noch nicht schlimm. Das Leben ging weiter.
Der erste Tote. Ein Schuss aus einem Fenster. Ein Mann liegt auf der Straße, als hätte er sich einfach hingelegt, um zu schlafen. Am nächsten Morgen steht es in allen Zeitungen.
Die einen schreiben, dass ein Held gefallen ist. Die anderen, dass ein Feind getroffen wurde. Die Wahrheit stirbt mit ihm, wird mit ihm begraben, irgendwo zwischen den Schlagzeilen.
Noch gibt es Polizei. Noch gibt es Fragen.
Dann kommt die nächste, übernächste, irgendeine Nacht. Ein Haus brennt. Keiner will genau hinsehen. Keiner will wissen, wer es getan hat. Man geht schlafen und tut so, als sei nichts gewesen. Am Morgen ist das Haus nur noch Asche. Da waren die Schreie, die alle bald vergessen. Es gibt keinen Beweis.
Doch es gibt Geschichten, geflüsterte Deutungen. Ein Mann stirbt im Wald. Ein Unfall, sagen einige. Ein Mord, sagen andere. Die Polizei kommt, stellt Fragen, aber niemand sagt mehr was. Dann fällt der nächste Schuss. Ein Warnruf? Eine Botschaft? Niemand weiß es. Niemand fragt mehr.
Am Morgen ruft einer, seine Tiere lägen tot im Stall. Die Polizei kommt, aber nicht mehr alle. Manche fehlen. Die, die kommen, reden nicht viel. Der Mann mit den toten Tieren packt zusammen. Er fragt nichts. Dreht sich nur noch einmal um. Er ist nicht dumm. Er weiß, dass die Ordnung, an die er sich hielt, nicht mehr existiert. Er weiß, dass seine Zeit hier vorbei ist.
Salven knallen, das nächste Haus brennt. Die Polizei… kommt nicht mehr. Die Uniformen sehen plötzlich anders aus, je nachdem, wer auf welche Seite gehört. Man kennt sich noch, aber man meidet die Blicke. Begegnet man sich doch, dauert der früher gewohnte Handschlag Sekunden zu lang, der Gruß klingt fremd. Man beginnt, Gesichter zu prüfen, Zeichen zu suchen.
Tage später wird man es in ausländischen Zeitungen einen Bürgerkrieg nennen.
Am Anfang war es nur das Schweigen nach einem Schuss. Eine Straße, die auf einmal seltsam leer war. Dann ein Nachbar, der nicht mehr grüßte. Später war es eine Stadt, die nicht mehr schlief.
Man sagt, ein Krieg endet mit dem letzten Schuss. Das ist eine Lüge. Krieg bleibt. In den Trümmern, in den Namen auf Denkmälern, in den Blicken derer, die überlebt haben. In den Straßen, in denen erst keiner mehr wohnt und dann die Neuen wohnen — die woanders raus mussten, damals. All die Geschichten, die niemand erzählen will.
Ich habe überlebt. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nur, dass es keine Rolle spielt. Am Ende ist Überleben nichts weiter als eine Verspätung.
Ich schreibe das hier, aber es gibt nichts zu sagen, nur das: Ich wollte keinen Krieg.