Wir bekommen immer weniger Kinder. Das ist kein neuer Befund, aber die Entwicklung hat eine neue Qualität erreicht. Es geht längst nicht mehr nur um eine stagnierende Geburtenrate, sondern um eine Bewegung nach unten, die sich beschleunigt und die spätestens in der Lausitz schon lange weit unterhalb des Wertes liegt, den eine Gesellschaft braucht, um sich aus sich selbst heraus in die Zukunft zu tragen. Diese Entwicklung ist messbar, sie ist bekannt. Und dennoch wird sie meist nur oberflächlich behandelt – als statistisches Problem, als wirtschaftliche Herausforderung, als demografische Verschiebung. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass diese Zahlen Ausdruck einer tief greifenden Veränderung sind, die wir hinsichtlich ihrer Folgen kaum begreifen.
Wenn Ostdeutschland ein Land wäre, hätte Ostdeutschland nach Japan und Italien die drittälteste Bevölkerung der Welt. Und es trifft das Land viel härter als die Städte.
Ein Beispiel: Die Stadt Dresden und die Oberlausitz (Landkreise Bautzen und Görlitz) haben eine — halbwegs — vergleichbare Einwohnerzahl (grob jeweils etwas mehr als eine halbe Million). Während in Dresden derzeit pro Jahr etwa 6000 Kinder geboren werden, sind es in der Oberlausitz gerade einmal rund 3000 Kinder pro Jahr. In Dresden liegt die Geburtenrate pro Frau damit etwas über 1, in der Oberlausitz weit darunter — und zwar soweit darunter, dass die Region auf eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt kommt.
Kinder sind schon vor längerer Zeit von einer mehr oder weniger „familiären Selbstverständlichkeit“ zu einer „Entscheidung“ geworden. Diese Verschiebung ist leise verlaufen, aber sie war grundlegend. Noch vor wenigen Jahrzehnten stellte sich nicht so sehr die Frage, ob man Kinder bekommt, sondern höchstens wann und wie viele.
Heute ist ein Kind Teil eines Lebensentwurfs, eingebettet in Überlegungen zur eigenen Entwicklung, zur eigenen Freiheit, zur eigenen Zukunft. Und natürlich stellt man sich heute die Frage, ob man sich Kinder leisten kann. Damit verändert sich nicht nur die Entscheidung selbst, sondern auch die Bedeutung dessen, worüber entschieden wird.
Ein Kind ist dann oft nicht mehr nur ein Kind, sondern auch Ausdruck eines Lebensentwurfs, Ausdruck einer Haltung, Ausdruck dessen, was man für richtig hält. In dieser Verschiebung liegt eine enorme Aufladung. Das einzelne Kind wird bedeutsamer. Es wird nicht nur begleitet, sondern es wird in gewisser Weise gestaltet.
Ein Kind kann heute leicht zum Projekt werden, also zum Teil der Selbstverwirklichung seiner Eltern.
Wenn Ihnen diese Überlegung allzu abwegig erscheint, vergegenwärtigen Sie sich bitte diese Zahl: Mehr als die Hälfte der in Deutschland aufwachsenden Kinder sind, Stand heute, Einzelkinder. Falls Sie das nicht glauben, recherchieren Sie bitte selbst.
Diese Entwicklung geschieht natürlich nicht aus Absicht. Die individuellen Entscheidungen resultieren aus Fürsorge, aus Verantwortungsgefühl, aus dem Wunsch, es gut zu machen. Aber wenn ich nur ein Kind habe, und wenn ich die Erziehung „gut“ machen will, dann richtet sich meine Aufmerksamkeit nur auf einen Punkt, anstatt auf mehrere, dann will ich das womöglich in dem einen Fall „gut“ machen… Gerade deshalb ist dieser Trend so wirksam: Wo früher mehrere Kinder in einem gewissen Sinne nebeneinander und miteinander aufwuchsen, entsteht heute häufig eine Konstellation, in der ein einzelnes Kind im Zentrum steht. Dieses Kind trägt Erwartungen, Möglichkeiten, Hoffnungen — und wird damit umso mehr zur Projektionsfläche. Es wird geschützt, gefördert, begleitet, oft intensiver als je zuvor.
Ob darin eine gewisse Überfrachtung, Überladung, Überbehütung, Projektion liegt? Ich möchte das behaupten. Aber finden Sie gern Ihre eigene Antwort. Ich will Ihnen nichts in den Mund legen. Ich will Sie nicht überzeugen. Aber Sie als Leserinnen und Leser mit meiner Sichtweise behelligen, das will ich schon.
Das Verständnis von Erziehung hat sich verschoben, und das war (oft genug gilt auch noch: ist) in gewisser Weise auch gut so, denn zu viel Autorität, zu kalte, distanzierte, vielleicht sogar gewaltsame Autorität hat negative Folgen, die nur allzu gut erforscht sind. Doch die alte autoritäre Welt ist weitgehend verschwunden oder zumindest diskreditiert — nicht generell, aber weitgehend, was die heuer bekannt werdenden Fälle von Gewalt oder kaltem Konformitätsdruck umso erschreckender erscheinen lässt. An die Stelle der „alten Welt“ ist zunächst die Idee der Augenhöhe getreten — als Gegenentwurf zu blinder Autorität, zu einer Erziehung, die Menschen formt, ohne sie zu fragen.
In der weiteren Entwicklung ist daraus jedoch häufig auch etwas anderes geworden: eine Form der Zurücknahme von Erziehung, die nicht mehr nur Augenhöhe, Respekt und Erklärung betont, sondern jedwede Begrenzung vermeidet. Aus der autoritären Erziehung wurde Erziehung auf Augenhöhe — und wurde später, zunächst in manchen, dann in der Häufigkeit zunehmenden, Fällen: Unterwerfung der Eltern unter die Kinder.
Wenn nun die beiden beschriebenen Entwicklungen zusammenkommen — das „Kind als Projekt“ und die Zurücknahme von Begrenzung durch „Unterwerfung unter die Kinder“ —, entsteht eine Konstellation, die neue, bisher unbekannte Folgen hat: Das Kind wächst in einem Raum auf, der nicht mehr nur stark auf seine Bedürfnisse ausgerichtet ist — das Kind erlebt sich im gelingenden Fall als wirksam, als gehört, als bedeutsam — soweit werden das viele begrüßen, soweit handelt es sich um die besagte „Augenhöhe“; ein paar Schritte weiter auf diesem Pfad fehlen jedoch oft jene Grenzen, durch die Empathie entsteht. Aus der Unterwerfung von Eltern unter ihre Kinder entstehen Selbstverständlichkeiten, die wir so bis vor Kurzem nicht gekannt haben.
Diese neuen Selbstverständlichkeiten prägen nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft. Sie prägen das Verhältnis zu Autorität, zu Verbindlichkeit, zu Verantwortung. Sie prägen auch die Art, wie Beziehungen gestaltet werden. Und genau hier verschärft sich die Dynamik, denn gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Instabilität von Beziehungen.
Viele Partnerschaften haben heute eine Art Halbwertszeit. Wenn eine Beziehung nicht mehr trägt, wird sie beendet. Das ist verständlich. Es ist oft sogar notwendig. Solange es nur die beiden betrifft, die diese Beziehung geführt haben, ist es schwer genug, aber es bleibt ein Konflikt zwischen Erwachsenen.
Die Situation verändert sich, sobald Kinder betroffen sind.
Kinder können sich nicht entscheiden, in welche Konstellation sie hineingeboren werden. Sie können sich auch nicht entscheiden, wie sich ihre Eltern zueinander verhalten. Sie sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen ihre Konflikte auf eine Weise führen, die die Bindung des Kindes zu beiden Elternteilen nicht zerstört. Genau das gelingt jedoch häufig nicht.
Was dann entsteht, ist kein offener Konflikt, sondern eine dauerhafte Spannung, mal stärker, mal schwächer. Ein Elternteil spricht negativ über den anderen. Manchmal offen, manchmal subtil, manchmal in Bemerkungen, manchmal in Tonfällen. Für Erwachsene mag das ein Ventil sein, ein Ausdruck von Verletzung, ein Versuch der Verarbeitung. Für Kinder ist es etwas anderes.
Kinder stehen in einer doppelten Bindung. Beide Elternteile sind Teil der Identität der Kinder. Wenn ein Elternteil den anderen abwertet, wird damit nicht nur eine Person kritisiert, sondern indirekt auch ein Teil des Kindes. Das Kind kann sich dieser Situation nicht entziehen. Es muss einen Umgang damit finden.
Eine mögliche Variante des Umgangs besteht darin, Informationen zu verbergen oder zu verzerren. Das Kind sagt dem einen Elternteil das, was dieser hören möchte, und dem anderen etwas anderes. Daraus entsteht nicht nur taktisches Verhalten (und oft genug die Fähigkeit zu lügen), sondern innere Verwirrung.
Ein andere Variante des Umgangs besteht im Rückzug. Kommunikation wird reduziert, Nähe wird vermieden, um der Spannung zu entgehen.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, sich in den Konflikt einzubringen, als Verbündeter, als Vermittler oder als jemand, der die Situation nutzt.
In allen Fällen entsteht keine stabile Entwicklung, sondern eine Anpassung an Widersprüche.
Wenn solche Konstellationen in der Mehrzahl der Fälle zutreffen, dann verändert sich die Qualität von Bindung insgesamt. Bindung wird dann von einer Mehrheit nicht mehr als stabil erlebt, sondern als wechselhaft, als unsicher, als abhängig von Stimmungen und Konstellationen. Das Kind wächst nicht nur als Einzelkind auf, sondern oft auch als Trennungskind, das zwischen Welten wechselt, die nicht zusammenpassen. Das Kind wird dadurch auf sich selbst zurückgeworfen — was unter anderem narzisstische Verhaltensweisen wahrscheinlicher macht.
Damit überlagern sich in vielen Fällen zwei Entwicklungen: die Vereinzelung durch geringe Kinderzahlen und die Fragmentierung durch instabile Elternbeziehungen. Diese Überlagerungen verstärken sich gegenseitig. Wo früher Geschwister, stabile Strukturen und klare Rollen Orientierung gegeben haben, entsteht heute häufiger eine Situation, in der das Kind wie gesagt auf sich selbst zurückgeworfen ist — bei gleichzeitig hoher emotionaler Aufladung.
Das Ergebnis ist nicht Freiheit im eigentlichen Sinne, sondern eine Form von Ungebundenheit, die ambivalent ist. Sie eröffnet Möglichkeiten, aber sie nimmt auch Halt.
Man kann diese Entwicklung nicht verstehen, wenn man sie nur kritisiert. Sie ist auch das Ergebnis einer Befreiung. Die Abkehr von autoritären, gewalttätigen oder einengenden Strukturen war notwendig. Die Erweiterung individueller Handlungsspielräume war ein Fortschritt. Die Möglichkeit, sich aus destruktiven Beziehungen zu lösen, ist kein Verlust, sondern eine Befreiung.
Aber jede Verschiebung erzeugt neue Selbstverständlichkeiten. Und diese neuen Selbstverständlichkeiten haben wiederum Folgen. Wir haben nicht nur dysfunktionale Familienstrukturen überwunden, sondern wir haben zugleich das Modell stabiler Bindung insgesamt geschwächt — nicht vollständig, aber spürbar. Und damit entstehen neue Formen von Belastung.
Die Traumatisierungswahrscheinlichkeit verschwindet nicht, sie verschiebt sich. Weniger offene Gewalt, mehr stille Zerrissenheit. Weniger starre Ordnung, mehr diffuse Unsicherheit. Weniger äußere Begrenzung, mehr innere Orientierungslosigkeit.
Diese Erfahrung fügt sich in das größere gesellschaftliche Bild ein. Eine Gesellschaft, in der Kinder zur Entscheidung geworden sind, in der das einzelne Kind häufig zum „Projekt“ wird, in der Begrenzung reduziert und Beziehungen instabiler werden, erzeugt eine spezifische Form des Selbst. Dieses Selbst ist sensibel, aufmerksam, reflektiert — aber es ist auch fragil. Es ist stark auf sich selbst bezogen, weil es als Einzelkind aufgewachsen ist und ggf. gelernt hat, dass Verlässlichkeit nicht garantiert ist.
Gleichzeitig entsteht ein kultureller Überbau, der diese Entwicklung begleitet. In vielen Bereichen tritt eine Form von Moral in den Vordergrund, die stark auf individuelle Sensibilität ausgerichtet ist. Sie ist erklärend, belehrend, differenzierend — sie sagt, was nicht sein darf, aber sie sagt wenig darüber, was verbinden und tragen soll.
Aus dieser Konstellation entsteht eine eigentümliche Form von Traurigkeit. Keine dramatische, keine laute Traurigkeit, sondern eine leise, diffuse — eine Traurigkeit ohne klaren Gegenstand. Sie entsteht dort, wo Möglichkeiten vielfältig sind, aber Verbindlichkeiten schwach. Wo das Individuum im Zentrum steht, aber dieses Zentrum selbst unsicher ist.
Diese Traurigkeit wird häufig überdeckt — durch Aktivität, durch Selbstbespiegelung in sozialen Netzwerken, durch Haltung, durch moralische Positionierung. Sie äußert sich selten direkt, aber sie ist spürbar. In der Art, wie wenig Vertrauen in Dauer vorhanden ist. In der Art, wie schnell Beziehungen infrage gestellt werden. In der Art, wie vorsichtig Menschen geworden sind, wenn es um Bindung geht.
Eine Gesellschaft, die sich in dieser Weise entwickelt, verändert auch ihr Verhältnis zu sich selbst. Sie wird vorsichtiger, konfliktscheuer, weniger bereit, Risiken einzugehen. Sie orientiert sich stärker am Erhalt individueller Lebensqualität als an der Verteidigung verbindender oder verbindlicher Strukturen. So eine Gesellschaft besteht letztlich vor allem aus einzelnen Menschen, die allein leben und nur noch zusammenkommen, wenn es passt — und das ist meist nur kurz und anlassbezogen.
Gleichzeitig entstehen Gegenbewegungen. Diese Gegenbewegungen bilden sich nicht auf der Ebene des eigentlichen Problems. Sie kommen eher mit einem diffusen Unbehagen daher — und formulieren vor allem politische Aussagen. Aber das zugrunde liegende Problem ist, dass verschwindet, was die Menschen vor uns für selbstverständlich gehalten haben, und wir als heute lebende Menschen keine (gemeinsame) Vorstellung von der Zukunft haben, also bspw. — unausgesprochen, aber gemeinsam — annehmen würden, dass es unseren Kindern einmal besser geht als uns selbst.
Die Folge ist, dass wir auf der politischen Ebene ein gewisses „Getöse“ erleben, die eigentliche Ursache, das eigentliche Unbehagen aber nicht adressiert wird. Auf der einen Seite wird jede Form von Abgrenzung moralisch problematisiert (die radikal linke Position). Auf der anderen Seite wird behauptet, dass es ohnehin nichts mehr zu verteidigen gebe (die radikal rechte Position). Im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Positionen entsteht eine Haltung, die sich am ehesten als „resignativer Zynismus“ beschreiben lässt.
Wenn man all diese Entwicklungen zusammennimmt — die Verschiebung des Kinderwunsches in den Bereich individueller Entscheidungen, die häufige Aufladung des einzelnen Kindes zum „Projekt“, die Veränderung von Erziehungsstilen, die zunehmende Instabilität von Beziehungen und die daraus resultierende Vereinzelung von Kindern, die Ausweitung individueller Handlungsspielräume bei gleichzeitiger Abnahme von Verbindlichkeit, sowie den Rückgang der uns verbindenden Hoffnung, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als uns selbst — dann entsteht ein Bild, das man als Form von Verfall oder Dekadenz beschreiben kann — und zwar nicht nur im moralischen Sinne, sondern als Beschreibung eines Zustands, in dem eine Gesellschaft langsam ihre eigenen Voraussetzungen verliert.
Diese Entwicklung ist kein plötzlicher Bruch. Sie ist ein Prozess, der zunächst aus nachvollziehbaren Entscheidungen besteht, aus gut gemeinten Veränderungen, aus realen Fortschritten. Die ersten dreißig Jahre nach dem Geburtenrückgang sieht man das kaum — man beginnt es erst langsam zu sehen, wenn die Bewerberzahlen heruntergehen (rund 20 Jahre nach dem Geburtenrückgang), aber so richtig sieht man es erst, wenn die dann wenigen Dreißigjährigen ihrerseits noch weniger Kinder bekommen.
Aber dann ist es schon zu spät. Sprich: Der letzte Zeitpunkt, um an der Demographie noch etwas zu ändern, war, als der Bundeskanzler noch Helmut Kohl geheißen hat. Solche Entwicklungen sind schwer zu erkennen und zu prognostizieren — und erst recht schwer zu thematisieren — und noch viel schwerer zu korrigieren.
In dieser schleichenden Verschiebung liegt das, was man als gesellschaftliche „Krankheit zum Tode“ bezeichnen könnte — nicht als dramatischer Zusammenbruch, sondern als Zustand, in dem eine Gesellschaft weiter funktioniert, während sich ihre Grundlagen verändern: Die Gesellschaft lebt weiter, aber sie entfernt sich von ihrer Zukunft.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, diese Entwicklung aufzuhalten, sondern darin, sie überhaupt klar genug zu sehen, um zu verstehen, was hier gerade geschieht — ohne sich dabei der Illusion hinzugeben, man könne einfach zu einem früheren Zustand zurückkehren und ohne die bestenfalls sozialromantische Annahme, dass man all das mit ein bißchen Migration lösen könnte.
Jede Zeit schafft ihre eigenen Widersprüche — und oft genug auch neue Monster. Man könnte das als eine „Krankheit zum Tode“, als „Monstrosität des eigenen Verschwindens“ betrachten: Weil es so unvorstellbar erscheint, beschäftigen wir uns nicht oder nur sehr „scheibchenweise“ damit.
Wollten wir uns wirklich ernsthaft mit der Zukunft beschäftigen, hätten wir drei Optionen:
Erstens könnten wir den eigenen Untergang konservativ verwalten; wir würden damit leben, dass es in Zukunft weniger Menschen wären, wir würden langfristig Dörfer schließen, wir würden Migration begrenzen und uns vor allem diejenigen suchen, die zu uns passen und die unsere Zukunft sichern.
Zweitens könnten wir dem Zeitgeist möglichst viel hinterherwerfen und uns in das stürzen, was manche von uns allzu optimistisch als Transformation bezeichnen. Das würde allerdings Konflikte bedeuten, die allein mit friedlichen Mitteln kaum zu bewältigen wären. Es ist m.E. eine allzu romantische Annahme, dass signifikante Migration aus Kulturräumen mit anderen Konfliktmustern schnell integrierbar ist. So etwas geht nur langsam und über Generationen. Und für „langsam und über Generationen“ ist es schon zu spät. Also schrumpfen wir — mit den entsprechenden Folgen (mehr „konservative“ Wahlergebnisse), oder wir haben mehr Konflikte auf der Straße, in den Schulen, in Zügen, überall.
Drittens könnten wir mutig sein und eine tatsächlich tragende Vision entwickeln, wie und warum es uns auch noch um 2100 herum geben sollte — und was dafür notwendig wäre. Das wäre m.E. aber eine Verbindung aus der ersten und der zweiten Option. Klar werden wir nicht morgen wieder mehr Kinder bekommen. Wir sind und bleiben eine „späte Gesellschaft“. Aber zwischen „den eigenen Untergang gut verwalten“ und „mit aller Macht in die Transformation springen“ gibt es vielleicht noch einen Zwischenweg. Dieser Weg wäre weder rückwärtsgewandt noch transformationsbegeistert, er wäre pragmatisch. Auf diesem Weg würde man sich auf das Machbare konzentrieren. Natürlich würde man nicht zu viele Leute hereinlassen, aber man wäre auch nicht ablehnend. Man würde langsam zum Einwanderungsland, ohne mit „Willkommenskultur“ die eigene Infrastruktur zu überfordern. Man wäre weder „idealistisch“ noch „sowieso dagegen“. Aber wie es in Deutschland eben oft so ist — man ist entweder begeistert und überzeugt, die Welt auf den Kopf zu stellen — oder dagegen (und im Dagegensein wiederum in gewisser Weise begeistert, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen).
Die Zeiten, da eine gewisse verbindende Hoffnung quasi selbstverständlich existiert hat (z.B.: „Unseren Kindern wird es besser gehen.“) sind einstweilen vorbei. Diese Hoffnung hat uns als Gesellschaft fünfzig, sechzig, vielleicht siebzig Jahre lang getragen. Aber die erlischt dieser Tage angesichts der gegenwärtigen Lage. Wir müssen eine Antwort finden. Die Frage ist nur, welche.
PS: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erzeugt.