Texte

Die Hoffnung kommt in Schwarz

Ich fahre zu einem Konzert von Nick Cave. Es gibt vermutlich kaum einen Musiker, der Hoffnungslosigkeit so eindringlich zum Klingen bringen kann wie er. Seine Lieder handeln von Verlust, Schuld, Tod und Erlösung. Nicht von der billigen Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, sondern von… allem anderen.


Erster Eindruck beim Konzert: Die Texte sind gläubig geworden, in dem Sinne, dass von Demut die Rede ist und von Vergebung.


Auf der Fahrt dorthin hat mich eine Frage beschäftigt, die mich schon seit Jahren nicht loslässt: Was macht man eigentlich, wenn einem die Hoffnungslosigkeit begegnet?


Ich treffe einen Freund, wir trinken ein Bier. Es sind viel zu viele Leute da, um einen irgendwie erträglichen Platz zu bekommen. Also irgendwo ganz hinten, wo man wenig sieht, aber gut hört. 


Beim Konzert begegnet mir ein ganz anderer Nick Cave, als der, den ich mir vorgestellt hatte. Nix „Murder Ballads“ — „Henry Lee“ oder „Curse of Millhaven“ — sondern Gospel-Background und lauter versöhnliche Antworten. 


Ich korrigiere: Also irgendwie doch „Henry Lee“, irgendwann bald vor dem Ende, aber eben mit der Gospel-Sängerin und nicht mit der endlos finsteren Stimme von PJ Harvey.


Wenn ich die Lieder im ersten Drittel des Konzertes ernst nehme, begegnet mir ein Ex-Dunkelhut im Anzug — den Anzug hatte er immer an, aber die versöhnlichen Worte, die sind (vielleicht nur für mich) neu. Ich werde alt, Du wirst alt, er wird alt, wir werden alt. Oder so.


Eins muss man ihm lassen: Er kann es noch, und zwar hervorragend. Und sein Gitarrist, der keine Gitarre spielt, sondern eine Geige wie eine Gitarre spielt, der kann es erst recht noch. Die „Bad Seeds“ kommen nicht wie bad seeds, sondern „episch“ daher — weil sie es können. 


Was ich mir bei den Songs vor dreißig oder mehr Jahren mal gedacht habe, und was ich vielleicht gedacht habe, als ich die Tickets gekauft habe, spielt keine Rolle: Er kann es noch, und wie. Alles andere ist Erinnerung.

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