In Frankreich brennen Innenstädte. Was vielleicht einmal als Schülerprotest begann, wurde zur massiven Entladung von Wut und Zorn. Aber die Heftigkeit, mit der sich die Gewalt Bahn bricht, und vor allem die gesellschaftlichen Bündnisse, die dabei entstehen, sollten uns zu denken geben — und das Fürchten lehren.
Insbesondere deshalb, weil sich Teile des französischen politischen Spektrums mit jenen auf die Barrikaden stellen, die Städte verwüsten. Dabei entsteht eine Verbindung zwischen linksradikalen, islamistischen und einfach nur randalierenden Kräften, die mich … unter anderem an die iranische Revolution erinnert.
1979 kämpften Linke, Islamisten und Liberale gegen den Schah. Ein Teil der Linken, vor allem die kommunistische Tudeh-Partei, unterstützte Khomeini auch nach dem Umsturz. Das schützte sie nicht: Nachdem andere linke Gruppen bereits verfolgt worden waren, zerschlug die neue Führung 1983 auch die Tudeh-Partei. Viele Linke wurden inhaftiert, ins Exil gedrängt oder hingerichtet. Man sollte sich also durchaus fragen, wer bei solchen Bündnissen wen benutzt — und wer am Ende gewinnt.
Nun ist Deutschland nicht Persien, und eine irgendwie ähnliche Entwicklung hätte ich in Deutschland noch vor Kurzem für ausgeschlossen gehalten — bis zur Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026.
Bisher rechnete ich damit, dass die AfD irgendwann so stark werden würde, dass die CDU sich gezwungen sähe, mit ihr zu koalieren. Dann würde es eben einige rechte Jahre geben, eine deutlich andere Migrationspolitik, eine gesellschaftliche Gegenbewegung zu den vergangenen Jahrzehnten — und irgendwann würde sich das Ganze wieder einpendeln.
Im Grunde rechne ich mittelfristig für größere Teile Deutschlands auch immer noch mit einer rechten Entwicklung, weil man mit der Brandmauer immer nur weitermacht, anstatt die eigene Politik zu korrigieren. Die Migrationspolitik ist zu lange zu massiv überzogen worden, und zwar vor allem von der CDU selbst. Die CDU hat die Voraussetzungen für den Aufstieg der AfD geschaffen — und hat die letzte Wahl mit dem Versprechen, die Migrations- und die Wirtschaftspolitik zu ändern, knapp gewonnen. Seither aber… was? Genau: Pustekuchen. Und Merz.
Ich habe keine Ahnung, warum Friedrich Merz erst tönend eine Änderung der Migrationspolitik verspricht und vom „Stadtbild“ redet — und dann weit, sehr weit hinter seinen Ankündigungen zurückbleibt.
Inzwischen erscheint es mir immer wahrscheinlicher, dass die AfD in einzelnen Bundesländern absolute Mehrheiten erreicht und dort allein regiert. Wenn sich die Polarisierung weiter verschärft, könnte sie sogar im Bund irgendwann so stark werden, dass es ausreicht.
Wer hätte dieses aus Sicht des „antifaschistischen Widerstands“ „neue 1933“ dann geschaffen? Die AfD allein? Mitnichten. Mindestens genauso viel Leistung kam und kommt von linker Seite und von der CDU. Friedrich Merz setzt inzwischen die Begriffe „Remigration“ und „ethnische Säuberung“ gleich — und betreibt damit genau das Gegenteil dessen, was er versprochen hat. Merz hat immerhin erst explizit versprochen und es dann explizit besser gewusst. Finde den Fehler.
Was ich allerdings nicht auf dem Schirm hatte, war die Option, dass auf der anderen Seite des politischen Spektrums Bündnisse entstehen könnten, welche die gegenwärtigen linken Trends noch weiter treiben könnten. Bündnisse zwischen Linksradikalen, Islamisten und migrantischen Gruppierungen, in denen Antisemitismus, islamistische Vorstellungen und linksextreme Gesellschaftsbilder miteinander verschmelzen — Bündnisse, die in Berlin wählbar wurden.
Die neue LINKE hat mit der klassischen Linken nicht mehr viel zu tun. SPD und Grüne sind sich für ein solches Bündnis nicht zu schade, Antisemitismus hin oder her. Die SPD würde sich in diesem Bündnis weiter marginalisieren — ebenso wie sich die CDU in immer neuen GroKos und Mehrparteienbündnissen verschleißt. Die Grünen werden wahrscheinlich überleben, weil sie ihre wohlhabende, urbane Klientel haben — auch wenn spätestens den Etablierteren unter diesen Leuten momentan kalt werden sollte, wenn sie die Bilder aus Paris sehen.
Im Grunde bildet sich gerade eine neue Kräfteverteilung: eine immer stärker werdende AfD, weiterhin relevante Grüne (bundesweit bei ca. 12-15, ggf. 20 Prozent), und eine offensichtlich unter den Jüngeren und in den großen Städten stärker werdende LINKE. Ob letztere Entwicklung ein langfristiger Trend ist, bleibt abzuwarten. All das geht auf Kosten der alten Volksparteien. Davon kann im Falle der SPD der Erfolg von Manuela Schwesig nur temporär ablenken. Und im Falle der CDU tut Kanzler Merz aus mir unbegreiflichen Gründen gerade alles dafür, die CDU den Bach hinunterzutreiben.
Der einzige mir analytisch zugängliche Grund ist Macht. Von Macht kann man sich schwerer lösen als von Alkohol.
In diesem Text geht es mir aber gar nicht so sehr um Friedrich Merz, als vielmehr um das Gutmenschentum, das jetzt erstaunt feststellt, dass seine eigene Großherzigkeit nicht nur Dankbarkeit, Friedfertigkeit und Integration hervorbringt. Es geht mir darum, dass eine Gesellschaft, die sich selbst für besonders human hält, Menschen hervorbringen kann, die diese Gesellschaft verachten oder sogar hassen — und zwar meines Erachtens wegen des „Gutmenschentums“. So langsam könnte ja die Erkenntnis einsickern, dass Offenheit und Hilfe nicht zwangsläufig zu Dankbarkeit führt, sondern auch zu Abhängigkeit, Anspruchshaltung, Geringschätzung und schließlich Hass. Und dass es ziemlich schwer werden kann, eine Entwicklung wieder einzufangen, wenn man über Jahrzehnte viele der Mechanismen außer Kraft gesetzt hat, mit denen eine Gesellschaft ihre eigenen Regeln durchsetzt.
Ich will das an einem Beispiel erläutern, das zunächst ziemlich weit entfernt erscheint: Ich habe in den Neunziger Jahren knapp drei Jahre auf dem Balkan gearbeitet. Offiziell war ich Entwicklungshelfer, tatsächlich war ich humanitärer Helfer, Friedensarbeiter, Organisator von Wiederaufbau- und Flüchtlingsrückführungsprojekten in einem kleinen Nest in Zentralbosnien. Damals hat man unter anderem von „Flüchtlingsrückführung“ geredet und damit etwas völlig Selbstverständliches gemeint.
Ich habe in einer Nachkriegsgesellschaft gearbeitet, mit Menschen, die ihre Häuser, ihre Arbeit, ihre Heimat und/oder Angehörige verloren hatten. Ich hatte zuvor eineinhalb Jahre in einem Asylbewerberheim gearbeitet — und glaubte damals, solche Verhältnisse einigermaßen zu verstehen.
Die Menschen nahmen unsere Hilfe an. Sie brauchten sie auch. Aber ein gewisser Teil von ihnen begegnete uns mit einer Geringschätzung, die ich zunächst nicht verstand. Man nahm unser Geld und unsere Unterstützung, war aber gleichzeitig der Meinung, dass wir nichts zu sagen hätten. In gewisser Hinsicht hatten diese Leute recht: Wir wussten nämlich längst nicht so viel über die Verhältnisse, in denen wir arbeiteten, wie wir uns einbildeten.
Ich sprach die Sprache und glaubte, aufgrund meiner ostdeutschen Vergangenheit auch die postsozialistische Gesellschaft Ex-Jugoslawiens einigermaßen zu verstehen. Die komplizierten Beziehungen zwischen Volksgruppen, zwischen Muslimen, Orthodoxen und Katholiken, die jahrzehntealten Konflikte, die lokalen Loyalitäten und Feindschaften, all das verstand ich weit weniger, als ich damals glaubte. Wir kamen mit unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit, Bedürftigkeit und vernünftiger Verteilung in eine Gesellschaft, die nach anderen Regeln funktionierte.
Ich erinnere mich an eine Verteilung von Sanitärmaterial in einem Dorf mit mehreren Hundert Flüchtlingen. Wir hatten vielleicht fünfzig dieser französischen Hocktoiletten bekommen. Die Anzahl reichte natürlich nicht für alle.
Es gab Häuser mit innenliegenden, funktionierenden Bädern. Viele andere mussten zur Verrichtung der Notdurft rausgehen, in windschiefe Holzhütten. Also überlegten wir uns Kriterien, nach denen wir die Toiletten verteilen wollten. Wer hatte ein funktionierendes Bad? Und wer hatte irgendwo draußen am Hang eine dieser schrecklichen Holzhütten? Wer lebte in einer einigermaßen brauchbaren Unterkunft und wer mit seiner ganzen Familie in einem einzigen Zimmer?
Die meisten (muslimischen) Flüchtlinge waren in ehemaligen serbischen Häusern untergebracht, von denen einige bereits durch Hilfsorganisationen instand gesetzt worden waren — andere Häuser waren jedoch nicht instand gesetzt worden. Und dann gab es noch die angestammten muslimischen Bewohner — von denen manche nach dem verdammten Krieg schlechter lebten als die Flüchtlinge mit ihrer humanitären Hilfe. Finde sich einer zurecht in einer zerworfenen Nachkriegsgesellschaft, zumal wenn man zwar die Sprache spricht, aber trotzdem irgendwie keine Ahnung hat.
Wir versuchten, nach Bedürftigkeit zu verteilen. Wir hielten unsere Kriterien für gerecht. Aber unsere Vorstellung von Gerechtigkeit wurde keineswegs von allen geteilt. Es gab heftigen Streit, Beschimpfungen, Geschrei und Drohungen. Leute kamen vor unser Haus und brüllten uns an. Wir waren gekommen, um zu helfen, und standen plötzlich Menschen gegenüber, die unsere Hilfe selbstverständlich in Anspruch nahmen, uns aber gleichzeitig mit Aggression begegneten, weil wir ihnen nicht das gaben, was sie erwarteten. In diesem Fall: Wegen ein paar WC-Elementen! Die vielleicht noch nicht einmal in so vielen Fällen gebraucht, sondern manchmal einfach verkauft wurden.
Ich war jung, hatte meine Vorstellungen von humanitärer Hilfe und glaubte, Menschen, denen man hilft, müssten zumindest verstehen, dass man ihnen helfen wollte. Einige Jahre später begann ich, dieses Phänomen als eine „Kultur der Abhängigkeit“ zu begreifen.
Wenn Menschen alles verloren haben, brauchen sie zunächst Hilfe. Sie sind erschöpft, vielleicht traumatisiert, wollen schlafen, sich ausruhen und irgendwie wieder zu Kräften kommen. Dann sind sie dankbar, dass sich jemand um sie kümmert. Aber irgendwann wird aus Hilfe eine gewisse Gewohnheit. Und wenn aus der Versorgung ein Anspruch geworden ist, wird die Einschränkung der Versorgung nicht mehr als Begrenzung einer Hilfe erlebt, sondern als Verletzung eines vermeintlichen Anspruchs. Aus Dankbarkeit kann so Geringschätzung werden — und aus Geringschätzung Wut. Nicht weil sich die Helfer plötzlich abgewandt hätten, sondern weil sich die Beziehung zwischen Helfer und Hilfeempfänger verändert hat.
Was ich damals im Kleinen erlebt habe, begegnet uns heute in wesentlich größeren gesellschaftlichen Dimensionen.
Wir haben eine Migrationspolitik geschaffen, die auf einer eigentümlichen Mischung aus historischem Schuldbewusstsein, humanitärer Selbstvergewisserung und postkolonialer Unterwerfung beruht. Weil europäische Länder einmal Kolonialherren waren, weil die Nationalsozialisten getan haben, was sie getan haben, weil wir reich sind und andere arm, haben wir irgendwann begonnen, aus der eigenen Geschichte abzuleiten, dass wir „heute Zureisenden“ gegenüber kaum noch Grenzen setzen dürften.
Ein entscheidendes Element dieser Haltung habe ich Anfang des Jahres 2000 auf einer Konferenz europäischer Jugendorganisationen gehört. Unter den Teilnehmern war auch ein Vertreter einer migrantischen Organisation, ein Mann aus Nigeria. Er brachte seine migrationspolitische Position auf eine Formel, die mir im Gedächtnis geblieben ist: „Because you were there, we are here.“
Weil ihr dort wart, sind wir jetzt hier.
Einerseits verstand ich rein sachlich, worauf er sich bezog. Europäische Staaten waren Kolonialmächte gewesen, hatten fremde Länder ausgebeutet. Aber dass daraus zweihundert Jahre später ein Anspruch entstehen sollte, in genau jene Länder einzuwandern und dort aufgenommen und versorgt zu werden, erschien mir keineswegs selbstverständlich. Die These machte aus historischen Verhältnissen eine gegenwärtige Verpflichtung; aus der Schuld früherer Generationen leitete man quasi einen Anspruch gegenüber heute Lebenden ab. Das erschien und erscheint mir mindestens deshalb falsch, weil die heute Lebenden selbst entscheiden können müssen, ansonsten könnte man ja jedweden historischen Bogen schlagen und daraus Ansprüche ableiten. Weil meine protestantischen Vorfahren einmal von Katholiken vertrieben worden waren, soll mir die katholische Kirche heute eine Rente zahlen. Die Postkolonialismus-Katze beißt sich in den Schwanz, wird aber in diversen Elfenbeintürmen gekämmt und umsorgt.
Inzwischen sind solche Vorstellungen, so absurd sie auch sein mögen, tief in die europäische Politik eingesickert. Sie verbinden sich heute mit einem Geschichtsbewusstsein, das die Begrenzung von Migration sofort moralisch verdächtig macht. Wer Grenzen setzt, wer abschiebt, wer verlangt, dass Menschen die Regeln des Landes akzeptieren, in dem sie leben wollen, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Die Grenzziehung selbst wird zum Problem — und nicht mehr das Verhalten dessen, dem eine Grenze gesetzt werden soll.
2015 hat die damalige Bundeskanzlerin diese Haltung auf die Spitze getrieben. Deutschland öffnete seine Grenzen, und Angela Merkel wurde zur internationalen Ikone der Humanität. In arabischen Medien wurde sie gefeiert. Und natürlich war das zunächst auch eine beeindruckende Geste. Deutschland zeigte der Welt, was für ein großherziges Land es sein wollte — und einstweilen auch sein konnte.
Aber irgendwann kommt die Realität zu Besuch.
Die Realität tritt zunächst nicht mit einem lauten Knall die Tür ein. Sie sickert erstmal ein. Langsam, über Jahre, wie die Kälte im Herbst, die zunächst kaum jemand bemerkt, bis man irgendwann feststellt, dass der Winter naht.
Die Menschen, die aufgenommen wurden, erzählten von Deutschland. Von einem Land, in dem man sicher ist, eine Wohnung bekommt, Geld erhält und versorgt wird. Von einem Land, in dem man auch dann leben kann, wenn man zunächst keine Arbeit findet oder vielleicht gar keine sucht.
Aus solchen Erzählungen entstehen Erwartungen. Warum sollte man sich anderswo durchschlagen, wenn es ein Land gibt, das einem die Existenz weitgehend absichert?
Natürlich wollen viele arbeiten. Natürlich gibt es Menschen, die tatsächlich vor Krieg und Verfolgung fliehen, und andere, die sich hier mit großem Einsatz eine Existenz aufbauen. Aber es gibt eben auch Migration, die nicht aus existenzieller Not entsteht und nicht aus dem Wunsch, sich in einer fremden Gesellschaft durch eigene Leistung zu behaupten — sondern aus der schlichten Erkenntnis, dass man einwandern kann und anschließend versorgt wird.
Wir haben nicht nur Migration ermöglicht, sondern gleichzeitig die Anforderungen abgesenkt, die wir an das Ankommen in unserer Gesellschaft stellen. Wir haben die Unterscheidung zwischen Arbeitsmigration, Fluchtmigration und einer Migration in die sozialen Sicherungssysteme zunehmend verwischt.
Dabei braucht Integration Zeit. Sehr viel Zeit. Wer aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang kommt, dessen Normen, Erziehungspraktiken, Bildungsstandards und Konfliktverhaltensweisen sich erheblich von den unseren unterscheiden, kann nicht einfach einreisen und einige Monate später in dieser Gesellschaft angekommen sein. Insbesondere dann nicht, wenn er kaum lesen und schreiben kann, die Sprache nicht beherrscht und die kulturellen Techniken für eine berufliche Existenz erst erlernen müsste — oder gar nicht erlernen kann, weil die grundlegenden Voraussetzungen dafür fehlen. Unter solchen Voraussetzungen kann es bis zu zwei Generationen dauern, bis eine Familie tatsächlich in der neuen Gesellschaft angekommen ist. Wenn überhaupt.
Die erste Generation der Arbeitsmigranten hatte es keineswegs leicht. Die Leute mussten arbeiten, die Sprache irgendwie lernen und mit einer Gesellschaft zurechtkommen, die ihnen zunächst kaum freundlich begegnete. Sie wurden ausgeschlossen, oft auch gedemütigt. Sie mussten Konflikte austragen, Kompromisse finden, sich anpassen und ihre eigenen Vorstellungen verändern.
Man muss einen gewissen Preis zahlen, wenn man in einer anderen Gesellschaft ankommen will. Wer sich überhaupt nicht verändern muss oder will, kommt dort auch nicht an.
Man muss sich nur anschauen, wie sich die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland entwickelt hat. Aus einer bestimmten Anzahl eingewanderter Menschen wird über Jahrzehnte eine sehr viel größere Bevölkerungsgruppe. Das ist für sich genommen überhaupt kein Problem, denn so ein Prozess hat zwar seine Herausforderungen, sorgt aber für Integration. Der Vorgang wird aber zum Problem, wenn die Geschwindigkeit der Zuwanderung die Fähigkeit einer Gesellschaft übersteigt, die Zugewanderten tatsächlich zu integrieren.
Seit 2015 hat sich die Lage verschärft. Während Integration über Generationen stattfinden müsste, schaffen wir innerhalb eines Jahrzehnts neue gesellschaftliche Verhältnisse. Wir holen Menschen in großer Zahl ins Land, versorgen sie und erklären gleichzeitig, dass es im Grunde an uns liege, wenn sie hier nicht zurechtkommen. Dann beginnen die bekannten Debatten über Benachteiligung, Diskriminierung, Privilegien und Nachteilsausgleich. Überall werden gesellschaftliche Hindernisse entdeckt, die wir beseitigen sollen, während wir immer weniger darüber sprechen, welche Anstrengungen der Einzelne selbst unternehmen muss.
Dabei entsteht eine eigenartige Zwischenwelt, in der Menschen leben, die weder in der Kultur ihrer Eltern noch in der Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurden, wirklich zu Hause sind. Die Eltern haben ihnen Verhaltensweisen, Werte und Konfliktmuster vermittelt, die vielleicht in ihren Herkunftsländern funktioniert hätten. Aber die Kinder leben nicht dort. Sie wachsen in Deutschland auf, ohne die Sprache, die Verhaltensweisen und kulturellen Techniken vollständig zu erwerben, die ihnen hier eine erfolgreiche Lebensführung ermöglichen würden.
Vielleicht sprechen sie zu Hause Arabisch, können aber mit dieser Sprache beruflich wenig anfangen, weil sie nicht in einem arabischen Land leben. Vielleicht sprechen sie Deutsch, aber längst nicht gut genug, um anspruchsvolle Bildungswege einzuschlagen. Vielleicht haben sie gelernt, dass in ihrer Familie der Vater entscheidet und Konflikte mit Gewalt ausgetragen werden. In der Schule erleben sie dagegen Lehrer, die mit ihnen diskutieren, Sozialpädagogen, die Verständnis zeigen, und Institutionen, deren Regeln sie weder nachvollziehen können noch ernst nehmen. Vielleicht erleben sie auch Ablehnung und Rassismus. Vielleicht werden sie ausgeschlossen, weil sie anders aussehen, anders sprechen oder sich anders verhalten.
Am Ende haben sie von allem etwas gelernt, aber nichts richtig. Sie leben in einer Gesellschaft, die sie materiell versorgt, in der sie aber keine Vorstellung davon entwickeln, wie sie selbst einmal erfolgreich sein könnten.
Ich kenne solche Mechanismen auch aus anderen Zusammenhängen: Manche Kinder von Langzeitarbeitslosen wachsen auf, ohne jemals eine tragfähige Vorstellung davon zu entwickeln, dass sie selbst einen Beruf erlernen, arbeiten, eine Familie ernähren und sich durch eigene Leistung etwas aufbauen könnten. Ihnen fehlt nicht nur das Wissen, wie man bestimmte Ziele erreicht. Ihnen fehlt bereits das innere Bild eines Menschen, der solche Ziele überhaupt haben und erreichen könnte. Die Gesellschaft, in der sie leben, ist für sie keine Welt eigener Möglichkeiten, sondern eine fremde Ordnung, von der sie versorgt werden, aber an der sie nicht wirklich teilnehmen.
Bei einem Teil der migrantischen Jugendlichen verschärft sich dieser Mechanismus durch die kulturelle Zwischenstellung. Sie werden gewissermaßen zu „herrenlosen Hunden“. Gleichzeitig erleben sie jeden Tag, dass ihnen die gesellschaftlichen Möglichkeiten, von denen sie umgeben sind, weitgehend verschlossen bleiben. Sie sehen Wohlstand, Konsum, schöne Autos, teure Kleidung und erfolgreiche Menschen, können aber keinen eigenen Weg erkennen, selbst dorthin zu gelangen. Es gibt natürlich außergewöhnlich erfolgreiche Einzelne, aber die verstärken mit ihrem bisweilen regelrecht absurden Glanz nur die Regel.
Die Mehrheit dieser hier geborenen Jugendlichen ist irgendwie versorgt und gleichzeitig hoffnungslos. Und aus dieser Hoffnungslosigkeit kann Wut werden.
Diese Wut erhält irgendwann eine politische oder kulturelle Rechtfertigung. Die unbewusste Logik dahinter lässt sich sinngemäß so beschreiben: Weil ihr unsere Länder ausgebeutet habt, weil ihr unsere Eltern diskriminiert habt, weil wir keine Chancen bekommen haben, dürfen wir eure Gesellschaft verachten. Wir sind die Opfer, ihr seid die Täter, und jetzt nehmen wir uns, was uns zusteht. Dann werden Geschäfte geplündert, Gucci-Taschen mitgenommen, Menschen bedroht und die Angehörigen jener Gesellschaft verhöhnt, in der man selbst keine Zukunft mehr sieht.
Wozu, bitteschön, braucht man Gucci-Taschen auf einer Barrikade?
Das ist kompensatorisches Verhalten. Niemand wird erfolgreicher, weil er ein Geschäft geplündert hat. Niemand bekommt eine bessere Biografie, weil er einen anderen Menschen zusammengeschlagen hat.
Aber wenigstens kann man etwas zerstören. Wenigstens kann man die anderen leiden lassen. Wenn wir selbst keine Zukunft haben, dann sollt ihr wenigstens auch keine haben. Dann sitzen wir eben alle gemeinsam in der Scheiße.
Aus dem Satz des Nigerianers von damals wird damit etwas Neues. „Because you were there, we are here.“ Weil ihr dort wart, sind wir jetzt hier. Und weil ihr unseren Eltern keine Chance gegeben habt, sind wir jetzt wütend. Was in dieser Sicht keine Rolle spielt: Die Eltern haben vielleicht selbst bestimmte Chancen nicht genutzt, ihre kulturellen Vorstellungen haben ihnen manches erschwert, oder unsere Sozialpolitik hat sie in Abhängigkeit gehalten. In dieser Sicht heißt es weiter: Wir sind schließlich hier geboren. Wir sind hier aufgewachsen. Wir sehen euren Wohlstand und wissen, dass wir ihn nicht erreichen werden. Also hassen wir euch.
Das bleibt selbstredend unbewusst.
Damit wachsen Jugendliche heran, die teilweise kaum lesen und schreiben können, die weder in der Schule noch auf dem Arbeitsmarkt zurechtkommen, die aber gelernt haben, sich körperlich durchzusetzen. Schlagen können sie. Bedrohen können sie. Ein Messer ziehen können sie auch. Und wenn die üblichen Mittel gesellschaftlicher Konfliktregulierung an ihnen abprallen, dann bleibt die Gewalt irgendwann als diejenige Sprache übrig, die sie tatsächlich beherrschen.
Das ist, was wir inzwischen an vielen Schulen erleben. Jugendliche, die ihre Mitschüler bedrohen, die Lehrer einschüchtern und Gewalt als selbstverständlich betrachten. An vielen Schulen werden inzwischen die „Weißbrote“ verkloppt, nicht die Araber. Die Mehrheitsverhältnisse haben sich vielerorts längst umgekehrt. Wer früher möglicherweise selbst ausgegrenzt wurde, grenzt jetzt andere aus. Und das geschieht in einem Bildungssystem, das auf solche Konstellationen weder kulturell noch institutionell vorbereitet ist.
Wir führen Gespräche, organisieren Sozialstunden, erstellen Hilfepläne, bieten Beratung an und erklären Rechte und Pflichten. Wir setzen darauf, dass sie irgendwann Einsicht entwickeln, Verantwortung übernehmen und ihr Verhalten ändern.
Aber was passiert, wenn diese Sprache für die Betroffenen überhaupt keine Bedeutung hat? Wenn die Regeln, auf die wir uns berufen, in ihrer bisherigen Sozialisation nie gegolten haben? Wenn ein Mensch gelernt hat, dass man Konflikte durch Einschüchterung, Dominanz und körperliche Gewalt entscheidet, und wenn er mit dieser Strategie in seinem Umfeld erfolgreich ist? Was soll ihn dann beeindrucken, wenn ein Sozialpädagoge mit ihm ein Gespräch führt oder ein Richter ihm Sozialstunden auferlegt?
Der Polizist kommt, stellt die Personalien fest, nimmt vielleicht jemanden fest. Dann erscheint möglicherweise ein Anwalt und sorgt dafür, dass möglichst wenig passiert. Anschließend beginnt ein Verfahren, in dem jeder einzelne Vorgang nachgewiesen werden muss. Irgendwann kommt es zu einer Verhandlung, es gibt Ermahnungen, Auflagen und Sozialstunden. Und danach geht der Jugendliche wieder nach Hause. Beim nächsten Mal beginnt das Ganze von vorn.
Wir erklären ihm, dass er sein Verhalten ändern müsse, und er lernt, dass unser Rechtssystem ausgesprochen viel Geduld hat. Dass es viele Möglichkeiten gibt, Konsequenzen hinauszuzögern. Dass die Erwachsenen, die ihn eigentlich begrenzen müssten, sich häufig zuerst darüber streiten, ob und wie sie das überhaupt dürfen.
Selbst eine Gefängnisstrafe muss unter solchen Umständen nicht zwangsläufig den Abschreckungseffekt haben, den wir uns vorstellen. Ein Zimmer, ein Fernseher, regelmäßiges Essen und eine einigermaßen geregelte Tagesstruktur bedeuten nicht für jeden Menschen dasselbe. Und die anschließenden Bewährungsmaßnahmen, bei denen freundliche Sozialpädagogen wiederum freundliche Gespräche führen, erzeugen ebenfalls nicht unbedingt den Veränderungsdruck, den wir uns erhoffen.
Wenn dann irgendwann tatsächlich eine Abschiebung droht, beginnen die nächsten Schwierigkeiten. Papiere sind verschwunden, Identitäten ungeklärt — oder es sind familiäre Bindungen entstanden und rechtliche Hindernisse aufgetaucht.
Und vor jeder konsequenten Maßnahme stehen bereits die nächsten NGOs, erklären die humanitären Schwierigkeiten und fordern eine weitere Ausnahme.
Dabei übersehen wir, dass auch das Lernprozesse sind. Menschen lernen nicht nur aus den Regeln, die man ihnen erklärt, sondern vor allem aus den Konsequenzen, die sie tatsächlich erleben. Wenn Grenzen immer wieder angekündigt, aber nicht durchgesetzt werden, lernen sie, dass diese Grenzen nicht gelten. Wenn Gewalt funktioniert und Sanktionen folgenlos bleiben, wird Gewalt wahrscheinlicher. Wenn die Berufung auf die eigene Opferrolle dazu führt, dass man von Anforderungen entlastet wird, wird die Opferrolle zu einer erfolgreichen Strategie.
Unsere sozialpädagogischen und rechtsstaatlichen Methoden sind aus einer bestimmten Kulturgeschichte hervorgegangen. Sie sind das Ergebnis der europäischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, der Auseinandersetzung mit Autoritarismus, Gewalt, Unterdrückung und gesellschaftlicher Ungleichheit. Wir haben daraus Vorstellungen von Emanzipation, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung und individueller Selbstbestimmung entwickelt. Wir glauben, dass sich Menschen verändern, wenn man ihnen Möglichkeiten eröffnet, wenn man sie nicht demütigt, wenn man sie ernst nimmt und ihnen hilft, ihre Probleme zu verstehen.
Wer aus einer patriarchalischen Gesellschaft kommt, in der die Autorität des Vaters kaum infrage gestellt wird, in der Frauen wenig zu sagen haben und in der Kinder erleben, wie Konflikte mit Gewalt ausgetragen werden, hat zunächst etwas anderes gelernt. Wer in einem islamistischen Milieu aufwächst, in dem religiöse Regeln über staatlichem Recht stehen, wird diese Regeln nicht einfach ablegen, weil er in eine deutsche Schule geht. Und wer die eigene Würde daran misst, ob er sich gegen andere durchsetzen kann, wird eine zurückhaltende Polizei nicht unbedingt als Ausdruck eines überlegenen Rechtsstaates verstehen.
An bestimmten Stellen würden wahrscheinlich wesentlich härtere, unmittelbar spürbare Konsequenzen besser funktionieren als die schier endlose sozialpädagogische Bearbeitung. Aber das würde voraussetzen, dass wir uns überhaupt noch trauen, Grenzen durchzusetzen, Menschen einzusperren oder auszuweisen, wenn sie sich gewalttätig gegen die Regeln dieser Gesellschaft stellen. Stattdessen diskutieren wir darüber, wie wir ihnen noch besser helfen könnten — und wundern uns, wenn sie diese Hilfe nicht als Hilfe verstehen, sondern als weiteres Zeichen unserer Schwäche.
Ich habe solche Zusammenhänge kürzlich in einem Vortrag beschrieben und dabei insbesondere auf die Situation an Schulen hingewiesen. Anschließend bekam ich viel Beifall von den anwesenden Lehrerinnen und Schulleitern — und Besuch von einem Professor, der mir erklärte, mein Vortrag sei tendenziös. Was genau daran tendenziös gewesen sein sollte, konnte er mir trotz mehrfacher Nachfragen nicht genau sagen. Stattdessen erzählte er, seine Frau arbeite in einem innenstadtnahen Großstadtkrankenhaus und könne entsprechende Gewaltphänomene nicht bestätigen. Außerdem kenne er einen Polizisten aus einer anderen Großstadt, der ebenfalls nichts dergleichen berichten würde. Und überhaupt seien die gesellschaftlichen Kipppunkte, von denen ich gesprochen hätte, wissenschaftlich nicht erwiesen.
Natürlich darf man über Ursachen, Häufigkeiten und gesellschaftliche Entwicklungen streiten. Aber wenn die erste Reaktion darin besteht, die Wahrnehmung des anderen als tendenziös zurückzuweisen und anschließend mit zwei privaten Beispielen die eigene Weltsicht zu beweisen, ist das schon eine interessante Variante des vermeintlich wissenschaftlichen Diskurses.
Ich teile jene recht homogenisierte, vermeintlich „wissenschaftliche“ Perspektive nicht, die allerorts Benachteiligung, Diskriminierung oder Privilegierung entdeckt. Sie untersucht jede gesellschaftliche Auffälligkeit zunächst daraufhin, welche Schuld die „Mehrheitsgesellschaft“ daran tragen könnte, und nimmt vor lauter Verständnis für den Einzelnen irgendwann nicht mehr wahr, was mit der Gesellschaft insgesamt geschieht.
Die Welt kann auf dem Kopf stehen; die Soziologie weiß es besser.
Damit bin ich wieder bei den Bündnissen vom Anfang: Hier verbinden sich politische Kräfte, die eigentlich vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft haben. Auf der einen Seite steht ein Islamismus, der hoch motiviert, ideologisch geschlossen und in seinen gesellschaftlichen Vorstellungen zutiefst autoritär ist. Auf der anderen Seite steht eine linksradikale Bewegung, die sich in weiten Teilen aus den Zerfallserscheinungen der westlichen Gesellschaft speist. Aus einer eigentümlichen Mischung aus Antikapitalismus, postkolonialer Schuldbehauptung, Identitätspolitik und der Vorstellung, dass jede Form individueller Selbstdefinition von allen anderen anerkannt und bestätigt werden müsse.
Freiheit könnte ja bedeuten, dass jeder nach seiner Fasson leben darf, solange er die Freiheit der anderen respektiert. Toleranz könnte bedeuten, dass man Lebensweisen aushält, die man selbst weder teilt noch besonders schätzt.
Aber diese Vorstellung reicht der neuen Linken nicht: Sie verlangt Bekenntnisse. Jede neue Minderheit, jede neue Identität, jede neue gesellschaftliche Selbstbeschreibung soll nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich anerkannt, gefeiert und öffentlich bestätigt werden. Man muss die richtigen Begriffe benutzen, die richtigen Haltungen demonstrieren und die richtigen Bekenntnisse aufsagen. Es ist eine Art postmodernes, postkoloniales und klimarevolutionäres Glaubensbekenntnis geworden, bei dem die Zugehörigkeit zum moralisch richtigen Lager wichtiger ist als die Frage, ob die vertretenen Vorstellungen überhaupt miteinander vereinbar oder realistisch sind.
Was diese linksradikale Bewegung mit dem Islamismus verbindet, ist zunächst die Ablehnung der bestehenden westlichen Gesellschaft. Die einen wollen sie aus religiöser Überzeugung überwinden, die anderen aus einer Mischung aus Schuldgefühl, Selbstverachtung und revolutionärer Sehnsucht. Dass diese Bündnisse auf Dauer nicht funktionieren können, scheint ihre Beteiligten nicht sonderlich zu beschäftigen. Hauptsache, man steht gemeinsam gegen jene Gesellschaft, deren Wohlstand, Freiheit und Sicherheit man verdammt, aber gleichzeitig auch in Anspruch nimmt.
Auf der anderen Seite entwickelt sich eine konservative Gegenbewegung, die sich auf das zurückbesinnen will, was die eigene Kultur einmal stark gemacht hat. Auf Leistung, Verantwortung, Familie, kulturelle Kontinuität, Grenzen und die Bereitschaft, die eigene Gesellschaft zu verteidigen. Allerdings geschieht das in einer Gesellschaft, die längst nicht mehr besonders stark ist. Die zu wenige Kinder bekommt, die ihre eigenen kulturellen Voraussetzungen zunehmend infrage stellt und die politische Führungsschichten hervorgebracht hat, die sich lieber in einer postnationalen Beliebigkeit auflösen, als noch ernsthaft zu erklären, was an der eigenen Gesellschaft eigentlich verteidigenswert wäre.
Der Gegensatz zwischen diesen beiden politischen Richtungen wird sich weiter verschärfen. In manchen Bundesländern werden konservative Kräfte stärker werden und Wahlen gewinnen. In den großen Städten dagegen könnten sich die Bündnisse aus linksradikalen, migrantischen und islamistischen Milieus weiter verfestigen. Dabei geht es nicht einfach um die Anzahl der Migranten, sondern darum, welche Milieus entstehen, welche kulturellen Muster sich verfestigen und ob die aufnehmende Gesellschaft noch stark genug ist, ihre eigenen Regeln durchzusetzen.
Hilfe ist kein Ersatz für Integration. Versorgung schafft noch keine Zugehörigkeit. Und die Abwesenheit von Anforderungen erzeugt nicht automatisch Freiheit, sondern kann Menschen in einer dauerhaften Abhängigkeit halten, aus der sie irgendwann selbst keinen Ausweg mehr finden.
Manche entwickeln eigene Perspektiven, lösen sich aus der Abhängigkeit und werden Teil der Gesellschaft. Andere bleiben darin gefangen. Deren Kinder wachsen in Verhältnissen auf, in denen zwar die materielle Existenz gesichert ist, aber keine überzeugende Vorstellung davon entsteht, wie ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben aussehen könnte.
Und irgendwann kommt aus diesen Milieus nicht mehr Dankbarkeit, sondern Verachtung. Dann wird aus dem Wunsch nach Hilfe eine Forderung, aus der Forderung ein Anspruch und aus dem enttäuschten Anspruch Wut. Dann stehen Zwölfjährige vor uns, die uns nicht etwa dankbar sind, weil wir ihnen eine Schule, eine Wohnung, Sicherheit und eine Zukunft anbieten, sondern die uns hassen. Die auf unsere Vorstellungen von Zusammenleben pfeifen, die unsere Lehrer verhöhnen, unsere Polizisten nicht ernst nehmen und ihre Konflikte nach Regeln austragen, die wir längst überwunden glaubten.
Ich habe vor dreißig Jahren auf dem Balkan zum ersten Mal erlebt, wie Hilfe in Anspruchshaltung und Geringschätzung umschlagen kann. Damals ging es um Geld, um Hilfsgüter und in dem hier beschriebenen Beispiel um ein paar Dutzend Toiletten in einem Flüchtlingsdorf. Heute geht es um die gesellschaftliche Entwicklung ganzer europäischer Staaten. Der Mechanismus ist nicht identisch, aber seine Grundstruktur kommt mir verdammt bekannt vor.
Jetzt stehen wir vor den Folgen und diskutieren weiterhin darüber, ob wir sie überhaupt beim Namen nennen dürfen. Wir haben uns eine Vorstellung von Humanität geschaffen, in der das Setzen von Grenzen zunehmend als unmenschlich gilt. Und wir sind dabei, eine Gesellschaft hervorzubringen, die ihre eigenen Grenzen nicht mehr durchsetzen kann.
Das ist keine Humanität mehr. Das ist eine Gesellschaft, die ihre eigene Schwächung für eine moralische Leistung hält und nicht begreift, warum ihr dafür niemand dankbar ist.