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Erschöpfte Freiheit

Ich habe kürzlich in einem Gespräch sinngemäß gesagt, dass ich den Preis erahne, den es hat, wenn man gottlos wird. Nicht, dass ich den genauen Preis kennen würde. 


Wer mit Gott lebt, lebt nicht nur mit einem „religiösen Bekenntnis“ (das man heuer gern kritisch betrachtet), sondern mit einem „übergreifenden Orientierungsmodell“ (das heute eher selten geworden ist). Glaube gibt eine Rerspektive darauf, warum das Leben da ist, worauf es ausgerichtet ist und worin sich individuelles Handeln einordnet. Es gibt eine Vorstellung von Transzendenz, also von etwas, das über das einzelne Ich hinausweist und diesem Ich dadurch Richtung gibt. Dadurch ist man nicht allein. Man ist in eine Gemeinschaft eingebettet, und diese Gemeinschaft ist mehr als die Summe zufälliger Individuen. Religion ist in diesem Sinn nicht etwa Dogma, sondern Landkarte des Sinns.


Wenn dieser Rahmen verschwindet, bleibt zwar nicht nichts, aber etwas Entscheidendes fehlt. Dann bleiben darwinistische, ökonomische oder politische Modelle, also Versuche, das Leben auf andere Weise zu organisieren und zu erklären. Kapitalismus und Sozialismus können dann als säkulare Ordnungen auftreten, aber sie ersetzen den transzendenten Rahmen nur unvollständig. Sie sagen viel darüber, wie Ressourcen verteilt, Interessen gebündelt oder Macht organisiert werden könnte, aber sie beantworten nicht notwendig die Frage, worauf das Ganze einzahlen soll. Genau hier entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum bleibt nicht leer.


Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die eigentümliche Nähe, die zwischen „ent-transzendierten“ Milieus und sehr „transzendenzstarken“ Bewegungen entstehen kann. Es fällt auf, dass Teile der säkularen Linken in bestimmten Fragen auffallend romantisch oder nachsichtig gegenüber islamistischen Strömungen werden, obwohl deren anthropologische und gesellschaftliche Grundannahmen mit linken, feministischen oder queerfreundlichen Positionen kaum bis gar nicht vereinbar sind. 


Diese scheinbar unlogische Nähe verweist auf etwas Tieferes: auf die Sehnsucht nach Sinn, die auch dort nicht verschwindet, wo man sich offiziell vom Religiösen verabschiedet hat. Der Eifer bleibt, auch wenn der Glaube verschwindet. Die Belehrsamkeit bleibt, auch wenn die metaphysische Fundierung verloren gegangen ist. So entstehen mitunter säkularisierte Bewegungen, die in ihrem moralischen Tonfall, in ihrer Härte und in ihrem Eifer fast wie Ersatzreligionen wirken. Es ist dann zwar kein Gott mehr da, aber ein neuer Bildersturm. Kein transzendenter Horizont, aber ein moralischer Furor, der im Namen der richtigen Haltung agiert.


Man könnte das als bloße Polemik abtun, wenn es nicht so deutlich mit der Individualisierung in den westlichen Gesellschaften zusammenhinge. Denn die Freiheit des modernen Individuums hat nicht nur Möglichkeiten geschaffen, sondern auch Bindungen gelöst. Der Einzelne wird immer stärker zum Projekt seiner selbst. Sie oder er soll sich entwerfen, optimieren, definieren, neu erfinden, vorzeigen, verteidigen und erklären. Er oder sie wird zum Gesamtkunstwerk eigener Kreation und gerät gerade dadurch in eine eigentümliche Form von Erschöpfung. Was als Befreiung erlebt wird, enthält auch die Zumutung permanenter Selbstbezüglichkeit. Das Ich wird nicht nur freier, sondern auch schwerer. Es trägt mehr von sich selbst, ohne dass klar wäre, worauf es sich letztlich stützen soll.


Die alten Bindungskräfte sind schwächer geworden. Menschen, die noch daran gewöhnt waren, sich in verlässliche Rahmen einzufügen, haben diese Rahmen teilweise noch innerlich fortgeführt. Jüngere Generationen wachsen dagegen stärker in Verhältnisse hinein, in denen diese Bindung nicht mehr selbstverständlich mitgegeben wird. Die Zunahme von Einzelhaushalten, die abnehmende Selbstverständlichkeit stabiler Familienformen, die Vereinzelung im Alltag und die verbreitete narzisstische Grundierung spätmoderner Lebensformen verweisen in dieselbe Richtung. Freiheit nimmt zu, Verbundenheit nimmt ab. Wahlmöglichkeiten wachsen, Tragfähigkeit sinkt. Der einzelne Mensch darf mehr, aber er gehört weniger dazu.


Und genau daraus ergibt sich jene leise Form von Verzweiflung, die in westlichen Gesellschaften immer deutlicher hervortritt. Nicht notwendig als dramatischer Zusammenbruch, nicht als offener Protest, sondern oft als Müdigkeit, als innerer Rückzug, als schleichender Verlust von Bindungsbereitschaft. Es ist kein lauter Einsturz, eher ein allmähliches Ermatten. Westliche Gesellschaften wirken aus dieser Perspektive nicht in erster Linie deshalb bedroht, weil sie von außen angegriffen würden, sondern weil sie ihre inneren Selbstbindungskräfte verlieren. Das Individuum wurde aus Bindungen „befreit“ und muss sich nun selbst halten. Manche schaffen das eine Zeit lang. Manche richten sich provisorisch ein. Manche flüchten in Zynismus, Ablenkung oder moralische Erregung. Andere in Einsamkeit. Wieder andere in jene Form von Hoffnungslosigkeit, getarnt durch Zynismus, die bis an den Rand von Selbstzerstörung reicht.


In dieser Hinsicht hat Michel Houellebecq manches literarisch vorweggenommen (zuletzt in Vernichten, davor in Serotonin und vor längerer Zeit schon in Möglichkeit einer Insel), was gesellschaftlich immer sichtbarer wird: die Verknüpfung von Individualisierung, Sinnverlust, sexueller und sozialer Vereinzelung, Erschöpfung und stiller Verzweiflung. Der Niedergang westlicher Gesellschaften erscheint dann nicht notwendig als heroische Katastrophe, sondern als langsames Abnehmen ihres inneren Zusammenhalts. Nicht der große Knall steht am Ende, sondern das allmähliche Verschwinden dessen, was Menschen einmal aneinander gebunden hat. Vielleicht ist genau das die eigentliche Krankheit zum Tode: nicht das offene Scheitern, sondern die schleichende Unfähigkeit, noch Gründe zu finden, warum man weitermachen, Verantwortung übernehmen, Kinder bekommen, sich binden, verzichten oder durchhalten sollte.


Wenn dem so ist, dann ist Verzweiflung nicht mehr bloß ein individuelles Problem, sondern zum Teil westlicher Lebenswirklichkeit geworden. Nicht bei allen, nicht überall und nicht in jedem Milieu gleich stark. Aber stark genug, um als Strukturphänomen ernstzunehmende Dimensionen zu erreichen. Die Frage ist dann nicht mehr nur, welche politische Kraft als Nächstes Wahlen gewinnt oder welche Bewegung sich im Streit durchsetzt. Die tiefere Frage lautet, ob der Westen noch über genügend innere Gründe verfügt, sich selbst zu erhalten. Ob er mehr ist als die Summe seiner Rechte, Ansprüche, Konsumformen und moralischen Korrekturen. Ob er noch weiß, wofür Freiheit gut sein soll — auch und besonders dann, wenn sie nicht mehr in etwas Größeres eingebettet ist.


Im Grunde handelt es sich um zwei Linien: Die erste betrifft die Überdehnung funktionaler Freiheits- und Ausgleichsmodelle. Die zweite den Verlust von Transzendenz, Sinn und Bindung. Zusammengenommen ergeben sie ein Bild, in dem Dekadenz nicht einfach Luxus, Weichheit oder Ausschweifung meint, sondern die historische Lage einer Gesellschaft, die ihre korrigierenden Impulse immer weiter steigert, während gleichzeitig ihre tragenden Grundlagen erodieren. Eine solche Gesellschaft kann noch lange weiterfunktionieren — wenn sie gut verwaltet wird. 


Vielleicht wird die eigentliche Krise gerade deshalb übersehen: Man lebt weiter, diskutiert weiter, produziert weiter, reguliert weiter, moralisiert weiter. Aber unterhalb dieser Aktivität wächst die Erschöpfung. Und irgendwann steht nicht mehr nur zur Debatte, welches Denkmodell die Gegenwart am besten beschreibt, sondern ob wir überhaupt noch genügend gemeinsame Voraussetzungen besitzen, um die Zukunft als gemeinsames Projekt zu denken.


Jörg Heidig


PS: Ob von meinen Betrachtungen überhaupt etwas, und wen ja, was genau zustimmungsfähig ist, liegt ganz bei den Leserinnen und Lesern. Ich werde begründeten Gegenargumenten nicht ausweichen, allerdings behalte ich mir vor, Plattitüden oder banale Vorverurteilungen zu ignorieren. In letzter Zeit gab es immer mal wieder stark verkürzte Reaktionen auf meine Texte. Die platteste: Hat sich mal jemand die Farbgestaltung auf diesem Blog angeschaut? Weder will ich jemanden belehren, noch will ich Recht haben. Ich schreibe hier nicht irgendwas hin. Ich schreibe nicht, um irgendwen zu überzeugen; ich schreibe, weil ich vermittels meiner Schreiberei die Welt ein bißchen besser zu begreifen meine. Wenn das jemand lesen will, gern; wenn jemand mit mir darüber reden will, auch gern. Aber auf simplifizierende Küchenpsychologie oder vulgärprogressive Belehrungen kann ich gern verzichten. 


Die vulgärprogressiven Belehrungen und die Bereitschaft, vieles auf der Grundlage populärer Gemeinplätze, aber weitgehend ohne eigene Begründungen zu hinterfragen, sind übrigens zwei der Gründe, nicht die einzigen, aber am Ende des Besens die vielleicht signifikantesten, warum ich nach rund 20 Jahren Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten und Hochschulen nicht mehr lehre. Ich ertrage die belehrsame Rechthaberei nicht mehr, die dort in weiten Teilen, zumindest des mir zugänglichen Teils der Wissenschaften, herrscht — dieses Wiegen von Worten, diese gleichsam prophylaktische Unterwerfung von Menschen, die es eigentlich besser wissen könnten, unter einen zwar ganz achtsam daherkommenden, aber eben im Kern zutiefst autoritären — und in Teilen übrigens auch blank antisemitischen — Zeitgeist.


Wissenschaft bedeutet ja lediglich, in Sichtweite oder auf Grundlage des bisher Bekannten und Zustimmungsfähigen in der betreffenden Disziplin anzusetzen sowie die eigenen Verfahrensweisen und Ergebnisse so transparent zu machen, dass andere die Verfahrensweisen und Ergebnisse prüfen können.


Aber das allein reicht nicht mehr. Man braucht auch das Pedigree derjenigen, die eigentlich etwas lernen wollen, also noch keine Ahnung haben, es aber dank ihrer unzweifelhaft richtigen Haltung bezüglich der Wortwahl und der Bewertungskriterien schon einmal prophylaktisch besser wissen. Klar kann ich mich solchen Diskursen stellen. Aber ich bin dessen müde geworden. Die Zukunft wird zeigen, inwiefern ich mit meinen Prognosen richtig gelegen habe — oder ob wirklich jener transformationale Traumzauberwald gewachsen sein wird, den Teile der heutigen Studentenschaft mitunter an die Wand malen. Entschuldigung: Studierendenschaft muss es natürlich heißen. ;-)


PPS: Das Titelbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erzeugt.

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