Eine gängige Theorie lautet, dass Medien einerseits das Leben abbilden, andererseits aber auch das Leben formen. Nehmen wir etwas ganz Alltägliches wie die Werbung: Werbung bildet das Leben ab und platziert in der Abbildung bestimmte Produkte, die man kaufen soll. Das klappt nicht immer, aber oft genug, sonst würde man dafür kein Geld ausgeben. Die Realität wird nicht nur abgebildet, sondern durch die Hinein-Projizierung neuer Produkte eben auch ein bißchen verändert. Ziel ist, dass Ihr Gehirn, wenn Sie im Supermarkt vor einem Regal mit ansonsten recht austauschbaren Produkten stehen, einen Unterschied macht, Sie also zu dem für Ihr Gehirn am besten „zugänglichen" Produkt greifen, idealerweise völlig unbewusst. Das ist insofern ein recht subtiler Prozess.
Bei Werbung geht es in der Regel nicht darum, dass sie zuhören oder hinsehen. Es geht nur darum, dass Sie nicht wegschalten. „Durchhörbarkeit“ ist zum Beispiel ein Begriff, den Menschen verwenden, die für Radiosender arbeiten. Die Werbepause soll möglichst funktionieren, aber nicht so sehr nerven, dass man den Sender wechselt.
Was die Wirkung angeht, bleibt es nicht immer so unterschwellig: Es werden nicht nur vorhandene Bedürfnisse abgebildet und mit passenden Produkt-Antworten versehen, sondern es werden auch neue Bedürfnisse geschaffen, die sich dann ggf. durchsetzen. So ist bspw. das Smartphone nicht nur als Antwort auf seinerzeit vorhandene Bedürfnisse zu verstehen, sondern auch und vor allem als Projekt, ein gänzlich neues Erlebnis und damit auch neue Bedürfnisse zu schaffen. Medien bilden ab, und etwas Neues lehnt sich, quasi fast unmerklich, ins Bild; die Realität ändert sich langsam. Medien können aber auch etwas abbilden, und das „Hineinlehnen“ ist so signifikant, dass ein derartiger Unterschied entsteht, sodass die Wirkung Epoche macht. Letzteres ist eine Kunst, die sich diejenigen, die sie beherrschen, sehr gut bezahlen lassen.
Was hier zunächst anhand der Werbung dargestellt wurde, gilt auch für Filme und Serien: Daily Soaps sind keineswegs nur ein Abbild der Realität. Die letzte „durchschnittliche Fernsehfamilie“ (Mutter, Vater, zwei Kinder), waren in einer breit angelegten Untersuchung der Charaktere in Serien bereits in den Nuller Jahren... die Simpsons. Bei GZSZ gab es seinerzeit keine einzige „durchschnittliche Familie“, sondern alle möglichen Beziehungsmodelle und Varianten des Zusammenlebens. Seit den Neunzigern war zudem zu beobachten, dass die Anzahl der Freundschaften bei jungen Menschen zurückging, während die Zufriedenheit mit den Freundschaften stieg. Jüngere Frauen waren umso zufriedener mit ihren Freundschaften, je mehr Serien, SitComs usw. sie schauten.
Hierbei handelt es sich um Entwicklungen, die bereits vor der Entstehung sozialer Medien zu beobachten waren.
Machen Sie einmal ein Experiment und fragen Sie eine beliebige Gruppe von Auszubildenden oder Studenten nach ihren Vorbildern. Sie werden womöglich in ca. der Hälfte der Fälle Seriencharaktere oder andere Phantasiefiguren genannt bekommen. Wir ersetzen unsere Freundschaften mit „Fernsehfreunden“. Im deutschen Fernsehen sind die Tatortkommissare die wichtigsten Identifikationsfiguren. Die Geburtenrate dieser Identifikationsfiguren liegt so weit unter 1, dass man sie gar nicht erst zu nennen braucht. Das Leben wird in Serien nicht nur abgebildet, sondern auch geformt — mit entsprechenden Folgen.
Heute sind mehr als die Hälfte unserer Kinder Einzelkinder.
Etwas hat sich verändert, und zwar nicht nur, weil Medien etwas abgebildet haben, sondern weil Medien auch etwas betont haben, und weil neue Medien erfunden wurden, die diesen Prozess beschleunigt haben: Nicht das, was ich ausdrücken will, zählt, sondern jenes zählt, was der Algorithmus als potentiell likeable erkennt und — wiederum durch Likes — weiter verstärkt. Mit den sozialen Medien kann jede und jeder abbilden, betonen und — in Wechselwirkung mit dem Algorithmus — prägen. Die Dynamik diversifiziert und verstärkt sich gleichermaßen.
Der Preis ist unter anderem eine krass ansteigende Einsamkeit unter heute jungen Menschen.
Die Sache geht aber noch weiter, zumindest im politischen Bereich. Es bleibt nicht dabei, dass man den eben geschilderten Zusammenhang kennt und nutzt. Man prägt nicht mehr nur langsam durch die Wechselwirkung aus Abbildung und Prägung (der als subtil beschriebene Prozess), man hofft auch nicht mehr nur auf die normative Kraft der Überzeugung (das Smartphone-Beispiel, also quasi Nutzung des Prozesses, nur mit deutlich höherer Wirkung), sondern man kommt ganz frontal mit Behauptungen um die Ecke, die man als „normal“ darstellt. Man bedient sich quasi einer „doppelten Normativität“ — man nutzt nicht nur die Kraft des Mechanismus’ an und für sich, sondern man geht einen Schritt weiter: Man behauptet eine neue Norm, und macht deutlich, dass jede Abweichung gestrig sei.
Das bedeutet: Es ist eben kein Wechselspiel aus Abbildung und Formung mehr, sondern eine schlichte Belehrung. Damit dürfte es, zumindest was die politikbezogene Kommunikation vieler AkteurInnen betrifft, formal keinen allzu großen Unterschied mehr geben zu dem, was man Propaganda nennt. Man wiederholt ohne Unterlass, was man zu wissen glaubt, und man weiß ja zudem: Wiederholung ist wirksam — und zwar besonders dann, wenn die Zielpersonen keine oder wenig Ahnung haben. Man berechtigt zudem bestimmte Organisationen, die Sache nicht nur zu überwachen, sondern aktiv einzugreifen, wenn etwas nicht stimmt. Und man zeigt sich bereit, auf jede nur halbwegs sarkastische Verunglimpfung mit einer Anzeige zu reagieren. Interessanterweise unterscheidet sich der neue Mann an der Spitze da kaum von Teilen der letzten Regierung.
Eine Bitte an diejenigen, die alt genug sind, um sich zu erinnern — falls sie sich erinnern, denn man muss mit der ganzen Sache zu tun gehabt haben, um sich zu erinnern: Das, was mit dem Begriff „Zivilgesellschaft“ gemeint war, als es noch keine Zivilgesellschaft gab, war womöglich etwas völlig anderes als die heute real existierende Zivilgesellschaft.
Nur ein Beispiel: Die Grünen waren einmal eine Partei, die das Bestreben, Frieden zu schaffen ohne Waffen in Regierungsprogramme brachte. Ich selbst und ganz persönlich darf mich „Fachkraft für Zivilen Friedensdienst“ nennen. Ich gehörte zu jenen 16 Personen, die diese Ausbildung als allererste „Versuchskaninchen“ absolvieren durften. Möglich wurde dieses Ausbildungsprogramm durch die erste Regierungsbeteiligung der Grünen in einem deutschen Bundesland (in NRW unter Johannes Rau). Damals glaubte man, dass man kriegerische Konflikte bzw. mindestens die entsprechenden Spannungen vor und nach Kriegen mit kommunikativen Mitteln bearbeiten könne — und man bildete Leute dafür aus. Ich habe meine Lektionen über Konfliktbearbeitung mit kommunikativen Mitteln während eines dreijährigen Auslandseinsatzes in Bosnien-Herzegowina gelernt. Ich habe danach Kommunikationspsychologie studiert. Ich mache seit rund dreißig Jahren einen signifikanten Teil meiner Zeit nichts anderes, als mich mit Konflikten zu beschäftigen.
Um es kurz zu machen: Es ärgert mich, wenn aus den Friedenstauben jener Zeit plötzlich Falken werden, die den neuen Friedenstauben (die jetzt eher auf der politisch rechten Seite zu suchen sind) vorwerfen, „gesichert rechtsextrem“ zu sein. Irgendwas stimmt da nicht.
Und selbst wenn doch alles stimmen und ich falsch liegen sollte, wäre die heuer in Rede stehende konkrete Frage (Krieg oder Frieden in der Ukraine) keineswegs so einfach zu beantworten, wie das die ProtagonistInnen gerne tun. Freilich hat Russland die Ukraine überfallen. Und wenn es nach mir ginge, dann hätte das niemals passieren dürfen. Aber in der Welt geht es leider oft genug überhaupt nicht darum, was „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern oft genug geht es nur darum, was „möglich“ ist. Ein Kriegsergebnis, wie es sich der amtierende ukrainische Präsident vorstellt, erscheint kaum möglich, und zwar unabhängig davon, ob dieses Ergebnis „legitim“ oder „richtig“ sei. Das Ergebnis wird eine geteilte Ukraine sein, und das war, leider, auch schon vor Monaten oder Jahren klar. Man kann diese Sichtweise zynisch finden, und man kann die „historischen“ Argumente, bspw. eines Samuel Huntington, abscheulich finden, ändern wird das aber wenig oder nichts.
So hart das alles möglicherweise klingen mag — an dieser Stelle wird deutlich, womit wir es zu tun haben: mit einer ganz anderen Auffassung der Welt oder mindestens mit einer ganz anderen Auffassung der Weltordung. Insofern es überhaupt so etwas wie eine stabile Nachkriegsordnung gab, galt sie nur für einen Teil der Welt, und gilt sie jetzt nicht mehr.
Man bemerkt Grenzen erst, wenn man dran oder darüber hinweg ist. Europa unterstützt einen zwar gerechten, aber verlorenen Krieg — weil wir meinen, dass es um Prinzipien geht. Darum geht es aber nicht. Und selbst wenn es darum ginge, sollte man in den Spiegel schauen: Vielleicht ist das für die Betreffenden unangenehm, aber letztlich stimmt es — vor dreißig Jahren war das Prinzip der betreffenden (grünen) Partei vor allem pazifistisch; heute ist das anders.
Aber um Prinzipien geht es der Partei in jedem Fall! Ist das ein Gegensatz? In puncto Inbrunst und Belehrsamkeit hat die besagte Partei jedenfalls zu keinem Zeitpunkt nachgelassen.
Zurück zum eigentlichen Thema: Toleranz ist etwas Anonymes, und wenn sie tatsächlich anonym ist, lebt es sich auch ganz gut mit ihr. Aber wenn Toleranz mit dem ausgestreckten Zeigefinger daherkommt, wenn sie belehren will, wenn sie „heischend“ wird, wenn sie das zu Tolerierende auf dem Tablett serviert und Beifall verlangt, sogar aggressiv Beifall verlangt und mit Verunglimpfung droht, falls man nicht klatschen will, nun, wo sind wir dann?
Nur ein Schelm, wer jetzt an die real existierende DDR denkt.
Die Sache hat sich von der Realität verabschiedet. Man nutzt das Wissen um das Prägungspotential der Medien, um eine gewisse Soll-Vorstellung von der Welt zu implementieren. Man schert sich dabei nicht mehr um Abbildungen der realen Welt. Man sorgt auch nicht mehr dafür, dass sich die neuen Ideen irgendwie hübsch gemacht ins Bild lehnen. Die Sache ist von der Abbildung mit Veränderungspotential (die neuen Dinge lehnen sich ins Bild) in eine Behauptung gekippt — wenn wir nur lange und oft genug behaupten, dass dies oder das die neue Realität ist, und wenn das auch nur halbwegs oft abgebildet wird, dann passt das schon — ob es noch zur tatsächlichen Realität passt, spielt keine Rolle, wir wissen ja, dass es gut ist.
Im Grunde handelt es sich um propagandistische Rechthaberei mit quasi-missionarischem Erleuchtungseifer. Frömmlerische Belehrsamkeit, des Glaubens freilich entkleidet, dafür im Gewand postkolonialer Theorien und mit einer entsetzlich romantischen Ader für den Islamismus und einer ebenso entsetzlichen Blindheit für Antisemitismus.
Wir wollen unbedingt die Guten sein, und wir wissen, wie das geht!
Wir bauen Theorien, die Euch beweisen, dass unsere Ideen besser sind. (Lesen Sie einmal Habermas und fragen Sie sich bitte, wie viel „protestantisch-belehrsames Echo“ in seinen Theorien steckt.) Die (stille) Rechthaberei hat sich vom Glauben auf andere Strömungen übertragen — heuer vor allem mit den Labels „Klima“, „Vielfalt“ und „Antifaschismus“. Die evangelischen Kirchen mögen nicht mehr viele Mitglieder haben, aber der Eifer lebt weiter — und wird womöglich zum Ankerpunkt einer zwar säkular daherkommenden, aber unterschwellig eben doch für Autoritarismen anfälligen Art und Weise — die sich dann als „romantisierende idealistische Sehnsucht“ die Vielfaltsagenda als identitätsstiftendes Projekt herausgesucht hat. Wir schaffen das!