…ist in der Regel jung und weiß — und sie weiß es besser. Sie ist der perfekte Gegenentwurf zum „alten weißen Mann“, der oft genug ihr Vater oder Opa gewesen sein könnte. Die moralisierende Über-Deutsche ist womöglich keinen Deut besser als der alte weiße Mann, denn an Privilegiertheit und Belehrsamkeit steht sie ihm in nichts nach.
Es gibt, soweit ich sehen kann, kaum eine Über-Deutsche, die nicht privilegiert wäre — im Gegenteil: Privilegiertheit scheint regelrecht DIE Voraussetzung zum Moralisieren zu sein.
Das kürzlich viel diskutierte „Stadtbild“ gibt es nicht! Und zwar zum Einen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und zum Anderen, weil jenes „Stadtbild“ wahrscheinlich vor allem dort stattfindet, wo die privilegierte, moralisierende Über-Deutsche nur selten hinkommt — und wenn, dann vielleicht mit jenem romantisierenden Erschaudern, das Oberklasse-Kinder befällt, wenn sie es einmal kurz mit dem Boden der Realität zu tun bekommen.
Der Fußgängertunnel im Zentrum einer Großstadt am Ende einer durchzechten Nacht am Wochenende ist womöglich etwas gänzlich anderes als der Fußgängertunnel in irgendeinem nicht ganz so populären Viertel auf dem Nachhauseweg an irgendeinem verflixten Abend im November, wenn die Beleuchtung nicht funktioniert, weil die betreffende Kommune so pleite ist, dass die Lampen nicht mehr repariert werden können. Oder man ist so woke, dass man leuchtet, und zwar so hell, dass sich selbst der dunkelste Fußgängertunnel ausnimmt wie der reinste Broadway.
Während man den alten weißen Mann dafür kritisiert, gleichsam habituell Recht zu haben, kommt die junge, moralisierende Über-Deutsche mindestens ebenso selbstverständlich daher, wenn nicht — dank der Verschiebung des Zeitgeistes — noch selbstverständlicher.
Was ich hier schreibe, ist womöglich gegenstandslos, weil sich diejenigen, die ich hier bezeichne, selbst wahrscheinlich kaum als „Deutsche“ im eigentlichen Sinne bezeichnen würden. Dennoch stimmt es: Ihre Muttersprache ist in der Regel Deutsch, sie kommen in der Regel aus privilegierten deutschen Haushalten, sie haben in der Regel einen Master-Abschluss von einer deutschen Hochschule, und sie sind, wenn sie die Welt in der Regel eher so sehen, wie sie sein soll, anstatt, wie sie — vielleicht auch — ist, so deutsch wie nur irgendeine schwärmerische, revolutionäre oder umstürzlerische — jedenfalls radikale — Variante deutschen Zeitgeistes zuvor.
Es vermischen sich in Deutschland gern zwei Dinge: der protestantische Eifer und eine gewisse Befindlichkeit. Der Glaube an und für sich ist zwar fast oder ganz erloschen, aber der Eifer, der ist noch da. Womöglich ist das Verlöschen des Glaubens ein wesentlicher Bestandteil des Konservierungsmittels für den Erhalt des Eifers. Heuer äußert sich die Befindlichkeit als Brandmauer: Wir haben Geschichte. Wir sind sensibel für Geschichte. Aber anstatt uns zu fragen, wer die Nazis tatsächlich waren, und wer vielleicht heute tatsächlich diesem Geist entspricht, kanzeln wir lieber einen Teil des Volkes ab, der zwar wählt, aber sich nicht mehr repräsentiert fühlt.
Wer einen Benzinkanister nimmt, um ein Flüchtlingsheim anzubrennen, dem kommt man nur mit Konsequenz (und also der Polizei!) bei.
Wer aber skeptisch ist, ob die aktuelle Migrationspolitik so richtig ist, der hat keinen Benzinkanister in der Hand. Wer aber rhetorisch „einfach so“ des Benzinkanisters verdächtig gemacht wird, der distanziert sich innerlich. Achtzig Jahre danach ist Widerstand ganz einfach. Wer die heutigen „rechten“ Protagonisten in ihrer Masse für Nazi-Apologeten hält, nun ja, die oder der hat meines Erachtens nicht verstanden, wer und was die tatsächlichen Nationalsozialisten waren. Wenn einer ein Nationalsozialist ist, helfen im Zweifel, wie gesagt, nur die Einsatzkräfte und nachher die Gerichte. Aber wenn man jeden beliebigen Skeptiker, Zweifler, Demonstranten oder Gegner der Einfachheit halber zum nationalsozialistisch inspirierten Demokratiefeind erklärt, hilft man nicht der Demokratie, sondern ganz im Gegenteil: man stärkt die vermeintliche Gegenseite und offenbart selbst ein allzu „enges“ Verständnis von Demokratie.